Die Bilder müssten einen eigentlich rühren: Wie mühsam der 74-jährige James Levine Ende Oktober das Podium der Berliner Philharmonie, nun ja, erklimmt. Wie er in einem Spezialrollstuhl die eigens für diesen Abend erbaute Rampe hochzuckelt, vor dem Notenpult abbremst, die knochig gewordene Faust mit dem Taktstock hebt und der Staatskapelle den Einsatz zu Mahlers dritter Sinfonie gibt. "Kräftig. Entschieden" lautet die Spielanweisung über dem gewaltigen ersten Satz. Zusätzlich zu seinem Rückenleiden, das ihn an den Rollstuhl fesselt, ist Levine – 40 Jahre lang Musikdirektor der New Yorker Metropolitan Opera und eine Ikone nicht nur des US-amerikanischen Musikbusiness – an Parkinson erkrankt. Dass er noch einmal, ein letztes Mal, die anstrengende Reise nach Europa auf sich nimmt, verdankt sich einzig seiner Freundschaft zu Daniel Barenboim.

Die Kritiken zum Konzert fallen ehrfürchtig aus, von einer "Sternstunde" ist die Rede, gefeiert wird (auch) ein historischer Abschied. Vier Wochen später – inzwischen hat Levine an der Met zwei Vorstellungen des Verdi-Requiems absolviert – erklärt Daniel Barenboim auf Anfrage der ZEIT, er sei erschüttert über die Vorwürfe gegen Levine und hoffe, dass diese nicht wahr seien. Zum Thema wolle er sich "so knapp" nicht äußern, dafür sei es zu wichtig. Barenboim ist auf Kurzurlaub, das Thema heikel. Es lautet: sexueller Missbrauch. Nach Hollywood und dem Showgeschäft, nach der internationalen Ballett- und Theaterszene, nach weltweiter, berechtigter Empörung und viel Debattenhysterie hat jetzt auch die klassische Musik ihren Sexskandal. Einen Hashtag dazu gibt es schon einmal. Auf #metoo folgt nun #GeniusIsNoLongerAnExcuse.

Die Lawine geriet ins Rollen, als am Samstag New York Post und New York Times von einem Polizeireport aus Illinois 2016 berichteten, demzufolge ein heute 48-Jähriger von Levine Hunderte Male sexuell genötigt und missbraucht worden sei. 1985, zum Zeitpunkt der ersten Übergriffe, war Ashok Pai, so der Name des Mannes, 15 Jahre alt, also minderjährig. Bewahrheiten sich die Anschuldigungen, hätte sich James Levine damals strafbar gemacht. Heute sind die Taten verjährt – wie zwei weitere Fälle auch, von denen die New York Times am Montag berichtete, ebenfalls mit Klarnamen und Fotos, säftelnde Detail-Schilderungen inklusive. Juristisch hat Levine wohl nichts mehr zu befürchten. Seine Existenz als Künstler und Mensch aber ist vernichtet, selbst dann, wenn er als Unschuldiger aus den nunmehr anberaumten Untersuchungen hervorgehen sollte.

Der Musikdirektor der Met, ein potenzieller "Kinderschänder"? Das würde sich die prüde amerikanische Ostküste nie verzeihen, nicht einmal retrospektiv. Die Sommer der achtziger und neunziger Jahre verbrachte Levine übrigens in Europa. In Bayreuth dirigierte er Parsifal und den Ring des Nibelungen, bei den Salzburger Festspielen Schönbergs Moses und Aron und etliche Konzerte. Seine Partner auf der Bühne? Die Besten der Besten. Von Anne-Sophie Mutter bis Cecilia Bartoli, von Pinchas Zukerman über Alfred Brendel bis Jessye Norman. Ach ja, die Drei Tenöre begannen auch gerade, durch die Stadien zu touren, hier teilte sich Levine – mit lustigem Frotteehandtuch über der Schulter (Dirigieren ist Höchstleistungssport!) – das Dirigentenpult mit Zubin Mehta.

Pikant an den jüngsten Veröffentlichungen ist genau genommen dreierlei. Erstens natürlich die Verbindung von klassischer Musik und Sex, die die einen entrüstet von sich weisen und die anderen aus jeder Podiumsritze dampfen sehen. Was beides nicht stimmt. Der klassische Dirigent, Sänger oder Pianist ist längst kein bürgerlicher Heiliger mehr, nur weil er im Frack auftritt und von letzten Dingen kündet, von Liebe, Tod und Teufel; andererseits führt er (um beim männlichen Geschlecht zu bleiben) gewiss nicht das Leben eines Rockstars, dafür erfordert der Beruf viel zu viel Disziplin und physische wie mentale Ökonomie. Gern wird an dieser Stelle der Gegenstand selbst angeführt, die Musik als eine Art Dauer-Erotikon, das alle Beteiligten unter Strom setzt – bis die nötige professionelle Hingabe mit der persönlichen verschmilzt und das Triebgeschehen seinen Lauf nimmt. Solange dies nicht auf Kosten Schutzbefohlener geschieht (siehe den Missbrauchsskandal bei den Regensburger Domspatzen seit 2010) oder mit Gewalt einhergeht (siehe die Prozesse gegen den ehemaligen Rektor der Münchner Musikhochschule, Siegfried Mauser, der just zum zweiten Mal vor Gericht steht), scheint es systemimmanent zu sein. So hart das klingt.

Hier wäre der Hebel anzusetzen. Bei jener "Welt von gestern", die sich ungebrochen archaischer Strukturen bedient und unter dem Deckmäntelchen künstlerischer Entgrenzung und Freizügigkeit nur das eine will: Macht haben, Macht erhalten, Macht ausüben. Macht über andere. Weit über 90 Prozent der sogenannten Entscheiderpositionen im Musikgeschäft sind von Männern besetzt, heterosexuellen, homosexuellen und vorzugsweise weißen. Deren Kartellkräfte, die offenbar auch im Fall Levine eine maßgebliche Rolle spielen, sind so wenig zu unterschätzen wie die sprichwörtlichen Darkrooms, die sie evozieren. Bestürzend, wie eng sich liberale und konservative Sehnsüchte bisweilen miteinander vermählen.