Mitten in Seoul überfiel mich ein starkes Heimatgefühl. Es war im Stadtteil Itaewon, einem bei Ausländern beliebten Ausgehviertel in der Nähe des riesigen US-Militärstützpunkts mitten in der südkoreanischen Hauptstadt. Ich stand in einem Supermarkt für internationale Waren, von italienischem Basilikumpesto bis zu amerikanischer Zahnpasta. Einige Großpackungen wirkten so, als könnten sie aus Armeebeständen stammen, und ich fragte mich unwillkürlich, auf welchen Wegen sie wohl in die Regale gelangt waren. Aber nicht die Verkaufsgüter waren es, die heimatlich wirkten. Es war der Besitzer.

Er kam mir unverkennbar indisch vor, nicht nur dem Aussehen nach. Sein flüssiges Englisch mit dem typischen südasiatischen Akzent, der etwas vollgestopfte Laden, die Brüder, Schwäger oder Cousins, die dem Unternehmen sofort einen großfamiliären Anstrich gaben – das alles findet man auch oft in Delhi, wo ich seit vier Jahren lebe. Es stellte sich dann heraus, dass der Händler aus Lahore stammte, also aus Pakistan. Aber von Seoul aus betrachtet, aus der Entfernung von einigen Tausend Kilometern, kam uns beiden der Unterschied nicht sehr bedeutend vor.

Ich bin in diesem Jahr ein paar Mal aus Indien in den "Fernen Osten" gereist, zweimal nach Südkorea und vor Kurzem nach Japan. Die Krise um das nordkoreanische Atom- und Raketenprogramm hat Ostasien zu einem der Brennpunkte des Jahres 2017 gemacht. Meine indischen Freunde schienen immer leicht überrascht, wenn ich ihnen von diesen Reisen erzählte. Gebildete Inder sind überhaupt nicht provinziell, viele haben im Ausland studiert oder gearbeitet. Doch ihr Ausland ist der Westen: die USA, die angelsächsische Welt von Kanada über Großbritannien bis Australien, teilweise auch Europa. Manchmal führt sie ihre Karriere nach Singapur, aber das war es dann schon, was den eigenen Kontinent angeht. Es ist, als würde Indien gar nicht zu Asien gehören.

In Tokio war plötzlich nicht die Umwelt der Risikofaktor – sondern ich war es selbst

Auch ich habe mich mit meiner Korrespondentensozialisation aus Delhi in Seoul oder Tokio erst einmal fremd gefühlt. Aus Indien bin ich ein gewisses Maß an Chaos gewöhnt und habe gelernt zu improvisieren. Aber mit Unordnung umzugehen ist etwas anderes, als eine Ordnung zu bewältigen, die man nicht versteht. In Indien kommen die Schwierigkeiten von außen: eine Straße, die voller Schlaglöcher ist, sodass man einen Termin nicht pünktlich erreicht; der Sekretär, der keinen Grund zu größeren Anstrengungen sieht, um seinen Chef in Verbindung mit diesem lästigen Journalisten zu bringen.

Doch Japan und Südkorea sind hochmoderne Länder, die Systeme des Alltags funktionieren perfekt. Hier war plötzlich nicht die Umwelt der Risikofaktor, sondern ich. Mit Schrecken erinnere ich mich an den Augenblick in Tokio, in dem mir klar wurde, dass ich an der falschen Station aus der Metro ausgestiegen war, in Yurakucho statt in Ishigaya. Ein penibel durchgetakteter Arbeitstag drohte zu kollabieren. In der reibungslos schnurrenden Stadtmaschinerieum mich herum fuhren die Züge pünktlich auf Dutzenden von Bahnsteigen ab, die Ströme von Menschen, die immer auf der richtigen Seite der Rolltreppe standen, rissen nicht ab. Es blieb kein Raum für Irrtum und Improvisation.

Was mich dann gerettet hat, war meine indische Gewohnheit, vorsichtshalber lieber eine halbe Stunde zu früh aufzubrechen. In der Präzisionsmetropole Tokio eigentlich unnötig. Aber für den unpräzisen Besucher war es genau das Richtige.