"Hier ist die AfD-Totenkopfstandarte, du wirst erschossen, du Sack! Die Stelen kommen weg, sonst raucht es!", hat der Mann am Telefon gebrüllt. Philipp Ruch, der Gründer des "Zentrums für Politische Schönheit", sitzt in seinem Berliner Büro und schält eine Mandarine. Der Anruf galt ihm und seinen Mitstreitern, und inzwischen sind an die hundert weitere Morddrohungen eingegangen – seit die Aktivisten vergangene Woche vor dem Haus des Thüringer AfD-Fraktionsvorsitzenden Björn Höcke einen Nachbau des Berliner Holocaust-Mahnmals enthüllt haben. Ruch wirkt gut gelaunt. Je mehr Aufmerksamkeit, desto besser.

In seinem Vorzimmer rufen im Minutentakt Journalisten an, die Aktion läuft auf allen Kanälen. Ein Mitarbeiter gibt Ratschläge, wie man sich der Presse gegenüber verhalten soll, ein paar Statements seien schon ganz gut angekommen, die müsse man wiederholen. Björn Höcke hat Ruch und die anderen Künstler als "Terroristen" bezeichnet, die wiederum bezeichnen ihn als Nazi. Gerade hat Ruch mit der Polizei telefoniert und Anzeige erstattet, eine Stele des Mahnmals wurde offenbar letzte Nacht beschädigt. Auf Facebook kündigen die Aktivisten an, das Schlaftagebuch von Höckes Frau zu veröffentlichen und was Höcke an Hitlers Geburtstag getrieben hat. So soll es nun täglich weitergehen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen versuchter Nötigung gegen die Aktionskünstler.

Philipp Ruch sagt: "Das Zentrum wurde gegründet, um Hetzern das Leben zur Hölle zu machen."

Bornhagen, Montag, 20. November: Ein Dorf in Thüringen wird zur Kampfarena der Weltanschauungen. Etwa zwanzig junge Männer und Frauen rammen 24 Stelen in einen Garten. Es ist kalt und windig und regnet seit Tagen. Der Garten gleicht einer Schlammbrache, er ist mit Zeltplanen und Mülltüten überspannt, immer wieder reißt der Wind ein Stück herunter, dann entlädt sich ein Schwall Wasser auf die Männer und Frauen vom Zentrum für Politische Schönheit. Die Stelen wurden mit Lastwagen hierher transportiert, am Ende werden sie bis zu zwei Meter hoch aus dem Boden ragen. Björn Höcke, der Bewohner des großen, 500 Jahre alten Pfarrhauses weiter oben am Hang, wird einen guten Blick auf sie haben, wenn er aus dem Fenster schaut.

Im vergangenen Januar hat Höcke das Berliner Holocaust-Mahnmal in einer Rede in Dresden als "ein Denkmal der Schande" bezeichnet, das sich kein anderes Volk in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hätte. Nun bekommt er sein persönliches Holocaust-Mahnmal in Miniatur.

Tagelang haben die Aktivisten am Aufbau der Stelen gearbeitet, seit dieser Nacht hilft ihnen eine Firma. Die Handwerker ahnen nicht, was sie dem AfD-Politiker da in den Nachbargarten stellen.

Drinnen, in der Wohnung der Aktivisten, stehen ein paar alte Sofas, Matratzen liegen auf dem Boden, überall Rucksäcke und Klamotten. Im Korridor hat sich ein Schlammpfad gebildet, die Aktivisten nennen ihn die "braune Thüringer Straße". Morius Enden meint, man müsse jetzt bald einmal sauber machen. Er ist 26, hat Politikwissenschaften studiert und ist seit drei Jahren beim Zentrum. Den Nachbarn über ihnen hat er erzählt, eine Freundin bereite eine Verlobungsparty vor, sie bauten dafür eine Fotoausstellung in den Garten. Die Nachbarn fanden die Idee entzückend. Sie baten nur darum, dass es nachts nicht so laut werde, der kleine Sohn müsse schlafen.

