Orte, an denen Revolutionen ausgerufen werden, stellt man sich anders vor. Jedenfalls nicht wie die Kleinstadt Sulz-Glatt, die zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb in Baden-Württemberg liegt, eingebettet ins Neckartal. Doch genau dort verkündete Deutschlands größter Hersteller von Handfeuerwaffen eine radikale Neuausrichtung seiner Firmenpolitik. Heckler & Koch aus dem benachbarten Oberndorf scheint dafür einen besonders ruhigen Ort ausgesucht zu haben.

Schon im zurückliegenden Sommer teilten Vorstand und Aufsichtsrat bei der Hauptversammlung im Hotel Züfle mit, neue Waffen künftig nur noch an unbedenkliche Staaten liefern zu wollen. Zum Jahresende zeigt sich nun, dass die Firma sich diese "strategische Neuausrichtung", wie es bei Heckler & Koch heißt, leisten kann. Das Unternehmen verdient einfach ausgezeichnet – und braucht anscheinend die Deals mit umstrittenen Abnehmern nicht mehr.

"Grüne Länder" heißen die Guten im Jargon der Sicherheitsbranche. Damit sind jene Staaten gemeint, die zur Europäischen Union gehören, Mitglieder der Nato sind oder als gleichgestellt gelten – so wie die Schweiz, Neuseeland oder Australien. "Grüne Länder", das sind die Guten, fast ausschließlich gefestigte Demokratien. Bislang war Heckler & Koch da weniger streng. Kritiker nennen den Traditionsbetrieb "Deutschlands tödlichstes Unternehmen", auch weil er meist mit negativen Schlagzeilen in die Medien geriet: In Saudi-Arabien half Heckler & Koch beim Aufbau einer Waffenfabrik. In Mexiko sollen mit Gewehren aus Oberndorf zahlreiche Studenten erschossen worden sein. Exporte an Saudi-Arabien oder Indonesien wurden von Rüstungsgegnern kritisiert.

Mit solchen Geschäften soll nun Schluss sein. Dank der guten Auftragslage können sich Heckler & Koch und andere Waffenproduzenten momentan ihre Kunden aussuchen: Polizeibehörden und Armeen weltweit kaufen Kleinwaffen. Selbst Panzerhersteller melden gute Geschäfte. Seit russische "Freiwillige" die Krim besetzten und auch in Syrien robustes Kriegsgerät gefragt ist, bestellen die Armeen der Nato-Mitglieder neue Panzer. Auch Drohnen, Kameras, Handy-Ortungsgeräte sind gefragt – im Kampf gegen den Terror kaufen alle Staaten ein.

Da kann Heckler & Koch problemlos auf ein paar Millionen Euro Umsatz mit umstrittenen Kunden verzichten. Das Management kündigte dabei nicht nur einen Wandel der Exportstrategie an. Es sagte einer Gruppe von kritischen Aktionären um den Rüstungsgegner Jürgen Grässlin von der Kampagne Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel sogar zu, einen Fonds für Schusswaffenopfer zu prüfen.

Bereits geschlossene Verträge will Heckler & Koch noch erfüllen. Und dann keine neuen Exporte in andere als "grüne Länder" tätigen. "Ausgenommen hiervon können Fälle sein, in denen Heckler & Koch gesetzlich und/oder vertraglich zur Erfüllung geltender Vereinbarungen von vor 2016 verpflichtet ist", sagt ein Sprecher. "Die strategische Neuausrichtung von Heckler & Koch ist eine Maßnahme, die nicht an Einzelpersonen gekoppelt ist, sondern vielmehr von Vorstand, Aufsichtsrat und Gesellschaftern gleichermaßen mitgetragen wurde und wird."

Die Auftragsbücher von Heckler & Koch sind voll mit Ordern aus Deutschland und Frankreich. Erst im Oktober kam eine besonders prestigeträchtige Bestellung dazu. Heckler & Koch wird das neue Gewehr HK 416 A7 für das Kommando Spezialkräfte (KSK) liefern. Diese elitäre Truppe setzt die Bundeswehr bei besonders komplizierten Aufträgen ein: Geiselbefreiung, Ausschalten von Terroristen im Ausland, die Jagd auf Al-Kaida-Anführer in Afghanistan zum Beispiel. Wer die Spezialkräfte ausrüsten darf, gehört ebenfalls zur Elite. "Die neue Waffe überzeugt durch hohe Präzision, Funktionssicherheit und Zuverlässigkeit", teilt Heckler & Koch mit. Der Lieferauftrag umfasst insgesamt 1.745 Gewehre samt Zubehör.

