Für den Rundfunk in Europa sind hässliche Zeiten angebrochen, wer wüsste das besser als Noel Curran. Er leitet den Dachverband der öffentlich-rechtlichen Sender in Europa, die European Broadcasting Union, kurz EBU. Aber der Rundfunk ist eben nicht nur sein Beruf, er ist sein Leben. Die Öffentlich-Rechtlichen lieferten Curran den Stoff für seine Abschlussarbeit an der Universität, sie gaben ihm den ersten Job als Journalist in Irland. Auch seine Frau lernte er so kennen, als sie, die Sängerin Eimear Quinn, im Jahr 1996 den Eurovision Song Contest gewann. Curran reiste damals als Leiter der irischen Delegation an – und verliebte sich. Ein Jahr später organisierte er den Wettbewerb in Dublin, heiratete Eimear, und die beiden bekamen zwei Kinder, zwei öffentlich-rechtliche Töchter, wenn man so will.

Wer also könnte die Sender besser repräsentieren als Curran, doch repräsentieren ist nicht ganz das richtige Wort, er muss sie verteidigen: ihren Beitrag zum kulturellen Leben nachweisen, ihre Rolle für die Meinungsbildung, denn "zum ersten Mal gibt es politische Mehrheiten gegen die Öffentlich-Rechtlichen", sagt er. "Es geht in einigen Ländern um die Existenz."

Alarmierende Nachrichten erreichen ihn aus allen Himmelsrichtungen: In Bosnien-Herzegowina, Mazedonien und dem Kosovo stehen die Sender kurz vor dem Kollaps, weil Regierungen dem Rundfunk die finanzielle Grundlage entziehen, Serbien hat das Budget halbiert. Und wer denkt, so etwas geschehe bloß auf dem Balkan, der irrt ganz einfach.

Spanien hat seinem Rundfunk über Jahre massive Einschnitte verordnet und ein Viertel der Mittel fürs Programm gestrichen. Und dem irischen Rundfunk "wurde das Budget gleich mehrfach gekürzt", sagt Curran. Auch wenn die Kürzungen in vielen Ländern in der europäischen Finanz- und Wirtschaftskrise begonnen haben, als das Geld knapp war, ist daraus etwas anderes erwachsen. Die Wirtschaftskrise ist vorbei, der Wohlstand in der EU in fünf Jahren um zehn Prozent gewachsen – und trotzdem müssen viele Sender weiter schrumpfen.

Die Sparprogramme sind Zeichen einer inneren Abkehr vom Öffentlich-Rechtlichen geworden.

Sogar in Deutschland zeigen sich die Symptome. Dass der Beitrag seit 2009 mehr oder weniger stagniert, reicht prominenten Vertretern von FDP, CSU, CDU und AfD sowie den Zeitungsverlegern bei Weitem nicht. Sie fordern regelmäßig, die öffentlich-rechtlichen Sender zu verkleinern. Es geschieht aus je eigenen Gründen und nie gemeinsam, begleitet von schrotflintenmäßigen Titelgeschichten wie jener im Nachrichtenmagazin Spiegel ("Die unheimliche Macht – Wie ARD und ZDF Politik betreiben"). Es ist ein erratischer Beschuss – aber in hoher Frequenz.

Wie konnte es zu solch einem Umschwung kommen? Seit ihrer Gründung waren Öffentlich-Rechtliche ein Zeichen dafür, dass eine Demokratie stabil ist. Wenn Radio- und TV-Journalisten unbehelligt ihrer Arbeit nachgehen konnten, Managern und Staatsdienern auf die Finger schauen, ohne politische Willkür fürchten zu müssen. Aus diesem Grund galten öffentlich-rechtliche Sender bei der Osterweiterung der EU als wichtiger Indikator dafür, ob ein Land reif war, in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden.

Keine 15 Jahre später hat sich die Debatte auf krasse Weise gedreht. Wieder ist der Rundfunk ein Symbol für Europa und eine mittig-linke, progressive Politik, nur dieses Mal für ihre angeblichen und tatsächlichen Schwächen. Er ist insofern auch ein Opfer des Zeitgeistes. Das Öffentlich-Rechtliche sei sklerotisch, heißt es, eine Sache der Alten, schlimmer noch, der Altlinken. Als sei der Rundfunk so etwas wie die SPD der Medienlandschaft.