An den Wänden hängen Ölgemälde. "Die habe ich alle selber gemalt", sagt Hans-Peter Mai*. Sein Lieblingsbild dominiert das Wohnzimmer: Das Sklavenschiff, die Kopie eines Bildes von William Turner. Wild aufgewühltes Meer, der Himmel strahlt in Rot-, Blau- und Gelbtönen, von bedrohlich grauen Wellen reflektiert. Der Mann hat Sinn für Farben. Oder besser: hatte. Denn Hans-Peter Mai ist vor fünf Jahren vollständig erblindet, das Gemälde, sein letztes, blieb unvollendet.

Von Geburt an leidet Mai an Retinitis pigmentosa, einer langsam verlaufenden, aber unheilbaren Augenerkrankung. Dabei sterben die Sinneszellen im Inneren des Auges langsam ab. Zuerst sind die Stäbchen betroffen, die für die Graustufen-Erkennung im Dämmerlicht zuständig sind. Später sterben auch die Zapfen, mit denen man im Hellen scharf und farbig sieht. "Dass etwas nicht stimmt, habe ich erst im Wehrdienst gemerkt", erinnert sich Mai. "Da bin ich auf einer Nachtwanderung gegen einen Baum gelaufen." Es folgten viele Untersuchungen und am Ende eine Diagnose: Bis zum 30. Lebensjahr werde er erblinden. Tatsächlich dauerte es dann aber 25 Jahre länger als prognostiziert. Das endgültige Aus kam auf einer Reise nach Wien vor fünf Jahren: "Das Riesenrad war das Letzte, was ich gesehen habe."

Jedenfalls vorerst. Denn im vergangenen Dezember gab es diesen hoffnungsvollen Lichtblitz: Es war der Moment, in dem der winzige Chip in Mais Auge zum ersten Mal mit Strom versorgt wurde. Vier Wochen zuvor war ihm dieser in der Dresdner Augenklinik implantiert worden. Neun Stunden hatte die Operation von Chefarzt Helmut Sachs gedauert. Am Ende saß der Chip unter der Netzhaut und war über ein Goldkabel unter der Haut mit einem Transponder hinter dem Ohr verbunden. "Ich war voller Freude", erinnert sich Mai, "denn ich wusste: Das Ding funktioniert." Er konnte zum Fenster zeigen, grob einen Teller, eine Tasse und einen Löffel auf der dunklen Tischplatte ausmachen.

"Das Ding" ist ein vier mal drei Millimeter kleiner Hightech-Chip. Ähnlich wie der Sensor einer Digitalkamera ist er mit Photodioden bestückt. Sie wandeln die optischen Reize in elektrische Impulse um, die verstärkt und dann direkt auf die Netzhaut weitergeleitet werden. Von dort fließen sie an den Sehnerv, so als hätten die natürlichen Stäbchen und Zapfen sie erzeugt.

20 Jahre Forschungsarbeit stecken in dem Seh-Ersatzteil. Der Augenarzt Eberhart Zrenner hatte sie an der Tübinger Universitätsklinik begonnen, seit 2003 wird sie von der Reutlinger Firma Retina Implant fortgesetzt. Und sie ist noch längst nicht abgeschlossen. Denn von einem vollwertigen Ersatz für die über hundert Millionen Stäbchen und Zapfen im menschlichen Auge ist der Chip derzeit so weit entfernt wie das erste Rad vom ICE-4.

Das aus 1.600 Bildpunkten zusammengesetzte Raster des Implantats ist über ein Sichtfeld verteilt, das in Armlänge ungefähr Postkartengröße hat. Zu einem richtigen Bild fügen sie sich nicht zusammen. "Farbe geht auch nicht, ich kann aber einige Graustufen unterscheiden", sagt Hans-Peter Mai. Seine Anfangseuphorie hat sich schnell gelegt: "Mit Sehen hat das eigentlich nichts zu tun. Es ist eher ein Abtasten ohne Stock." Ähnlich viel dürften vermutlich auch jene frühen Augen gesehen haben, die dem rund 500 Millionen Jahre alten Trilobiten gehörten.

So kann Mai zum Beispiel den Übergang zwischen dunklen Dächern und hellem Himmel ausmachen, ebenso die weiße Wand hinter der dunklen Straße vor seinem Haus. Gerne geht er in der Dämmerung mit seiner Frau über den Friedhof. All die Grablichter – mit dem Chip wirken sie wie ein schönes Feuerwerk. Doch ein parkendes Auto, das ähnlich dunkel ist wie die Straße, erkennt Mai nicht, da hilft auch die Feinjustierung per Steuergerät nichts. Entfernungen und Geschwindigkeiten kann er ebenfalls nicht einschätzen. "Das Ding ist ein zusätzliches Hilfsmittel, auf eine Begleitperson bin ich dennoch angewiesen", erklärt Mai.

