© Heike Bogenberger

Dieselbe Sonate klingt in einem kleinen Raum anders als in einer großen Halle, vor wenigen, von Abend zu Abend schon vertraut werdenden, geradezu verschworenen, musikverschworenen Zuhörern, und sie klingt auch anders, wie aus der Zeit gefallen, wenn man umgeben ist von religiösen Artefakten, viele Jahrhunderte alt: Im Kölner Diözesanmuseum Kolumba – der vielleicht sonderbarsten, schönsten, eigenwilligsten Kunststätte überhaupt in Deutschland – gab die Pianistin Pi-hsien Chen inmitten der Jahresausstellung eine Serie von beinah schon privaten Konzerten, jeden Monat eins, gewidmet jeweils einem Komponisten, von Bach bis Schönberg. Mehr Konzentration und zugleich Ambiente geht nicht, und so saßen wir Abend für Abend – wer einmal kam, wurde süchtig – buchstäblich zwischen Ikonen, Kruzifixen oder Reliquiaren, das Blickfeld durch die Exponate eingeschränkt, schlossen die Augen oder blickten auf die Skulptur eines Gemarterten, auf eine Monstranz, ein gotisches Ziborium – und hörten zu, eine Stunde, anderthalb, zwei.

Aber nicht nur die Umgebung, in dieser Konzertreihe das Mittelalter, die vornehmlich katholische Kunst, dringt in die Musik ein. Dasselbe Stück klingt auch anders, wenn man es von heute aus versteht. Von der Neuen Musik kommend, Schülerin Stockhausens, spielt Pi-hsien Chen einen Mozart, einen Scarlatti, selbst einen Schubert, der alle Erfahrungen der Moderne aufgenommen hat und gerade deshalb wie gereinigt wirkt, gereinigt von den bekannten Betonungen, Tempowechseln, Dramatisierungen. Jeden einzelnen Ton und jeden Widerklang legt sie frei, scheint über jeden Akkord kindlich zu staunen, macht jede Note voneinander unterscheidbar und zugleich in ihrem Zusammenhang erkennbar, verschafft selbst winzigsten Nuancen Achtung. Natürlich ist die Aufführung von ihrer besonderen Person wie auch von dieser Zeit geprägt, und doch ist es anderes als bloße Interpretation, mehr eine Hörbarmachung, als dass es eine Einfühlung behauptet. Damit aber korrespondiert Pi-hsiens Spiel mit den Ikonen, Kruzifixen oder Reliquiaren, insofern diese ebenfalls vorpsychologisch sind, nicht Subjektivität ausdrücken, sondern eine Idee, die für höher gehalten, die nicht einmal übersehen wird.

So bescherte uns das Kolumba eine, ja, transzendente Erfahrung, wie es sie in Gotteshäusern heute nur selten gibt, und dem "heiligen Köln" eine notwendige flüchtige, nur von wenigen wahrgenommene Wiederkehr. Ein Privileg, anwesend gewesen zu sein.