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Ich bin erst seit zehn Minuten im deutschesten aller Warenhäuser, dem Karstadt am Hermannplatz in Berlin-Neukölln, und habe mich schon bei unterschiedlichsten Verkäuferinnen nach der Kompatibilität von Spielzeugeisenbahnschienen, der Herkunft von Make-up-Döschen oder nach einer ganz bestimmten Ausführung einer irischen Handtasche erkundigt. Alles auf Englisch. In der Confiserie reichen sich drei Angestellte meine Frage nach einer sehr speziellen Schokoladenmarke weiter, bis einer dann in äußerst passabler Aussprache antwortet: "Ziz is not in our range. I am sorry." Alles sehr freundlich, sehr geduldig und für Berliner Verhältnisse sogar mit einer erstaunlichen Wärme.

So beginnt mein kleines Experiment um 10 Uhr morgens an einem herrlichen Herbsttag des Jahres 2017. Der konservative CDU-Politiker Jens Spahn hatte sich beschwert, dass man in manchen Berliner Restaurants nur noch auf Englisch bedient werde, etwa in Neukölln. In jenem Neukölln ausgerechnet, vor dessen türkischen und arabischen Parallelgesellschaften der Ex-Bürgermeister Heinz Buschkowsky immer gewarnt hatte. Und auch Spahn beklagt ja an anderen Tagen, er sehe dort zu viele Kopftücher. Nun sollen also plötzlich die Hipster das Problem sein, weil sie zu viel Englisch reden.

Ich mache die Gegenprobe: Wie weit kommt man als englische Muttersprachlerin in Neukölln, wenn man Englisch und wirklich nur Englisch spricht? Ist der weltweit bekannte Problembezirk tatsächlich schon so rundum global aufgestellt, wie Spahn behauptet?

Am Hermannplatz ist Markt, die Verkäufer an den Ständen rufen durcheinander, auf Deutsch, Türkisch und Arabisch. Die Leute schlendern durch die Sonne. Hussein schenkt einem Obdachlosen in Khaki-Jacke und mit Rucksack einen Kaffee ein. Er scheucht ihn mit den Händen weg, als der mit seinen letzten 30 Cent bezahlen will. Hussein hat aus einem VW-Campingbus den Coffee Bus Berlin gemacht. Das Dach lässt sich aufschieben und wird zur Tafel hinter dem Tresen, der aus der Seite des Busses ragt und auf der all die Kaffeesorten stehen, die er anbietet: Lattes, Macchiatos, Americanos und Cappuccinos. "Laktosefrei, koffeinfrei, mit Sojamilch, ohne, wie auch immer Sie wollen", zählt er in perfektem Englisch auf. Wenn er mit Kunden spricht, wechselt Hussein vom Türkischen ins Englische, manchmal streut er sogar ein wenig Spanisch ein. "In diesem Teil der Stadt sollte man Englisch sprechen können", sagt er mit seinem amerikanischen Akzent. "Aber die meisten hier sprechen auch Deutsch, und die, die es noch nicht können, kommen manchmal nur deshalb her, um es zu lernen." Deutschlernen sei in den vergangenen Jahren stärker in Mode gekommen.

Hussein, 36, wurde im türkischen Antalya geboren und zog vor zwölf Jahren nach New York. Dort lernte er seine Frau kennen. Vor eineinhalb Jahren beschlossen sie, von New York nach Berlin zu ziehen. An seinem Deutsch arbeitet er noch.

Die Hochzeitskleider im Brautmodengeschäft an der Ecke Weserstraße haben die unterschiedlichsten Farbtöne und kosten meist zwischen 289 und 299 Euro. Eine Verkäuferin kommt aus einem Hinterzimmer und versichert, sie spreche "wenig Englisch", allerdings reicht es, um uns aufzufordern: "Not photograph and not touch." Oben gebe es mehr "married dresses".

Wir folgen weiter der Weserstraße. Immer tiefer soll sie uns nach Neukölln hineinführen.

Vasiliki, eine in Griechenland geborene Berlinerin, trägt ein T-Shirt mit dem Slogan: "Was heißt schon okay?" Sie betreibt den Alpha and Omega International Afroshop. Hier gibt es Kosmetik für dunkle Hauttöne, veganes Make-up und ein großes Angebot von Haar-Extensions und Perücken, von Pink bis Knallrot, außerdem afrikanische, südamerikanische oder europäische Lebensmittel, Mango-Bier etwa, Malta Guinness oder Rotkäppchen-Sekt. Vasiliki spricht Englisch mit einem schweren Akzent. Sie hat es sich größtenteils selbst beigebracht, im Gespräch mit ihren Kunden, die von überallher kommen.

Wird ihrer Ansicht nach zu viel Englisch gesprochen in Neukölln?

"Wenn hier etwas viel gesprochen wird, dann Türkisch oder Arabisch", sagt sie. "Zu viel kann man aber gar nichts sprechen. Ist doch sowieso völlig egal, welche Sprache du sprichst. Wer behauptet, etwas werde zu viel gesprochen, der hat doch nur Angst vor Menschen."

Ihr Englisch ist wirklich sehr deutsch, aber je länger wir uns unterhalten, desto besser kann ich ihr folgen.

Ich merke, dass ich mein Englisch anpasse. Ich verschlucke Artikel und vereinfache die Grammatik, alles ganz unterbewusst, sodass auch mein Englisch deutscher klingt.