Technische Probleme

Weltweit tragen erst 27 Menschen den schwäbischen Retinachip im Auge, einige von ihnen haben damit mehr Sehkraft zurückgewonnen als Hans-Peter Mai. Im besten Fall reicht sie, um die Zeiger einer Bahnhofsuhr aus der Nähe zu erkennen. Es gibt aber auch Patienten, bei denen der Chip gar nicht funktioniert.

Auch mit der Haltbarkeit ist das so eine Sache. Die Vorläuferversion, die 40 Patienten implantiert wurde, musste schon nach einem halben Jahr entfernt werden; die hauchdünne Kunststoffisolierung des Siliziumchips hatte den feuchten Salzen und Immunzellen im Augeninneren nicht widerstanden. Jetzt lassen Labortests darauf hoffen, dass die neue Version mindestens fünf Jahre durchhalten wird.

Das technisch größte Problem ist jedoch, neben der Haltbarkeit, die elektrische Verbindung zwischen Chip und Sehnerv. "Kabel und Nerven sind physikalisch völlig verschiedene Dinge", sagt Alfred Stett, Technik-Chef bei Retina Implant. Da braucht es die richtige Justierung der Stromstärke und das passende Material für den Übergang von trockener Elektronik zu feuchter Biologie. Mit solchen Details kämpfen auch die Konkurrenten der Reutlinger, die Firmen Second Sight in den USA und Pixium in Frankreich.

Weltweit leiden rund drei Millionen Menschen unter Retinitis pigmentosa, zwischen 30.000 und 40.000 sind es in Deutschland. Doch bisher kommt ein Implantat nur für rund eintausend von ihnen infrage. Denn es dürfen keine weiteren Augenerkrankungen vorliegen, der Sehnerv und die innere Netzhaut müssen unversehrt sein, und die Patienten müssen früher eine natürliche Sehkraft gehabt haben. Eine weitere große Hürde ist der Preis: Die gesamte Behandlung kostet rund 100.000 Euro, die Krankenkassen übernehmen die Kosten nur für wenige Patienten im Rahmen des sogenannten NUB-Programms für neue Untersuchungs- und Behandlungsmethoden.

Zu alldem kommen noch die psychischen Belastungen einer möglichen Implantation. Einerseits sucht der Chiphersteller ständig neue Patienten, die sich der komplizierten Augenoperation unterziehen wollen, andererseits darf er, um schwere Enttäuschungen zu vermeiden, keine unrealistischen Hoffnungen wecken. Von "Erwartungsmanagement" spricht der Marketingchef der Firma, Volker Hiller. Dazu gehört etwa die Vorbereitung darauf, dass man nach der Operation monatelang trainieren muss, um aus einzelnen Lichtpunkten, die der Chip erzeugt, eine sinnvolle Umgebungsinformation zu gewinnen.

"Wenn man eine ziemlich aussichtslose Krankheit hat, macht man sich natürlich immer Hoffnungen", erzählt Hans-Peter Mai. Dazu gehörte bei ihm die Hoffnung auf alternativmedizinische Methoden ebenso wie auf den technischen Fortschritt. Doch wirklich geglaubt habe er nicht an einen großen Erfolg des Implantats. "Das war für mich eher wie ein letztes Aufbäumen gegen die Erkrankung", sagt er, "nicht dass ich irgendwann mal durchhänge und denke: Da hätte es eine Möglichkeit gegeben, und du hast sie nicht genutzt."

Heute lernt er Braille-Schrift, macht Musik mit Banjo oder Mandoline und reist nach wie vor gerne. Im September ist er mit dem Kreuzfahrtschiff zum Nordkap gefahren. "Da habe ich den Chip angestellt und mit dem Auge den Fjord abgetastet, da, wo die Felsen enden und der Himmel beginnt." Und plötzlich füllte sich die Kontur mit Farben. "Ich habe die ja alle noch im Kopf, ich weiß doch, wie ein Fjord aussehen müsste." Da beginnt der Mann mit dem Chip im Auge zu lachen: "Wahrscheinlich ist das Bild in meinem Kopf sogar viel schöner als in der Realität."

* Name auf Wunsch des Patienten geändert