Restaurantkinder

Wenn ich Last Christmas höre, denke ich an die talentierten Kinder, die nach der Schule nie Zeit hatten, weil sie in den Restaurants ihrer eingewanderten Eltern helfen mussten, wie auch meine Schulfreundin Yu-Ling. Jeden Nachmittag saß sie im Chinarestaurant Golden in Hamburg-Wandsbek in der Mitarbeiterecke, zeichnete in ihren Schulblock wunderbar melancholische Modeentwürfe, servierte Reisschüsseln, schenkte Cola aus und erledigte dazwischen Hausaufgaben. Ihre Wohnung sah ich nie, was nicht schlimm war, denn im Golden gab es Haifischflossensuppe, was ich sehr mochte, aber heute nicht mehr essen würde.

Wenn sich das Restaurant am Nachmittag geleert hatte, übten wir zwischen den Drachenskulpturen und Bogenhanfkübeln Tanzschritte zu Songs wie Comment ça va von den Shorts (1983). Eines dieser begabten Restaurantkinder war auch der junge Georgios Panayiotou aus London, Sohn eines zypriotischen Gastronomen, der später zu George Michael wurde und schon mit 17 Jahren die teuflische Ballade Careless Whisper komponierte – als Engtanzlied für die Gäste eines Restaurants, in dem er als DJ arbeitete. In dem berühmten Video von Last Christmas wird interessanterweise keine einzige Sekunde getanzt, dafür gibt es eine lange Tischszene, voller Geschirrstapel, Sehnsuchtsblicke und Verlangen. Der Kontakt zu Yu-Ling brach mit den unterschiedlichen Schulverläufen ab, zuletzt hörte ich, sie besitze ein italienisches Eiscafé, ob ihre Kinder da helfen müssen, weiß ich nicht.

Schamhaare

Wenn ich Last Christmas höre, einen Song aus dem Jahr 1984, der seither nicht vom Thron des meistgespielten Weihnachtslieds gestoßen wurde, erinnere ich mich an die Zeit, in der Haare von allen Plattencovern sprossen. Damals war die Vorstellung, ein Erwachsener würde sich freiwillig die Schamhaare entfernen, undenkbar. Man kann davon ausgehen, dass die jungen, attraktiven Briten, die im Video von Last Christmas auftreten, um gemeinsam Weihnachten in einem eingeschneiten Schweizer Chalet zu feiern, allesamt unrasiert sind.

Deshalb sind ihre Blicke auch so aufregend, in ihren Schamhaaren reicherten sich Lockstoffe an, die durch die dicksten Winterpullis hindurch ihre Magie entfalteten. Es sollte neidisch machen, dass diese Briten zusammen sein konnten, ohne sich zwanghaft vorzustellen, wie das aussehen würde, wenn man es bei Pornhub reinstellt. Diese Romantik war warm und weich wie bunte Achtziger-Jahre-Pullover.

Merry Christmas, Auftraggeber

Wenn ich Last Christmas höre, stelle ich mir vor, wie schön es wäre, wenn mich ein Auftraggeber mal zu einer betrieblichen Weihnachtsfeier einladen würde. Dann könnte ich die Kollegen kennenlernen, mit denen ich nur maile und telefoniere, könnte sie beim Gansessen beobachten, ihnen die Soßenflecken von der Krawatte oder Bluse tupfen. Leider werden Freiberufler nie zu Feiern eingeladen, all das Wichteln und Punschtrinken bleibt eine Sache der Festangestellten. Was uns Freiberuflern bleibt, ist der Song Last Christmas.

Manchmal vergeht die Adventszeit so schnell, dass man das Lied nicht mehr als zweimal im Radio gehört hat. Das ist traurig. George Michaels gestöhntes, gesungenes "Aa-ha" und "Uu-hu" ist so himmlisch und entspricht genau der frivolen Natur derjenigen Freiberufler, die einerseits bedauern, keinen festen Job zu haben, und gleichzeitig nicht darauf verzichten wollen, nachts durchzuarbeiten und vormittags auszuschlafen, wenn das auch bedeutet, alles selbst zu machen und das ständig, inklusive betrieblicher Weihnachtsfeiern, "Aa-ha – uu-hu".

Schwule Mädchen

Wenn ich Last Christmas höre, dann weiß ich wieder, dass ich lange davon träumte, einen Popstar zu heiraten, was bereits die Steigerung des Kindertraums war, Justus Jonas von den Drei Fragezeichen zu heiraten oder wie Phantomias – die Alias-Superheldengestalt von Donald Duck – nachts zur Superheldin zu werden und Menschen vor dem Bösen zu retten.

Als ich erwachsen genug war, um eine Weile nicht mehr ans Heiraten zu denken, wünschte ich mir, dass George Michael mit mir zum Hamburger Edelitaliener Paolino geht. Auf dem Weg zur Uni fuhr ich jeden Tag mit dem Fahrrad an dem Restaurantschiff vorbei, das an der Alster lag, wissend, dass sich dort die Hamburger Medienszene trifft. Es war wohl der Traum davon, sich vom Gefühl des Verkanntseins mit einem Schlag zu befreien, indem so ein übergalaktischer, aber gleichzeitig ernst zu nehmender, nachdenklich wirkender Popstar demonstriert, dass diese Sarah Khan schon einen Gang zum Edelitaliener wert ist. Der einzige Mensch, für den der mottige Traum eines jungen Mädchens wahr wurde, ist Klaus Wowereit, der ehemalige Berliner Bürgermeister, der sich als erster deutscher Spitzenpolitiker als homosexuell outete, mit ihm ging George Michael im Jahr 2006 zum Edelitaliener Bocca di Bacco in der Friedrichstraße.

London

Wenn ich Last Christmas höre, erinnere ich mich daran, wie ich im Sommer 1983 mit meiner pakistanischen Tante, die popkulturell sehr orientiert war, im Londoner Stau steckte und sie plötzlich einen Kreischanfall bekam, weil George Michael und Andrew Ridgeley – Wham! – neben uns im Stau standen. Ich hatte genug Zeit, die beiden mir unbekannten Popstars, die gerade die Singles Bad Boys und Club Tropicana veröffentlicht hatten, durch das Autofenster zu beobachten.