Im umkämpften Kirkuk bekommt der Dokumentarfilmer Fritz Ofner das wohl lukrativste Angebot seines Lebens. Er, der Typ aus Austria, könne doch für Nachschub an der Waffenfront sorgen, schlägt die lachende Stimme des Waffenschiebers vor, dessen Hand fest eine Glock umklammert. Denn die meistverkaufte Pistole der Welt, dieses österreichische Erfolgsprodukt, ist auch auf irakischen Schlachtfeldern die Knarre erster Wahl. Bei Milizen und kurdischen Peschmerga ebenso wie bei irakischen und westlichen Streitkräften – und natürlich auch bei den Terroristen vom IS.

Mit der Glock hat Österreich einen seiner wohl größten Verkaufsschlager hervorgebracht. In Blockbustern zücken Hollywoodstars das Kultobjekt aus der Kärntner Waffenfabrik, Rapmusiker beschwören in ihren Texten seine tödliche Unfehlbarkeit, im realen Leben setzen Soldaten und Polizisten genauso wie ihre Gegner aus der Unterwelt auf die Glock. Nur in ihrem Heimatland ist sie kein Thema. "Jeder noch so kleine Beitrag zum Weltgeschehen wird stolz bejubelt, über diese Firma gibt es aber ein völliges Diskursvakuum", sagt Fritz Ofner. Der Wiener Filmemacher hat sich deshalb vor fünf Jahren auf die Spuren der Waffe gemacht. Weapon of Choice heißt sein Dokumentarfilm, der am Donnerstag,  30. November, zur Eröffnung des Filmfestivals für Menschenrechte This Human World im Gartenbaukino in Wien zum ersten Mal gezeigt wurde.

Dass der Film erst jetzt zu sehen ist, hat neben den weitverzweigten Schauplätzen einen simplen Grund, den sich das Publikum im Laufe der 90 Minuten wohl selbst zusammenreimt: Anwälte des Konzerns scheuen gewohnheitsmäßig keine Mittel, um zu verhindern, dass Informationen und Einblicke aus dem verschwiegenen Glock-Imperium an die Öffentlichkeit gelangen.

Entsprechend taucht auch der Mann hinter der Legende nicht auf der Leinwand auf. Gaston Glock, 1929 in Wien geboren, Anfang der achtziger Jahre Erfinder einer damals völlig neuartigen Pistole. Eine halb automatische Schnellfeuerwaffe, teils aus Plastik, daher leicht und billig zu produzieren. Mit großem Magazin, doch selbst für schießwütige Anfänger vergleichsweise zuverlässig und einfach zu bedienen.

Es tut dem Film keinen Abbruch, dass er sich weder dem öffentlichkeitsscheuen Gründer noch dem Unternehmen direkt nähern kann. Fritz Ofner spricht von einem "investigativen Essay", ein Widerspruch freilich, der hier aber einen Blick auf die Tragweite dieses österreichischen Kapitels gibt, wie man ihn bislang nicht zu sehen bekommen hat. Die erzählerischen Sequenzen in Weapon of Choice tauchen ein in den Mythos Glock und zeigen seine gesellschaftspolitischen Auswüchse. Das ist etwa der Ghetto-Gangster auf einer Couch in Chicago, der so sehr allen Stereotypen zu entsprechen scheint, dass man sich verwundert die Augen reibt. Ein Sofa kommt auch im Fall der Trainerin auf der texanischen Shooting-Range vor: Ohne den "Fortsatz meines Körpers" fühle sie sich nackt – auch dann, wenn sie mit ihrem Mann abends lediglich vor dem Fernseher sitze.

Die Dreharbeiten fanden im Kleinst-Team statt, vor Ort waren nur Ofner und seine Co-Regisseurin Eva Hausberger. So konnten es sich die beiden bei bescheidenem Budget leisten, wochenlang ohne Kamera unterwegs zu sein, Vertrauen aufzubauen und die Dreharbeiten vorzubereiten. Man spürt den studierten Kulturanthropologen in Fritz Ofner, der öfters zum teilnehmenden Beobachter wird. Der Preis, der im Gegenzug abverlangt wird: Auf cineastisch inszenierte Bilder muss der Zuseher verzichten.

Eindringlich wird es dennoch. Etwa bei der Begegnung mit jenem US-Elitesoldaten, der 2003 als Erster in ein schmales Erdloch hinabgestiegen war, um Saddam Hussein festzunehmen. Zum soldatischen Pflichtauftrag gehörte nebenbei, die Wertsachen des irakischen Ex-Diktators zu sichern und dem US-Präsidenten zu übergeben – in erster Linie eine Pistole aus Österreich. Vorweg: Wie ein Held fühlt sich dieser Soldat am Ende keineswegs.

Im Fortlauf stellt der Film unbequeme Fragen: Wie wurde der kleine Kärntner Familienbetrieb zum Global Player? Warum liegt die Glock so häufig in den Händen von Kriminellen und Kriegstreibern? Warum können IS-Terroristen mit den Waffen made in Austria wüten, obwohl ein Export in kriegführende Staaten ebenso wie an menschenrechtswidrige Parteien verboten ist?

Im Ursprungsland Österreich kommt man mit solchen Fragen nicht viel weiter denn bis zu den Society-Beiträgen, die Glock von seinen schillernden Pferderennen am Wörthersee und seinen Charityaktionen verbreiten lässt. Oder bis zu den Betonmauern, die das Werk in Deutsch-Wagram (neben Ferlach die zweite Produktionsstätte in Österreich) in eine Festung verwandeln. Dieselben Mauern zwängen von drei Seiten auch den jüdischen Friedhof ein, der dahinter verfällt. Aber wie immer gibt es nur eine Losung: "Kein Thema."

Erwartungsgemäß verweigert der Konzern jede Auskunft, Mitarbeiter unterliegen strenger Schweigepflicht – die nur ehemalige Gehilfen zu brechen wagen, die nichts mehr zu verlieren haben. Etwa der Ex-Firmenanwalt und frühere US-Chef des Konzerns, Paul Jannuzzo, den Glock 2009 mit dem Vorwurf des Betrugs und Diebstahls einer Pistole vor Gericht zerrte. Von Jannuzzo erfährt man etwa, wie der Konzern kritische Nachfragen verhindert. Oder warum ein texanischer Amokläufer, der mit seiner Glock wahllos Menschen killt, dem österreichischen Hersteller hilft, Prestige zu schinden.

Noch abstruser wird ein Besuch im Luxemburger Knast, wo Charles Ewert wegen versuchten Auftragsmords an Gaston Glock sitzt – für Befremden sorgt nicht nur das irre Lachen des als "Panama-Charly" bekannten Ex-Treuhänders von Glock (der nebenbei und höchst aktuell erklärt, wie man über Steueroasen Geld scheffelt, das es nicht gibt, und wie er das für Gaston Glock bewerkstelligte). Lückenlose Aufklärung kann man sich bei solchen dubiosen Verwicklungen zwar nicht von dem Film erwarten. Doch er wirft Fragen auf, die erst einmal laut gestellt werden müssen. Fragen, die auch Verantwortliche in Österreich betreffen müssten.

Noch bevor Weapon of Choice ein erstes Mal zu sehen sein wird, haben die Filmemacher übrigens schon Post vom Anwalt des Konzerns bekommen: Glock droht darin mit rechtlichen Konsequenzen. Eine Überraschung war dieser Brief freilich nicht.