DIE ZEIT: Mit Nur Gott kann mich richten und Familiye kommen im neuen Jahr gleich zwei Filme ins Kino, die dem Genre des Gangsterfilms zuzurechnen sind, sie spielen im kriminellen Immigrantenmilieu in Deutschland. Bei beiden Filmen haben Sie sich als Co-Produzent engagiert, in Nur Gott kann mich richten spielen Sie außerdem die Hauptrolle.

Moritz Bleibtreu: Darf ich gleich mal sagen, was ich an diesen beiden Filmen das Besondere finde? Diese Filme sind nicht mit dem Blick von außen gemacht. Wir erzählen von der Minderheit mit der Minderheit für die Minderheit, also, es ist Kino von Immigranten mit Immigranten für Immigranten in Deutschland. Das hat vor uns schon Özgür Yildirims Film Chiko und zuletzt die Serie 4 Blocks besonders gemacht.

ZEIT: Diese Filme arbeiten ja mit einer realistischen Anmutung: Schaut her, so hart, so gnadenlos geht es im kriminellen Untergrund in Frankfurt am Main oder in der Spandauer Vorstadt zu. Gleichzeitig vermittelt dieses Kino, wie schon der amerikanische Mafia-Film der 1970er Jahre, eine merkwürdige Wärme und Nostalgie. Im Gangster-Milieu, so die Behauptung, werden traditionelle Werte wie Familie, Treue, Freundschaft und Ehre hochgehalten. Berührt Sie dieser Zusammenhalt?

Bleibtreu: Ganz ehrlich? Ja, diese Dinge berühren mich sehr. Dieses Kino transportiert auch ein Ideal von Familie und Zusammenhalt, das in unserer Gesellschaft etwas verloren gegangen ist. Die Regeln und Gesetze in diesem Milieu sind sehr direkt. Mit den Gesetzen einer bürgerlichen Welt hat das natürlich wenig zu tun. Konkret: Unsere bürgerliche Gesellschaft ist auf Kompromisse aufgebaut. Das kriminelle Milieu dagegen konstituiert sich auf archaische Werte wie Familie und auf Verabredungen wie das Ehrenwort oder den Schwur. In dem Moment, in dem der ausrangierte Gangster Ricky, mein Charakter in Nur Gott kann mich richten, den Bund mit seinem Bruder nicht mehr halten kann, ist er ein toter Mann.

ZEIT: Sind Sie, wenn Sie so reden, nicht in Gefahr, das kriminelle Milieu zu romantisieren?

Bleibtreu: Das kann ich sofort zugeben, dass ich hier ein wenig zur Verklärung und Romantisierung neige.

ZEIT: Klar ist ja auch, dass der Inhalt des Gangsterkinos seit je ebenjene Verklärung des kriminellen Milieus ist. Je ohnmächtiger und fremdbestimmter wir uns fühlen, desto ursprünglicher, gesünder und attraktiver wirken die Konflikte im Gangsterkino.

Bleibtreu: Natürlich, und da geht es mir nicht anders als Millionen von Männern, die im Herzen kleine Jungs geblieben sind. Eine gewisse Härte, Wildheit und Direktheit habe ich immer gesucht. 1991, gerade 20-jährig, wohnte ich an der Lower East Side in New York, in der Gegend um den Tompkins Square – damals war das noch eine wirklich roughe Crack-Gegend. Und natürlich habe ich das als Schauspieler förmlich aufgesogen. Da bist du ganz anders angeschaltet und aufmerksam durch die Straßen gelaufen.

ZEIT: Ist Ehre denn für Sie persönlich ein positiv aufgeladener, ein interessanter Begriff?

Bleibtreu: Wenn du in einem migrantisch geprägten Milieu wie in Berlin-Kreuzberg, in Hamburg-Billbrook oder in Duisburg-Marxloh aufwächst, dann haben Begriffe wie Ehre, Würde und Stolz eine sehr konkrete Bedeutung. Gleichzeitig wüsste ich gar nicht, wie ich einem Menschen wie meinem neunjährigen Sohn, der in einer wohlbehüteten und bürgerlichen Welt groß wird, einen Begriff wie Ehre erklären sollte. Er ergibt in seiner Welt schlicht keinen Sinn. Auch in meiner Biografie und meinem Wertesystem war Ehre immer ein eher fremder und altmodischer Begriff.

ZEIT: Sprechen wir an dieser Stelle von Ihrer Kindheit und Jugend – Sie sind, seit Ihrem zehnten Lebensjahr, mit Ihrer Mutter, der Schauspielerin Monica Bleibtreu, im damals noch stark migrantisch geprägten Stadtteil St. Georg in Hamburg aufgewachsen.

Bleibtreu: Meine Mutter hat damals mit dem konventionellen Stadttheater gebrochen, die Filmerei sein gelassen und eine Künstlerexistenz mit freien Gruppen und auf Off-Bühnen begonnen. Ihren Lebensstil als progressiv oder experimentell zu bezeichnen wäre zurückhaltend ausgedrückt, meine Mutter war eine Punkrockerin, also wirklich mit Irokesenkamm – und als Zehnjähriger, der wie alle Kinder Konstanz und Sicherheit wollte, hat man experimentelle Lebensumstände nicht so gerne. Ich habe mich dann als Kind den Familien meiner türkischen Nachbarskinder zugewandt, auch deshalb, weil es in den Wohnungen meiner Freunde von der Straße die klaren Strukturen, Hierarchien und Geschlechterrollen gab, die bei uns zu Hause so vehement infrage gestellt wurden.

ZEIT: War es eine echte Straßen-Kindheit?

Bleibtreu: Es war zu keinem Zeitpunkt eine verwahrloste Kindheit, aber klar, ich habe da mit Ali, Bülent und Mohammed und wie sie alle hießen auf der Straße rumgecheckt. Du musstest dich durchsetzen. St. Georg hatte damals eine offene Drogenszene, so wie Frankfurt rund um den Hauptbahnhof. Die migrantische Bevölkerung waren in der Mehrzahl Türken, damals waren es noch wenige Araber, zur ersten Einwanderungsgeneration gehörten auch Spanier, Italiener, Portugiesen und Griechen. Unser Ort war der Basketballplatz an der Bushaltestelle an der Schmilinskystraße, den Platz gibt es noch heute.