Kann es wirklich sein, dass es uns so gut geht? Und noch dazu: Immer gleich gut? Das fragen wir uns, seit wir im März dieses Jahres eine kleine, unscheinbare Box auf die Startseite von ZEIT ONLINE gesetzt haben. Sie stellt den Lesern eine einfache Frage: "Wie geht es Ihnen heute?" Darunter gibt es zwei Knöpfe, einen für "gut" und einen für "schlecht". Wer einen davon anklickt, kann seine Stimmung dann mit einem Wort präzisieren: entmutigt, verdattert, erwartungsvoll.

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Die Idee entstand in einer Themenrunde zur Bundestagswahl. Was würde dabei herauskommen, fragten wir uns in der Online-Redaktion, wenn wir unsere Leser laufend nach ihrer Stimmung befragten? Schwankt sie stark, oder bleibt sie konstant? Wie reagieren die Leser auf Ereignisse wie einen Terroranschlag, Gewalt am Rande des G20-Gipfels, eine Entgleisung von Donald Trump? Auf Wahlprognosen und Wahlergebnisse?

Seit die Box auf unserer Webseite steht, wurde die Frage mehr als 1,2 Millionen Mal beantwortet, jeden Tag nehmen zwischen 3.000 und 7.000 Menschen teil. Mehr als 350.000 Mal haben die Leserinnen und Leser ihre Stimmung mit einem Adjektiv untermauert, darunter auch Wortschöpfungen wie "untersommert", "netgeflixt" oder – ein Favorit der Redaktion – "weltfreundlich".

Die überraschendste Einsicht: Die Stimmung unserer Leserschaft schwankt kaum. Über den Tag gerechnet, sind stets zwischen 65 und 70 Prozent der Leser gut gestimmt – egal, ob in Frankreich ein neuer Präsident gewählt wird, in Hamburg die Barrikaden brennen oder der amerikanische Präsident mit Atomwaffen droht. Nur ein einziges Mal in diesem Jahr schlug die Stimmung um: In der Nacht der Bundestagswahl ging es schlagartig und über Stunden fast allen Lesern "schlecht". Das meistverwendete Wort in dieser Nacht war: "enttäuscht". Einen Tag später hingegen schwang die Stimmung wieder auf Normalpegel zurück.

Wie kann es sein, dass Tausende Teilnehmer im Kollektiv jeden Tag das gleiche Ergebnis hervorbringen? Noch dazu, da uns Nutzerdaten zeigen, dass sich die Teilnehmer von Tag zu Tag unterscheiden? Gerd Bosbach, Statistikprofessor an der Universität Koblenz, hat dafür eine Erklärung. "Die Stichprobe von mehr als 3.000 mag zwar nicht nach wissenschaftlichen Kriterien erhoben sein", sagt er. "Aber sie ist groß genug, um relativ stabil die Stimmung aller Leser abzubilden." Gerade die Konstanz der Ergebnisse zeige, dass die Befragung gut funktioniere. Die Quote von rund 70 Prozent gut gelaunten Abstimmungsteilnehmern entspreche wohl der tatsächlichen Stimmungsverteilung unter den Lesern.

Mehrheitlich zufrieden

Ein Anteil von 70 Prozent der Leser befand stets, es gehe ihm gut – ganz gleich an was für einem Tag im Zeitraum vom 23. März bis 23. November 2017. Nur die Bundestagswahl im September sorgte für deutliche Verstimmung

Doch warum schwankt die Stimmung nicht? Der Soziologe Jürgen Schupp leitet in Berlin das Sozio-ökonomische Panel (SOEP), das die Bürger in Deutschland seit Jahrzehnten danach fragt, wie zufrieden sie sind. "Wir wissen aus der Forschung, dass politische Ereignisse das Wohlbefinden kaum beeinflussen", sagt Schupp. Im Jahr der Bundestagswahl 2013 zeigte etwa der Soziologe Aljoscha Richter anhand von SOEP-Daten, dass sich Großereignisse wie Wahlen oder die Flutkatastrophe in Ostdeutschland fast gar nicht auf die Zufriedenheit der Befragten ausgewirkt haben. Lediglich die bayerischen Teilnehmer waren einen Tag lang zufriedener, nachdem Bayern München die Champions League gewonnen hatte.

Schon seit Jahrzehnten arbeiten Psychologen, Neurowissenschaftler und Soziologen daran, das Glück und die Zufriedenheit der Menschen zu vermessen. Einige stellen damit die einflussreiche statistische Maßzahl infrage, nach der die Situation eines Landes oft gemessen wird, das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Seit 2012 gibt es sogar einen World Happiness Report, in dem die Glücksmessungen aller Länder zusammenfließen. Deutschland landete dort zuletzt auf Rang 16 von 155 Ländern. Beim BIP landet es auf Platz 4.