Eigentlich sollte das Mahnmal schon an jenem 20. November enthüllt werden. Aber in der Nacht hat der FDP-Vorsitzende Christian Lindner den Plan zerstört und Björn Höcke gerettet. Vorerst. Die Jamaika-Koalition ist gescheitert. Philipp Ruch und die anderen haben deshalb entschieden, die Enthüllung um ein paar Tage zu verschieben. "Sonst landen wir irgendwo im Feuilleton", sagt Ruch. Deutschlands Journalisten interessieren sich jetzt für die nächste Bundesregierung und nicht für ein paar Aktionskünstler in Thüringen.

Bornhagen, ein Dorf mit 300 Einwohnern, nur wenige Kilometer von der ehemaligen innerdeutschen Grenze entfernt, wirkt wie ein Wirklichkeit gewordenes Postkartenmotiv. Sanfte Hügel, Fachwerkhäuser, eine Burgruine. Hier wohnt Björn Höcke mit seiner Frau und den vier Kindern. In Interviews nennt er das Dorf "mein Refugium". Die Berliner Künstler sind gekommen, um ihm diesen Rückzugsort zu nehmen.

Zwei Tage später, Mittwoch, 22. November, die Aktion beginnt: Die jungen Männer und Frauen haben die Zeltplanen abgenommen, mehrere Kamerateams laufen durch den Stelen-Garten. Der Nachbar von oben, der an die Verlobungsgeschichte glaubte, schaut aus dem Fenster und sagt: "Kein Kommentar." Später steigt er ins Auto und fährt weg, es wirkt wie eine Flucht.

Auf der Straße vor dem Haus steht Franz Brumm, ein älterer Herr, auch er ein Nachbar und, wie er selbst sagt, der beste Kumpel von Björn Höcke. Er brüllt: "Ihr Dreckspack, lasst die Familie Höcke in Ruhe!" Brumm sieht aus, als wolle er gleich die Wohnung der Aktivisten stürmen. Ein kurzer Ausblick auf das, was noch folgen wird an diesem Tag.

Gegen elf Uhr klingeln zwei Polizisten an der Wohnungstür, Morius Enden und eine weitere Mitarbeiterin des Zentrums öffnen.

"Wie lange soll das gehen?", fragt einer der Beamten. Die Aktivisten antworten, das wüssten sie nicht. Die Polizisten ziehen wieder ab.

Zur selben Zeit läuft im Netz bereits eine Spendenkampagne für die Mahnmal-Aktion. Am Ende werden fast 100.000 Euro zusammenkommen, das würde für die nächsten sechs Jahre reichen. Ein auf der Website des Zentrums veröffentlichter Film beginnt mit dem Satz: "Stellen Sie sich vor, in Ihrem Land hetzt wieder ein Rechtsradikaler." Bilder von Höcke. "Stellen Sie sich vor, Menschenhass wird wieder parteimäßig organisiert." Höckes Haus und Grundstück in Bornhagen werden eingeblendet. Der Sprecher sagt: "Das Zentrum wohnt seit zehn Monaten Zaun an Zaun zum Posterboy der Rechten." Man sieht einen Mitarbeiter hinter einer Gardine hervorspähen, in Tarnkleidung mit Fotoapparat durch die Hügel streifen. Der Thüringer Verfassungsschutz habe bei der Verfolgung des rechtsextremen NSU versagt, sagt der Sprecher, der Bundesverfassungsschutz beobachte Höcke nicht, deshalb gründe das Zentrum für Politische Schönheit nun einen "zivilgesellschaftlichen Verfassungsschutz".

Es folgen Aufnahmen von Orten, an denen Höcke in den vergangenen Monaten offenbar gewesen ist: ein Baumarkt, ein Haus mit Swimmingpool, ein Hotelzimmer in Erfurt.

Schnitt, Höcke am Rednerpult in Dresden, der Jubel seiner Anhänger. Der Sprecher im Video sagt: "Wir schlagen ihm einen einmaligen Deal vor." Wenn Höcke vor dem Mahnmal auf die Knie falle wie einst Willy Brandt und aufrichtig um Vergebung bitte, dann werde der "zivilgesellschaftliche Verfassungsschutz" aufgelöst. Andernfalls stünden mehrere aufschlussreiche Dossiers zur Veröffentlichung bereit.

Was sich im ersten Augenblick wie ein Scherz anhören mag, ist ernst gemeint. Seit zehn Monaten beobachten Mitarbeiter des Zentrums für Politische Schönheit tatsächlich Björn Höcke, seit zehn Monaten haben sie all dies geplant.