Gregor Gysi ist wohl der amüsanteste und schlagfertigste, auch geistig beweglichste Politiker, der seit Menschengedenken die Bühne der deutschen Öffentlichkeit betreten hat. Ohne diesen Rechtsanwalt, der schon zu DDR-Zeiten den Ruf einer gewissen Frechheit genoss (buchstäblich genoss) und der 1989 überraschend zum Vorsitzenden der tief verunsicherten SED gewählt wurde, hätte die Partei vielleicht niemals die Wiedervereinigung überlebt. Sie spielte bereits mit dem Gedanken der Selbstauflösung. Hätte sie ohne seine Talente in den Bundestag einziehen, sich zur PDS, schließlich zur Linkspartei häuten können und einen dauerhaften Platz im politischen Spektrum der Bundesrepublik behauptet? Man könnte sagen: Er hat die Partei auf schön geschminkt. Und gewiss wäre sie ohne ihn dümmer und dumpfer erschienen und näher am "Schäferhundmilieu des Ostens" geblieben, wie der Historiker Götz Aly einmal formulierte, eine graue Datschenbesitzer- und Rentnerpartei. Ohne Gysi hätten Westpolitiker sie nicht zu fürchten gehabt; wohl auch darum haben sie ihn über Jahre im Bundestag gemobbt.

Man muss die historische Rolle einmal kurz und grell beleuchten, denn er selbst tut es in seiner Autobiografie nicht. Sie trägt den verblüffend unpolitischen, fast privatistischen Titel Ein Leben ist zu wenig. Natürlich überrascht gesteigerter Lebenshunger nicht bei dem Energiebündel, das sich hier präsentiert. Wirklich erstaunlich ist etwas anderes: dass einer, dessen Biografie im Rückblick eher konsequent erscheint, sie als zufällige Abfolge von Schelmenstreichen, knapp geglückten Drahtseilakten schildert. Der Vater Klaus Gysi diente als Kulturminister, Botschafter in Italien und Staatssekretär für Kirchenfragen der Partei; wenn der Sohn dieser seine Loyalität beweist, indem er sie in der Stunde der Not rettet, müsste dies doch gradlinig, wenn nicht geradezu ernüchternd mechanisch erscheinen.

Gysi als Außenseiter

Aber so hat es Gregor Gysi nicht empfunden. Es wirkt nicht einmal kokett, wenn er sich wie der Held eines Schelmenromans von einer zur nächsten Herausforderung taumeln sieht, die er sich nicht ausgesucht hat. Wirklich gewünscht hat er sich nur den Beruf des Rechtsanwaltes, der in der DDR wenig galt, von der Partei als aussterbende Tätigkeit angesehen wurde, aber allerlei Freiheiten enthielt. Von diesen Freiheiten und davon, wie er sie mit clownesker Unverschämtheit nutzte, handelt das erste Drittel des Buches. Besonders gerne profitierte er von den dilettantischen Gesetzestexten; er konnte damit den DDR-Oberen ihre eigene Unfähigkeit vor Gericht vorführen. Der Erfolg solcher Manöver erklärt, warum sich Gysi gegen die Bezeichnung der DDR als Unrechtsstaat wehrt. Es war in seiner Anwaltsperspektive durchaus ein Rechtsstaat – nur freilich einer mit schlechten, teils menschenverachtenden Gesetzen. An seiner Geringschätzung des Systems lässt er keinen Zweifel. Vielleicht wird so verständlich, warum der Anwalt, der die Partei vor Gericht bekämpfte, es nicht als folgerichtig empfand, sie später vor dem Untergang zu bewahren.

Aber wahrscheinlich ist das nicht einmal die halbe Erklärung. Gysi führt sich durchweg als Außenseiter vor; freilich ohne den Begriff zu verwenden, der angesichts seiner privilegierten Herkunft wohl auch befremdet hätte. Doch ist gerade diese vielleicht der entscheidende Punkt. Von der Arbeiterklasse konnte keine Familie entfernter sein. Es gab nicht nur jüdische Vorfahren, es gab vor allem bürgerliche, väterlicherseits Chefärzte, Bankiers, mütterlicherseits Großindustrielle, baltendeutschen Adel, sogar russischen Hochadel. Mit anderen Worten: Die Gysis hatten in der Partei gar nichts zu suchen. Und wenn man nun nach der berühmten lässigen Ironie, auch Selbstironie, fragt, mit der Gysis Vater aufzutreten pflegte und die nicht nur der Sohn schildert, dann liegt sie hier auf der Hand: Sie ist die Ironie des Klassenfeindes, der in einer kommunistischen Partei nur zu Gast sein darf und sich für diese Gastfreundschaft mit einem halben Kratzfuß und einer hochgezogenen Braue bedankt.

Über das soziale Ressentiment

Die Mutter, geborene Lessing (ihr Bruder war mit der Nobelpreisträgerin Doris Lessing verheiratet), pflegte sogar mit offener Herablassung aufzutreten, wenn es nützlich erschien. Und oft nützte es tatsächlich, denn vor adligem Hintergrund gab es in der DDR einen scheuen Respekt, wie der Sohn verwundert notiert. Meist überwog allerdings das Misstrauen gegenüber Bildung; Gysi schreibt sogar von einem "Ersatz für Antisemitismus: Intellektuellenfeindlichkeit". Ein solches Dauererlebnis von Ressentiments, buchstäblich mit der Muttermilch eingesogen, kann nur ein Gefühl von Außenseitertum erzeugen, das Bewusstsein, nur Zuschauer auf einer Bühne zu sein, die immer von anderen beherrscht wird.

