Was für ein Hass schlägt diesem Mann entgegen! Der rechten Presse gilt er als Verfasser "elender Machwerke", und ein Redakteur der konservativen Kreuz-Zeitung lässt 1894 mehr als deutlich erkennen, welches Schicksal er ihm wünscht: Er solle "enthauptet" werden. Provoziert hat Ludwig Quidde solche Gewaltfantasien, indem er sich konsequent gegen Gewalt aussprach: Er ist bekennender Pazifist.

Ihren Höhepunkt erreicht die Hetze 1927, vor genau 90 Jahren, als Quidde, 69 Jahre alt, in Oslo der Friedensnobelpreis überreicht wird. Die Rechte ergeht sich in giftigen Schmähungen. Die heftigste Ablehnung schlägt ihm von den aufstrebenden Nationalsozialisten entgegen. Das Berliner Organ der NSDAP Der Angriff, herausgegeben von Joseph Goebbels, droht dem Nobelpreisträger unverhohlen: "Im kommenden nationalsozialistischen Staat wird für 'Gelehrte' vom Schlage des Quidde kein Platz sein!"

Ludwig Quidde, Historiker und linksliberaler Politiker, wurde 1858 in Bremen als Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns geboren und ist einer von vier Deutschen, die den Friedensnobelpreis erhielten. Im Jahr vor ihm, 1926, zeichnete das Nobelkomitee Gustav Stresemann für seine ausgleichende Politik gegenüber Frankreich als Außenminister und Reichskanzler aus, zusammen mit dem französischen Außenminister Aristide Briand. 1935 würdigte es den wenig später von den Nazis ermordeten Publizisten Carl von Ossietzky für sein unerschrockenes pazifistisches Engagement. 1971 nahm Willy Brandt den Preis für seine Ostpolitik entgegen.

Diese Namen sind bis heute präsent. Nur Ludwig Quidde ist so gut wie vergessen.

Frederik Stang, der Vorsitzende des norwegischen Nobelkomitees, sagt in seiner Laudatio vom 9. Dezember 1927, Quidde und sein französischer Kollege Ferdinand Buisson, der ebenfalls geehrt wird, hätten an der vordersten Linie dafür gekämpft, immer mehr Menschen für den Pazifismus zu gewinnen. Sie hätten die Friedensbewegungen in ihren Ländern geleitet, obwohl diese sich in Frankreich wie in Deutschland "den größten Schwierigkeiten" gegenübergesehen hätten. Ihre Arbeit habe eine öffentliche Meinung geschaffen, die "für die friedliche Zusammenarbeit der Völker günstig" sei.

Tatsächlich haben die frühen Friedensaktivisten einen schweren Stand. Während eine pazifistische Haltung – verstanden als Kriegsgegnerschaft und Bejahung einer fortschreitenden Friedenskultur – heute von der Mehrzahl der Deutschen geteilt wird, muss damals mit heftigen Attacken rechnen, wer sich gegen Krieg und Militarismus wendet.

Einen regelrechten Proteststurm löst Ludwig Quidde 1894 mit seinem politischen Pamphlet Caligula – Eine Studie über römischen Cäsarenwahnsinn aus. Rein äußerlich handelt das Buch von dem römischen Kaiser Gaius Iulius Cäsar, genannt Caligula ("Stiefelchen"), doch zwischen den Zeilen zielt es auf den deutschen Kaiser Wilhelm II. Quidde stellt dessen Selbstherrlichkeit bloß und kritisiert die Sprunghaftigkeit und Unstetigkeit seiner Politik.

Die Aufregung um seinen Caligula macht Quidde schlagartig bekannt – und ruiniert seine akademische Karriere als Historiker. An eine Professur ist danach nicht mehr zu denken. Quidde widmet sich fortan mehr und mehr der 1892 gegründeten Deutschen Friedensgesellschaft (DFG), deren Vorsitzender er 1914 wird.

Pazifisten wie Quidde und ihre wichtigste Vereinigung, die DFG, führen im Kaiserreich eine randständige gesellschaftliche Existenz. Die Heftigkeit und das Maß an Gehässigkeit, mit der man ihnen begegnet, stehen zu ihrer tatsächlichen Wirkmacht in keinem Verhältnis. Doch so klein der Nadelstich auch sein mag, den die Pazifisten setzen – sie treffen damit einen spezifisch deutschen Nerv (der gelegentlich noch heute schmerzt). Denn für die national gesinnten Deutschen des Kaiserreichs ist der Krieg nicht einfach nur der "Vater aller Dinge", wie es der griechische Philosoph Heraklit einst formuliert hat, sondern der Geburtshelfer des deutschen Nationalstaats. Die Armee kann sich im Glanz der Einigungskriege von 1864 bis 1871 sonnen und erfreut sich höchster Wertschätzung. Die Soldaten werden heroisiert, gehätschelt und gepflegt, und die – zumeist adeligen – Berufsoffiziere fühlen sich als der erste Stand im Staate. Der Antipazifismus ist in Deutschland daher weitaus stärker als in Frankreich, England, den USA, den skandinavischen Staaten, der Schweiz, den Niederlanden und Belgien, wo sich Pazifisten als Teil der politischen Kultur akzeptiert sehen und einige von ihnen sogar in den Regierungen und den Parlamenten vertreten sind.