Wir haben 25 Minuten. Wieder in Bremen, wieder in einer Garderobe der örtlichen Fernsehanstalt, genau wie vor vier Jahren, als Carla Bruni schon einmal hier war. Nebenan wartet Helge Schneider mit schwarzem Schlapphut und einem goldenen Wasserhahn an einer goldenen Halskette auf seinen Auftritt am Freitagabend. Carla Bruni ist mit ihrer Gitarre im Privatflugzeug nach Bremen gekommen. Sie tourt mit ihrer neuen Platte, elf ganz bezaubernd hingehauchten Coverversionen großer Hits von den Rolling Stones, Abba, Lou Reed und AC/DC.

Carla Bruni steht seit ihrem achtzehnten Lebensjahr auf der Bühne, als Model, als Chansonsängerin, als Freundin bedeutender Männer des Showbusiness. Weltberühmt wurde sie, als sie 2008 Nicolas Sarkozy geheiratet hat. Vier Jahre lang gab sie das Beste an der Seite des französischen Präsidenten, machte aber keinen Hehl daraus, dass sie auf eine weitere Amtsperiode als Première Dame sehr gut verzichten könne.

Was hat sich seit unserem letzten Treffen so getan? "Eigentlich ist nichts Besonderes passiert. Ich habe meine Kinder zur Schule gebracht, ich habe Sport gemacht, ich habe meine Texte geschrieben." Sprechen wir über ihre neue Platte. Ihre Stimme klingt wie gewohnt so zart und verhalten, als wolle sie nicht weiter stören. Gibt es einen Grund für diese Zurückhaltung? Hat sie an der Zartheit und Zerbrechlichkeit ihrer Stimme gearbeitet? Nein, sagt sie, die Stimme sei immer natürlich, sie käme direkt aus der Seele. Man könne sie nicht ändern. "Die Stimme kann nicht lügen, die Stimme, die Blicke und die Träume kommen direkt aus der Seele."

Aber ist es nicht doch schade, dass sie jetzt Englisch singt? Ist sie nicht das Gesicht des französischen Chansons? Ihr erstes Album hieß Quelqu’un m’a dit, ihr drittes Comme si de rien n’était. Wunderbar, wie David Letterman sich im US-Fernsehen bei Brunis Auftritt in den Satzschlingen dieser Titel verhedderte – comme si de rien n’était. So etwas wird kaum noch passieren. Das neue Album heißt French Touch. Der Produzent David Foster habe ihr die englischsprachigen Coverhits vorgeschlagen. "Künstler nehmen die Arbeit, wenn sie da ist." Und sie sei ja oft nicht da. Selbst Stars wie Beyoncé hätten nicht genug zu tun.

Ist es möglich, dass selbst Carla Bruni nicht machen kann, was sie will? Nein, sagte sie, "ich muss meinen Lebensunterhalt verdienen, meine Miete zahlen, die Schule meiner Kinder bezahlen, die Ferien". Sie sei, sagt sie, schließlich keine Milliardärin. Gegenfrage: Aber doch wohl Millionärin? Kurze, klare Antwort der Sängerin: "Ich kann Ihnen versichern, dass ich nicht Millionärin bin, auch wenn ich es gerne wäre." Ihre Arbeit sei kein Hobby, sie müsse sie machen. Und sie mache sie gerne. Außerdem liebe sie diese alten Lieder wie ihre eigenen: Jimmy Jazz, Miss You, The Winner Takes It All, Highway to Hell, Stand By Your Man, A Perfect Day . Bleiben noch vierzehn Minuten. Man muss das jetzt nicht vertiefen.

Themenwechsel: Alle reden im Moment über den Sexismus im Showbusiness. Ist ihr in ihrer Karriere jemals irgendein Harvey Weinstein über den Weg gelaufen? Nein, sagt sie, sie habe da Glück gehabt. "Und Ihnen?", fragt sie zurück. Aber wie soll man jetzt einem Weltstar aus Paris in dieser Eile das kleine Einmaleins der deutschen #MeToo-Debatte erklären? Vielleicht so: Nein, kein Weinstein. Aber es gebe ja auch die Erniedrigung mit Gesten und mit Worten. Das Große finge im Kleinen an.

Carla Bruni unterbricht: "Worte und Taten sind nicht dasselbe. Worte können erniedrigend sein. Aber wenn man von Vergewaltigung spricht, ist das ein Verbrechen." Sie sei immer sehr vorsichtig gewesen. Als Model habe sie absichtlich bei einer Agentur angeheuert, in der es nur Frauen gab. Und sie habe nie Probleme mit den Modedesignern oder den Fotografen gehabt. Ihren Kindern rate sie jedoch zu großer Vorsicht, auch ihrem Sohn, denn diese Sache betreffe schließlich auch Jungen. Und wenn ihre Tochter eines Tages in ein Zimmer zu einem Monsieur Weinstein bestellt werde, dann solle sie nicht hingehen. So erziehe sie ihre Tochter. Im Übrigen halte sie wenig von den aktuellen Denunziationen. "Ich glaube, wenn man solche Leute anzeigt, ändert sich nichts. Es wird sie immer geben. Die Gesellschaft kann sie nicht zum Verschwinden bringen." Wir geben zu bedenken: Könnte es sein, dass den Frauen einfach der Mut fehlt, sich beizeiten entschieden zu wehren? In Deutschland, der Heimat der Walküren, sei diese Ansicht durchaus verbreitet. Mon Dieu, sagt Carla Bruni da. So ein Weinstein wiege doch seine 120 Kilo!

Jetzt ein bisschen Tempo, noch fünf Minuten. Eine letzte, vielleicht zu persönliche Frage zu diesem Thema: Ob die Zeit der Alphamänner zu Ende gehe? Klare Antwort: Keineswegs, virile, maskuline Männer hätten es nicht nötig, Frauen zu missbrauchen. "Ich liebe Alphamänner, ich bin schließlich mit einem Alphamann verheiratet, doch der ist sehr gut erzogen, ein Gentleman."

Betrachtet man Fotos von Carla Bruni, sieht man seit Ewigkeiten: dieselbe hinreißende junge Dame hinterm langen Pony, mal mit, mal ohne Gitarre. Wir müssen also noch auf den anstehenden 50. Geburtstag am 23. Dezember zu sprechen kommen. Bringt dieser Tag einen Abschied vom vertrauten Rollenfach? Energisches Kopfschütteln: "Ich spiele keine Rolle im Leben, aber ich bin sicherlich keine wirklich reife Person." Dennoch bringe der Geburtstag einen Abschied von der Jugend. Man mag das spät finden. Früher, im 18. Jahrhundert sei man mit 25 alt geworden, heute eben mit 50. Alles sei relativ. Aber sie denke nicht an ihr Alter. Sie denke überhaupt wenig an sich. "Ich interessiere mich nicht für mich. Deswegen langweile ich mich so in Interviews, weil ich immerzu von mir reden muss. Seit dreißig Jahren muss ich ständig über mich sprechen, obwohl ich gar nichts über mich zu sagen habe."

Und die 15-jährige Psychoanalyse, die sie hinter sich hat? Die sei nützlich, um seinen Narzissmus zu regeln und seine Tage nicht damit zuzubringen, eigene Probleme bei anderen abzuladen. "Sobald man versteht, dass man nicht die anderen, sondern sich selbst ändern muss, verschwendet man seine Zeit nicht mehr. Man versteht, wer man ist." Die 25 Minuten sind vorbei, als Carla Bruni von sich aus ein ganz neues Thema anschneidet: ihre Liebe zur italienischen Literatur. Davon das nächste Mal mehr.