Weiterhin Lieferant der Bundeswehr

Auch wegen dieses Auftrags gehört Heckler & Koch in der Rüstungsbranche zu den Gewinnern des Jahres. Dabei hatten viele das Unternehmen längst abgeschrieben: Hoch verschuldet war der Gewehrbauer, dazu ermittelte die Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen ehemalige Mitarbeiter wegen illegaler Exporte sowie wegen Bestechung von Amtsträgern im In- und Ausland. Das Verfahren dürfte im kommenden Jahr beginnen. Noch schwerwiegender für den Ruf war, dass der wichtigste Kunde, das Bundesverteidigungsministerium, die Qualität seiner eigenen – ebenfalls von Heckler & Koch hergestellten – Standardwaffe G36 öffentlich kritisierte. Die Treffergenauigkeit bei großer Hitze wurde infrage gestellt, und das bei heiklen Einsätzen in Afghanistan, Dschibuti oder in Mali. Zwischen Verteidigungsministerium und Unternehmen entwickelte sich ein öffentlicher Streit, bei dem auch der Waffenbauer kräftig austeilte: Von einem "systematischen Vorgehen gegen Heckler & Koch" war da die Rede. Und: "Wir sind erschüttert über die in den vergangenen Tagen vom Bundesministerium der Verteidigung getätigten Aussagen zum Gewehr G36." Später entfernte das Unternehmen mehrere Äußerungen von seiner Homepage, in denen das Ministerium kritisiert wurde. Heckler & Koch klagte sogar in Sachen G36 gegen das Ministerium: Vor dem Landgericht Koblenz gewann das Unternehmen gegen seinen "Schlüsselkunden", wie die Bundeswehr dort genannt wird. Die Richter stellten fest: Die Bundeswehr könne gegen den Waffenhersteller keine Gewährleistungsansprüche geltend machen.

Rüstungsmanager und Lobbyisten anderer Firmen reagierten in Pressegesprächen erstaunt oder entsetzt auf die Kommunikationspolitik des Unternehmens: Was bloß los sei in Oberndorf, wunderten sie sich. Schließlich kamen fast alle Kleinwaffen der Bundeswehr seit Jahrzehnten von Heckler & Koch: die Sturmgewehre G3 und G36, die Maschinenpistolen MP5 und MP7, dazu leichte Maschinengewehre.

Der neue Auftrag für das KSK ist somit mehr als ein Prestigeerfolg. Er beweist, dass es eine Zukunft für Heckler & Koch als Lieferant der Bundeswehr gibt. Und selbst die Friedensbewegung steht den Gewehrbauer nicht mehr ganz so kritisch gegenüber, seit sich dieser auf "grüne Länder" beschränken will. "Solche Ankündigungen hat es von einem deutschen Rüstungsunternehmen noch nie gegeben", sagt Friedensaktivist Grässlin. "Und gerade bei Heckler & Koch hätte ich nicht damit gerechnet, dass wir nach dem Jahrzehnte währenden harten Widerstand der Friedensbewegung von gewaltfreien Blockaden bis hin zu Strafanzeigen derart erfolgreich sein würden." Heckler & Koch habe sich selbst schärfere Regeln zur Rüstungsexportkontrolle auferlegt als die Bundesregierung. "H&K setzt sich damit an die Spitze derjenigen Unternehmen, die es mit der Überwachung ihrer Kriegswaffenexporte ernst meinen."

Für Heckler & Koch stellt das Zusammenstreichen seiner Kundenliste natürlich ein Risiko da. Aber es kommen genügen Aufträge aus der restlichen Welt: Allein Frankreich hat 102.000 Sturmgewehre vom Typ HK416F bestellt. Die Niederländer haben Waffen für ihre Spezialkräfte bestellt. England, Litauen und Polizeibehörden aus Europa haben ihre Einkäufer nach Oberndorf geschickt. In Deutschland haben neben der Bundeswehr zahlreiche Bundesländer in Oberndorf bestellt – für ihre Polizeieinheiten. Und im Frühjahr will Heckler & Koch noch die wohl wichtigste Ausschreibung in Deutschland für sich entschieden: die über das neue Standardgewehr der Bundeswehr. Im März stellte Heckler & Koch das eigens dafür entwickelte HK433 vor.

Der neue Kurs von Heckler & Koch dürfte bei der Ausschreibung des Großauftrags nicht schaden. Ein Unternehmen mit dauerhaft schlechtem Image will niemand als Partner haben – auch keine Armee. Wegen der "grünen Länder" dürfte Heckler & Koch in der öffentlichen Wahrnehmung nun positiver dastehen.