... der Jesidin, die ihre Familie verlor?

Wer die Hölle überlebt hat, darf nicht zurückschauen. So kennen die Europäer es aus dem Mythos: Wer sich umwendet und einen Blick zurück wirft, fällt der Hölle für immer anheim. Und in Wirklichkeit? Für Necla Mato aus dem Nordirak ist der Ort des größten Grauens ihr Heimatdorf Kocho. Dort verübte der "Islamische Staat" vor drei Jahren das schlimmste Massaker an den Jesiden. Über 1.400 Menschen wurden erschlagen, erschossen, enthauptet. Säuglinge an der Wand zerschmettert. Und junge Frauen wie Necla, damals 24, die das Pech hatten, zu überleben, wurden versklavt.

Was das heißt, erzählte sie Anfang August in der ZEIT. Keine zwei Wochen später stand Necla Mato zum ersten Mal wieder in Kocho, in jener Schule, wo sie und ihre Leute festgehalten worden waren, ehe die Hölle losbrach. Sie wollte unbedingt hierher zurück. Warum?

Düzen Tekkal, eine jesidische Filmemacherin, erfüllte ihr den Wunsch und begleitete sie. Tekkal war ursprünglich gegen diese Reise: zu gefährlich. Denn Mossul, die nahe IS-Hochburg, wurde im Juli erst befreit. Alle Partner vor Ort, sagt Tekkal, hätten abgeraten. "Kocho ist jetzt Niemandsland. Es liegt auf dem Gebiet der sunnitischen Kurden, wird aber kontrolliert von den schiitischen Haschd al-Schaabi, den Regierungstruppen des Irak." Außerdem sei das Dorf noch vermint. "Aber ich glaube, Necla wollte zeigen: Ich habe überlebt."

Für Düzen Tekkal war es die neunte Reise an die Stätten des Genozids. Seit 2014 war sie immer wieder im Nordirak, um das Schicksal der Jesiden zu dokumentieren. Die 39-Jährige, geboren in Hannover, Kind türkischer Einwanderer, ist keine Hasardeurin. "Je mehr ich recherchierte und mit Necla redete, desto größer wurde unsere Angst. Aber je näher wir dem Ort des Geschehens kamen, desto kleiner wurde die Angst." Gefährlich sei, was sich im Kopf abspiele. "Das muss man besiegen!"

Auf dem Filmmaterial aus Kocho, das Tekkal in diesen Tagen schneidet, sieht man Necla Mato laut weinend durch das zerschossene Foyer der Schule laufen. Wehklage und Anklage brechen aus ihr heraus. Sie schreit das Leid ihrer 45 toten Familienmitglieder zum Himmel. Sie trägt es vor die wenigen Überlebenden, die sich – am Jahrestag des Massakers – hergewagt haben und nun im Schutt sitzen. Sie berührt schließlich eines der Porträtfotos, die die Wände bedecken, es zeigt ihre ermordete Mutter. Auf Kurdisch ruft sie: "Wo bist du?" Dann auf Deutsch, direkt in die Kamera: "Ich bin stärker als der IS!"

Necla Mato wirkt anders als bei unserem Treffen im Sommer. Da sprach sie leise, fast unhörbar. Eine zarte, schon leicht ergraute Frau. Jetzt, in Kocho, droht sie ihren Peinigern. Sie will die Untaten bezeugen und gegen die Täter aussagen. Das ist ihr wichtig, auch wegen zweier Cousinen, die im Film auftreten: Sie gerieten 2014 mit acht und zwölf Jahren in die Hand des IS, waren als Sexsklavinnen in Mossul gefangen bis zum Juli 2017.

Düzen Tekkals Film wird Jiyan heißen, das kurdische Wort für Leben. Am 19. Dezember zeigt sie ihn in New York bei den Vereinten Nationen. Er handelt davon, dass man sich aus dem Dunkel zurückkämpfen kann ans Licht. 
Evelyn Finger