Jedem Depot-Inhaber fällt in diesen Wochen ein Paket Papier seiner Bank durch den Briefschlitz, bis zu 80 Seiten dick. Oft folgt ein Anruf des Wertpapierberaters. Grund: Am 3. Januar 2018 treten die neuen Regeln der EU-Richtlinie MiFID II in Kraft, die Vorschriften der EU zur Wertpapierberatung und zum Anlegerschutz. Deutschland hat sie mit dem Zweiten Finanzmarktnovellierungsgesetz umgesetzt. Aber was bedeuten diese Wortungetüme für Anleger?

Zunächst: Die Wertpapierberatung wird noch bürokratischer, Sparer werden mit noch mehr Papier zugeschüttet, der Verwaltungsaufwand der Finanzinstitute wird noch größer. Aber: Das alles geschieht im Namen von Transparenz und Anlegerschutz und um eine Branche aufs Wohlverhalten festzunageln, die Banken aber auch juristisch abzusichern.

Wer künftig mit seinem Anlageberater telefoniert, sollte wissen: Das Gespräch wird aufgezeichnet und kann in Streitfällen als Beweismittel dienen. Ablehnen kann man diese Kontrolle nicht. Die Aufzeichnungen werden fünf Jahre, auf Verlangen der Aufsichtsbehörde BaFin auch sieben Jahre aufbewahrt. Wer keine Aufzeichnung will, muss die Filiale besuchen.

"Früher hatte man als Wertpapierberater im Kopf, wie viel Liquidität ein Kunde brauchte, wie viel Geld er für ein Depot abzweigen konnte, wie sein Anlagehorizont war", sagt ein Berater der Deutschen Bank. "Jetzt muss das alles mit dem Kunden festgelegt, protokolliert, vom Kunden abgesegnet werden, und daran richten sich dann die Anlageempfehlungen aus." Das bisherige Beratungsprotokoll wird zur "Geeignetheitserklärung". Wer fortan mit seinem Berater bespricht, dass er lieber "defensiv" anlegen möchte, dem können später nicht höhere Risiken untergejubelt werden.

Deshalb werden Wertpapiere nun in sieben Risikoklassen eingestuft. Die sollen dem Kunden zeigen, mit welchen Verlusten er im Extremfall rechnen muss. Das aber hat skurrile Folgen. Aktien zum Beispiel fallen nun in dieselbe Risikoklasse wie hochspekulative Anleihen niedrigster Qualität. Der Grund dafür: Es gab in den vergangenen vier Jahrzehnten Fälle, in denen Einzelaktien innerhalb von zwölf Monaten die Hälfte ihres Werts eingebüßt haben. Obwohl das bei Aktien deutlich seltener vorkommt als bei spekulativen Ramschpapieren, werden Kunden davor nun gewarnt.

Die Wertpapierberater müssen bis Ende des Jahres mit jedem Kunden klären, wie sein Anlageziel aussehen soll und bis zu welcher Risikoklasse er investieren möchte – unzählige Anrufe stehen bevor.

Ein Vorteil der neuen Regeln: Künftig erhält jeder Anleger vor dem Kauf von Wertpapieren eine "Ex-Ante-Kosteninformation". Sie soll auflisten, wie hoch die Provision, der Ausgabeaufschlag oder Rücknahmeabschlag und die Depotgebühren des Papiers sind. Es wird vorgerechnet, wie hoch die Rendite ohne Kosten wäre und um wie viel Prozent die Rendite im letzten Jahr durch die Kosten des Verkaufs sinken wird. Wer sich die Zahlen anschaut, dem wird endlich klar, welch hoher Prozentsatz der vermeintlich guten Rendite bei manchen Anlagen von den Kosten aufgefressen wird.

Die Informationsflut wird damit nicht enden: Einmal im Jahr müssen Wertpapierberater jedes Depot auf die Eignung für den Kunden überprüfen. Zusätzlich werden jedes Quartal Depot-Aufstellungen verschickt – bei 28 Millionen Depots in Deutschland also 112 Millionen Briefe im Jahr. Wem die Flut zu viel wird, der meldet sich zum Online-Banking an und aktiviert sein elektronisches Postfach. Alle anderen brauchen einen neuen Ordner – oder vielleicht auch einen großen Papierkorb.