Und so schildert Gysi sich als Zuschauer selbst dann, wenn er als Hauptdarsteller auftritt. Er sieht sich immerfort Dinge tun, für die er eigentlich nie vorgesehen war. Erst lange nach der Wende entdeckt er, dass es die Herkunftsressentiments auch im Westen gibt. Ausgerechnet ein CDU-Mann spricht ihn verbittert an: Nicht der linke Politiker Gysi, sondern er, der Unionspolitiker, habe die erniedrigende Erfahrung einer Arbeiterkindheit gemacht. Unausgesprochene Pointe: Auch das sozialistische Engagement könne sich nur leisten, wer privilegiert aufgewachsen sei.

Solche Anekdoten, die Gysi knapp und erschüttert erzählen kann, lassen erkennen, wie fremd ihm immer die Gesellschaft des Westens blieb. Hatte er geglaubt, dass Klassengegensätze nicht mehr gefühlt werden, wenn sie quer zu den ideologischen Fronten verlaufen? Als Politiker hat sich Gysi, sehr zum Ärger der linken Traditionalisten, vom revolutionären Antikapitalismus verabschiedet, vor allem von der totalitären Vision eines neuen Menschen: "Es geht nicht darum, diesen ewig alten Menschen zu ändern, sondern die Welt so in Balance zu halten, dass der Mensch althergebracht sein darf. Und dies so friedlich und frei, gerecht, demokratisch und solidarisch wie möglich." Als geeignetes Mittel dazu erscheint ihm die Herstellung von Bildungs-, Chancen- und Aufstiegsgerechtigkeit. Dass soziale Ressentiments mühelos den Aufstieg überleben können, ist ihm verwunderlich. "Nie wäre ich darauf gekommen, dass Abgeordnete aus den alten Bundesländern sich mir gegenüber so unterlegen fühlen könnten."

In einer östlichen Parallelwelt verharrt

Manchmal hat man den Eindruck, dass Gysi, so mühelos er die westliche Öffentlichkeit bedient, doch in einer östlichen Parallelwelt verharrt, von der aus alles gesehen, aber anders wahrgenommen wird. Auf jeden Fall werden das die Gysi-Gegner sagen, die noch immer an seine Stasi-Verstrickung glauben und an beiseitegeschafftes Parteivermögen. Das Buch wird sie nicht belehren. Obwohl es alle Affären und Vorwürfe behandelt, werden sie nicht so erzählt, dass sie als Eins-zu-eins-Entgegnung taugen; es waren für Gysi andere Geschichten, mit anderen Pointen, und wenn er in ihnen nicht gut wegkommt, dann ebenfalls in anderen Hinsichten. Man könnte auch sagen: Ein geschickter Anwalt lügt nicht. Aber wer sich noch an die Details erinnert, wird zugeben müssen, dass seine Versionen sehr wohl geeignet sind, die Vorwürfe zu widerlegen.

Im Übrigen gilt, was der Westen offenbar nie verstehen wird: dass es parallele Berichtsketten in der DDR nicht gab. Partei und Stasi konkurrierten nicht. Wer schon an das ZK berichtete oder vom Justizministerium beaufsichtigt wurde (wie die Anwälte), musste nicht inoffiziell der Stasi als Informant dienen. Wahrscheinlich ist es peinigend, solche Erklärungen überhaupt vorbringen zu müssen. Dass der Stasi-Vorwurf alle, auch die gerichtlich festgestellten Entkräftungen überlebt hat, spricht für einen dumpf verstockten Geist des Westens, der sich partout keine Anerkennung für Menschen abringen lässt, die der eigenen Herkunft und politischen Überzeugung nicht entsprechen. Das ist barbarisch. Gysi nähert sich ein paarmal diesem Urteil, ohne es je zu fällen; den Stab endgültig zu brechen erscheint ihm augenscheinlich ebenfalls barbarisch. Der vornehme, auch kindlich gutherzige Charakter, der sich hier entfaltet, ist ein Grund dafür, dass man die 600 Seiten ohne Widerstreben liest. Sie werden nur die Verehrer der stilistischen Eleganz enttäuschen, die man von Gysis ausgearbeiteten Reden und Aufsätzen kennt. Die Autobiografie liest sich eher wie diktiert oder von einem Gehilfen verfasst, sie hat seinen Ton nicht. Wohl aber seinen Humor und eine fast literarische Empathie: In den Schilderungen der Kindheit und seiner Zeit als alleinerziehender Vater zeigt sich ein Sinn für das Poetische im Leben, das auch zum Roman getaugt hätte. Nur eines kann er nicht: aus der Vogelperspektive das Muster der Außenseiterexistenz zu erkennen, die bei aller Lebensfreude tragisch grundiert und bedroht ist – durch die Missgunst einer egalitären Gesellschaft. Dies zu benennen wäre auch zu viel verlangt von einem Mann, dessen Eltern seit 1930 für den Kommunismus gekämpft und gelitten haben und der seine eigene Karriere mit 19 Jahren in der SED begann.

Gregor Gysi: Ein Leben ist zu wenig.
Aufbau Verlag, Berlin 2017; 583 S., 24,– €, als E-Book 15,99 €