Tornados, Brände, Dürren, Überflutungen von historischen Ausmaßen: Das Wetter spielt unübersehbar verrückt. Doch gerade jetzt, wo die Weltgemeinschaft endlich den globalen CO₂-Ausstoß senken müsste, um die Klimaerwärmung unter zwei Grad Celsius zu halten, spielt auch die Politik verrückt. Russland unter Putin hat sich bereits weitgehend von demokratischen Standards und internationaler Kooperation verabschiedet, die USA unter Trump und andere Länder, in denen der Rechtsnationalismus blüht, sind dabei zu folgen.

Ist das zeitliche Zusammentreffen dieser historischen Bedrohungen – der weltweite Affront gegen die Demokratie und die zunehmende Klimaerhitzung – reiner Zufall? Nein. Nur leider werden sie bisher kaum zusammen gelesen. Tatsächlich sind das globale Versagen, Maßnahmen gegen die Klimakatastrophe zu ergreifen, und der erstarkende Rechtsnationalismus zwei Seiten derselben Medaille. Beide sind nicht ohne einen seit Jahren tobenden Informationskrieg zu verstehen. Dieser Krieg begann in Amerika mit den Desinformationskampagnen, die den menschlichen Ursprung der Klimaerwärmung bestritten. Seinen vorläufigen Höhepunkt fand er mit den russischen Fake-News-Kampagnen zugunsten Donald Trumps im amerikanischen Wahlkampf.

Es ist ein Krieg, der sich gegen die liberale Öffentlichkeit wendet und eiskalt deren Schwäche ausnutzt: den Glauben an die Gültigkeit des besseren Arguments. Aber Argumente können nichts ausrichten, wenn sich deren Adressaten längst vom Diskursfeld gemacht haben und nun mit heruntergelassenem Visier der liberalen Öffentlichkeit in den Rücken fallen. Wie kommen wir aus dieser historisch katastrophalen Lage wieder heraus? Indem wir versuchen, möglichst genau zu verstehen, wie wir in sie hineingeraten sind.

Wie funktioniert Manipulation?

Die Voraussetzungen für den heutigen Informationskrieg werden in den siebziger Jahren geschaffen. Damals macht die alte Industriegesellschaft in den Ländern des Westens einem neuen Gebilde Platz: der Kommunikationsgesellschaft. Der Sozialtypus des Arbeiters, der noch selber Hand anlegt, hat ausgedient. In der neuen Gesellschaft wird die Arbeit vom Körper ins Reich der Zeichen verlegt; in zunehmenden Maße basiert die Wertschöpfung auf der Produktion, dem Austausch und der Auswertung von Information und Wissen. In diesem Zuge lösen sich die alten, historisch gewachsenen Bindungen auf. Das vormals durch die Fabrik, Gewerkschaften, Vereine und Parteien in die Gesellschaft eingegliederte Individuum muss nun selbst sehen, wie es inmitten der anschwellenden Informationsflut neue Bindungen aufbaut.

Die liberale, aus der Zeit der Aufklärung stammende Vorstellung geht davon aus, dass sich die Subjekte der Kommunikationsgesellschaft durch Bildung und autonomes, vernunftgeleitetes Nachdenken im Wust der Informationen orientieren können. Das wird allerdings schwieriger, je mehr Information im Umlauf ist. Deshalb muss nach liberaler Sicht die Bildungsbemühung stets mit dem Anwachsen der Information Schritt halten. Dieser Vorstellung steht eine andere entgegen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts formuliert wird und mit der Entwicklung des Computers ausreift: dass nämlich die Subjekte vor allem Mitläufer sind, die ihre Meinung nicht von Argumenten abhängig machen, sondern von ihrem Umfeld; und dass sie häufig in berechenbarer Weise auf von außen kommende Impulse und Informationen reagieren, nicht viel anders, als es Tiere, Pflanzen und Maschinen innerhalb eines Reiz-Reaktions-Schemas tun.

Nun weiß man seit den sechziger Jahren, dass Massenmedien nicht nur Transportwege sind, über die Inhalte kommuniziert werden. Mehr noch sind sie Umgebungen, in denen wir leben. Will man die Subjekte beeinflussen, muss man diese mediale Umgebung verändern, im Idealfall: eine Echokammer konstruieren, in der die Vielzahl der Stimmen einen gemeinsamen Ursprung kennen und einen gemeinsamen Inhalt haben. Dann erlangen Informationen, auch wenn sie falsch sind, eine Art Stimmigkeit, die es erlaubt, die psychischen und sozialen Verhaltensweisen des Einzelnen in der Kommunikationsgesellschaft weitreichend zu manipulieren.

Die Untätigkeit angesichts der Erderwärmung

Der erste Versuch, eine solche abgeschirmte enge informationelle Umgebung innerhalb der Kommunikationsgesellschaft aufzubauen, sollte sich dann auch bald ergeben. Grob skizziert verläuft die Geschichte so: 1989 liegt der real existierende Sozialismus am Boden, die USA und der Westen könnten optimistisch in die Zukunft schauen – wäre da nicht die Sorge vor dem Klimawandel. Bereits in den achtziger Jahren verdichten sich die Anzeichen, dass sich die Erde durch den CO₂-Ausstoß des Menschen erwärmt. Auf der Weltklimakonferenz 1988 in Toronto sind Politiker und Wissenschaftler gleichermaßen alarmiert: Nur ein globaler nuklearer Krieg, heißt es, bedrohe den Planeten mehr als die Erderwärmung. Zu deren Begrenzung wird unisono "die Notwendigkeit sofortiger politischer Entscheidungen" festgestellt. Im selben Jahr gründet sich, forciert von der konservativen Regierung Ronald Reagans, die Klimaorganisation Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC). Sie soll Ursachen und Auswirkungen des Klimawandels erforschen und Handlungsoptionen aufzeigen.

In der Bevölkerung ist das Bewusstsein, dass rasch gehandelt werden müsse, weit verbreitet. Erst recht, als nach 1989 die atomare Verwüstung als Bedrohung entfällt und den Blick auf die ökologische Herausforderung freigibt. Wer die liberale Vorstellung von Bildung und fairem Diskurs hegt, kann zwar besorgt, doch zugleich voller Hoffnung nach vorn schauen. In der Wissenschaft ist man sich Anfang der neunziger Jahre weitgehend einig, dass die Erderwärmung menschlich bedingt ist; bereits 1992 verpflichten sich die Industrienationen in Rio, die Treibhausgase zu reduzieren; die Clinton-Regierung versucht 1993, eine Steuer auf fossile Energien durchzusetzen: Es sieht gut aus für die Vernunft. Doch in den folgenden Jahren passiert – nichts. Und dieses Nichts, diese Untätigkeit angesichts der Erderwärmung, ist der erste große Sieg in einer Schlacht, die sich mittlerweile zu einem 30-jährigen Informationskrieg ausgeweitet hat.