Die Verachtung des Liberalismus gehört nirgendwo sonst in der westlichen Welt so sehr zum schlechten guten Ton wie in Deutschland. Nur Frankreich reicht da heran. In beiden Ländern gilt der Staat eher mehr und der Bürger eher weniger; die Frage, warum das so ist, und zwar ganz im Gegensatz zu den angelsächsischen Ländern, ist ein Dauerbrenner für Philosophen und Historiker.

Zur Ironie der gegenwärtigen Lage gehört die plötzliche Renaissance des Begriffs "Liberalismus", den hierzulande zuletzt alle, von links bis konservativ, gegen die Rechtspopulisten verteidigen wollten. Allerdings war in der vergangenen Woche die deutsche Welt wieder in Ordnung, nachdem FDP-Chef Christian Lindner die Sondierungen zur Regierungsbildung abgebrochen hatte: Zwar konnte man darüber mit guten politischen und demokratietheoretischen Gründen depressiv werden. Jedoch im tiefen Entsetzen, in der Häme und klammheimlichen Freude über diese, na wer sagt’s denn, verantwortungslosen liberalen Egos, steckte unverkennbar Bismarcks unseliger antiliberaler Geist. Von verantwortungs- zu vaterlandslos ist es in Deutschland nie besonders weit gewesen, und einmal dort angelangt, lag bekanntlich volksfremd ganz in der Nähe.

Was hätte wohl der Liberale Theodor Mommsen zu Christian Lindner gesagt? Vielleicht ist es ungerecht, bei diesem großen, vor zweihundert Jahren im schleswigischen Garding als Pfarrerssohn geborenen Gelehrten mit der Politik zu beginnen. Er selbst fand das durchaus passend, wie man in den später viel zitierten Sätzen seiner Testamentsklausel von 1899 nachlesen kann: "Aber in meinem innersten Wesen, und ich meine, mit dem Besten was in mir ist, bin ich stets ein animal politicum gewesen und wünschte, ein Bürger zu sein."

Mommsen fährt mit seinem rabenschwarzen Richtspruch über die Deutschen fort: "Das ist nicht möglich in unserer Nation, bei der der Einzelne, auch der Beste, über den Dienst im Gliede und den politischen Fetischismus nicht hinauskommt." Diesen und viele andere Texte Mommsens findet man jetzt in einem Lesebuch, das der Berliner Althistoriker Wilfried Nippel aus Anlass des Jubiläums herausgegeben hat; nicht nur die Weite des intellektuellen Horizonts, sondern auch die stilistische Schärfe und Brillanz führt es einem eindrucksvoll vor Augen.

Theodor Mommsens politischer Weg war typisch für den deutschen Liberalismus im 19. Jahrhundert. Nach einem juristischen Studium stürzte er sich 1848 als liberaler Redakteur in Kiel ins revolutionäre Getümmel. Solche nachhaltig prägenden, leidenschaftlichen journalistischen Anfänge erlebten übrigens auch die beiden anderen Titanengestalten, deren Jubiläen im kommenden Jahr anstehen: Karl Marx und Jacob Burckhardt. Im Herbst 1848 wurde Mommsen Professor in Leipzig und engagierte sich weiterhin wie so viele seiner Kollegen für die Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche, für Einheit und Freiheit. Nach der gescheiterten Revolution wurde er 1851 wegen seiner politischen Gesinnung entlassen; einer Haftstrafe war er in zweiter Instanz entgangen. Vehement engagierte er sich zunächst gegen Bismarck, folgte ihm und Preußen in der außenpolitischen Reichseinigung 1871, saß von 1863 bis 1866 sowie von 1873 bis 1879 im Preußischen Abgeordnetenhaus und von 1881 bis 1884 schließlich im Reichstag – dort dann wiederum als scharfer liberaler Kritiker des Eisernen Kanzlers, seiner Schutzzollpolitik und seiner Sozialversicherungspläne.

Aus Mommsens späten Jahren kennt man die Urteile, Bismarck habe "der Nation das Genick gebrochen"; der Kanzler hatte den Historiker sogar mit einer vergeblichen Beleidigungsklage bedacht. Bismarck fand ihn naturgemäß "ganz einfältig, wenn er sich in Politik mengt". Bemerkenswert ist Mommsens sozialliberaler Bekenntnistext Was uns noch retten kann von 1902: Ein Jahr vor seinem Tod plädierte der alte Liberale für eine Annäherung an die Sozialdemokratie. "Es darf nicht mehr geschehen, daß der Freisinnige dem unverschämten oder verschämten Reaktionär seine Stimme lieber gibt als dem Sozialdemokraten." Denn: "Jedermann in Deutschland weiß, daß mit einem Kopf wie Bebel ein Dutzend ostelbischer Junker so ausgestattet werden könnten, daß sie unter ihresgleichen glänzen würden."

Tatsächlich war Mommsen noch politischer als die vielen politischen Professoren, die seit 1848 für Deutschland typisch wurden. Zugleich war er eine internationale Berühmtheit, zu deren Trauerfeier 1903 der Kaiser sich immerhin von seinem Kronprinzen vertreten ließ. Wer jetzt die Rede Theodor Mommsens anlässlich des Geburtstags Kaiser Wilhelms I. 1881 liest, kann sich darüber nur wundern: Denn die Parallelen zwischen Hohenzollernmonarchie und augusteischem Prinzipat im alten Rom, die der Festredner zieht, sind keineswegs schmeichelhaft, ja sie sind von der ironischen Abgründigkeit eines Edward Gibbon – auch wenn sie in einem anlassgemäßen "Gott schütze den Kaiser!" münden.