DIE ZEIT: Herr Kluger, herzlichen Glückwunsch!

Lars-Detlef Kluger: Wozu? Warum?

ZEIT: Sie sind der Mann des Jahres, besser gesagt: einer von Millionen Männern des Jahres. Über kaum jemanden wurde 2017 in Deutschland so viel gerätselt wie über Sie: den ostdeutschen Mann.

Kluger: Ich weiß schon, dass Sie mit mir reden wollen, weil ich ein Ostmann bin. Aber ich finde dieses Konstrukt Ostmann ein bisschen eigenartig.

ZEIT: Wir sind selbst ostdeutsche Männer, nur etwas jünger, und möchten mit Ihnen gewissermaßen von Ostmann zu Ostmann diskutieren.

Kluger: Aber ich sage Ihnen gleich: Ich rede nicht stellvertretend für alle anderen. Ich spreche nur für mich.

© Thomas Victor für DIE ZEIT

ZEIT: Eine unserer Kolleginnen hat Sie vor einigen Jahren in Dresden bei einer Podiumsdiskussion kennengelernt: als einen Mann, der sich über die herrschenden Zustände so sehr aufregte, dass er sich an Pegida-Demos beteiligte. Haben Sie bei der Bundestagswahl für die AfD gestimmt?

Kluger: Wir haben immer noch ein Wahlgeheimnis, das gilt sogar für Ostmänner, und das nehme ich für mich in Anspruch. Aber ich kann Ihnen sagen, dass ich 20 Jahre CDU-Mitglied war. Silvester 2015 bin ich ausgetreten. Diesmal habe ich die CDU nur noch mit der Erststimme wählen können, weil der Kandidat hier im Wahlkreis sehr in Ordnung ist.

ZEIT: Warum nicht mehr mit der Zweitstimme?

Kluger: Weil die Partei es zugelassen hat, dass alle konservativen Positionen abgeräumt wurden, die mir wichtig sind – angefangen bei der Familienpolitik, die eine siebenköpfige Familie wie meine völlig vergisst. Das werfe ich dem Rest der Partei mehr vor als Frau Merkel selbst: Es hat keinen nennenswerten Widerstand gegen die Politik der Kanzlerin gegeben. Die CDU ist zur nichtdiskutierenden Masse geworden. Und das liegt in erster Linie daran, dass die Partei das tut, was alle Parteien tun: Sie befördert Karrierepolitiker, die in ihrem Leben nichts anderes als Politik gemacht haben. Die von ihrem Amt abhängig sind. Und deshalb vom Jasagen.

Lars-Detlef Kluger, 47, hat zum Gespräch in seine Dresdner Wohnung geladen, nicht weit vom Elbufer. Hier lebt er mit seiner Frau und fünf Kindern zwischen 6 und 17 Jahren im Dachgeschoss eines Mehrfamilienhauses. Gleich am Eingang: eine Deutschlandfahne, daneben allerlei Dynamo-Dresden-Utensilien. Im Wohnzimmer ein kleiner PC-Arbeitsplatz. Kluger trägt Hemd und Anzug. Er wirkt ruhig, spricht langsam, nie merkt man ihm Zorn oder Ärger an.

ZEIT: Herr Kluger, ehe wir über die großen Fragen sprechen: Wo haben Sie den Abend der Bundestagswahl verbracht? Hier zu Hause, im Sessel? Und waren Sie vom Ausgang überrascht?

Kluger: Ich saß hier, wo ich auch jetzt sitze, vorm Fernseher. Zwei Tage vorher hatte ich mit Freunden auf das Wahlergebnis gewettet – und was soll ich sagen? Es ist das herausgekommen, was wir vermutet hatten. Bei der AfD hatten wir für das bundesweite Ergebnis alle zwischen 12 und 14 Prozent vorhergesagt. Dass die Partei im Osten 20 Prozent erreicht, hat mich aber schon überrascht.

ZEIT: Warum haben Ostdeutsche – mehr noch Ostmänner – so überdurchschnittlich oft AfD gewählt?

Kluger: Lassen Sie mich erst einmal demokratietheoretisch sagen: Ich finde es gut, dass ein nennenswerter Teil von Wählern, der sich bislang nicht repräsentiert fühlte, jetzt im Bundestag vertreten ist. Man kann eben nicht dauerhaft knapp 15 Prozent der Menschen mit ihren Positionen außerhalb des Parlaments halten. Dass der Ostmann deshalb jetzt das große Schreckensbild sein soll, verstehe ich nicht ganz. Und wenn Sie mich fragen, warum das Wahlergebnis im Osten zumeist ganz anders ausgefallen ist als im Westen – dann habe ich meine eigene These.

ZEIT: Nämlich?

Kluger: Ich bin 1970 geboren. In meinem Leben habe ich 19 Jahre Unfreiheit und Diktatur kennengelernt, das unterscheidet mich, uns Ostdeutsche, von Westdeutschen. Ich bin sogar froh, dass ich diese Unfreiheit erlebt habe. Andauernd mussten Männer wie ich mich fragen: Wie muss ich mich verhalten, wenn ich einen Platz in der Erweiterten Oberschule bekommen will? Welche Konsequenzen hat die Entscheidung, wie lange ich zur Armee gehe, für meinen späteren Lebensweg? Solche Fragen musste sich kein Westdeutscher meiner Generation stellen.