Der Millionär trägt Joggerkluft. In schwarzer Sporthose und kurzärmeligem Fünf-Euro-Shirt steht Thomas Mühlöcker in der Küche seiner geräumigen Dachgeschosswohnung im siebten Wiener Bezirk, schnappt sich einen Smoothie aus dem Kühlschrank und steckt die linke Hand dann lässig in die Hosentasche.

Der durchtrainierte 30-Jährige, der aussieht wie ein Sportstudent, ist der erfolgreichste Pokerspieler Österreichs. Seit zwölf Jahren blufft Thomas Mühlöcker beim Glücksspiel, seit zehn Jahren kann er davon leben. Mehr als vier Millionen Euro Gewinn hat er mit den Spielkarten bisher erzielt. Sein Name ist auf dem weltweiten Poker-Parkett längst eine feste Größe. Fast wöchentlich reist er für Live-Turniere nach Las Vegas, Monte Carlo oder auf die Bahamas.

Wenn Freunde bei Turnieren zusehen und Mühlöcker gewinnt, jubeln sie ihm zu. Der Pokerprofi mit den dichten, nach hinten gekämmten schwarzen Haaren aber lächelt nur zaghaft. "Wann flippst du einmal richtig aus?", fragen Moderatoren nach den Turnieren gern. Mühlöcker wirkt bei dieser Frage immer etwas aus dem Konzept gebracht. Die Aufregung um ihn, so scheint es, kann er gar nicht verstehen.

"Wenn dir das Spiel nicht so viel Spaß macht, dann kommst du nie so weit", sagt Mühlöcker. Doch der Spaß ist ihm nur schwer anzumerken. Seine Sätze wirken wie auswendig gelernt, fast monoton, als wäre er darauf konditioniert, jegliche Gefühlsregung im Inneren zu ersticken. Der starre Blick, der zusammengekniffene Mund, die ruhige Körperhaltung, diese antrainierten Verhaltensregeln kann er auch außerhalb des Spiels nicht mehr ablegen.

Nur einmal holt er länger aus. Das Bild, das viele von Pokerspielern hätten, störe ihn: "Wenn man professionell Poker spielt, ist das wie ein Hochleistungssport." Mit Faulheit und Bequemlichkeit habe seine Arbeit nichts zu tun. Viel mehr gehe es um Disziplin und Management.

Wenn Mühlöcker zu Hause in Wien ist, spielt er online, drei- bis viermal in der Woche, mehr als acht Stunden am Stück, sechs Turniere gleichzeitig. "Es ist schon eine Nachtarbeit", sagt er, als würde er Schichten in einer Imbissbude schieben. Bei den meisten Online-Turnieren müsse er sich nach amerikanischen Zeitzonen richten, erzählt er und reibt sich dabei die Augen.

In Socken huscht Mühlöcker in sein Arbeitszimmer. Auf einem dunkelbraunen Massivholztisch stehen zwei Bildschirme, daneben ein Zahlen-Pad. Pokale zieren das Schrankkästchen dahinter, doch einen protzigen Billardtisch oder teure Designermöbel sucht man in den schlicht gehaltenen Räumen vergeblich.

Österreich ist ein Eldorado für Pokerprofis: Die Spielgewinne werden nicht besteuert

Mühlöcker ist ein Perfektionist, der vor jedem Spiel 25 Minuten lang meditiert. Wenn er von seiner Karriere erzählt, hat er die Hände in seinem Schoß gefaltet, kein einziges Mal benutzt er sie zum Gestikulieren. Es scheint, als würde es für ihn kein Leben außerhalb der Disziplin geben, als müsse er sich permanent mit anderen messen. Obwohl er finanziell ausgesorgt hat, zählt für ihn nur eines: sein Spiel weiter zu perfektionieren.

Die Online-Spiele seien der tägliche Brotberuf, sagt er. Der Nervenkitzel entstehe aber erst am Spieltisch, wie bei seinem letzten Turnier im King's Casino im tschechischen Rozvadov. Dort hat Mühlöcker im November mehr als eine Million Euro abgeräumt, sein bisher höchster Einzelgewinn. Doch aus seinem Mund klingt diese Zahl unaufgeregt, fast schon gelangweilt, so als würde er eine mathematische Gleichung lösen.

Poker ist ein Milliardenmarkt, vor allem das Spiel im Internet. Das Glücksspiel-Beratungsunternehmen Global Betting and Gaming Consultants schätzt den weltweiten Umsatz für Online-Poker auf drei Milliarden US-Dollar. Doch im Netz tummeln sich neben Profis wie Mühlöcker vor allem viele Laien- und Hobbyspieler.