Unter europäischen Linken gilt Portugal als Musterland. Seit zwei Jahren führen die Sozialisten dort eine Minderheitsregierung, die unter anderem von den Kommunisten unterstützt wird. Ministerpräsident António Costa beendete die Austeritätspolitik seines konservativen Vorgängers. Entgegen den Befürchtungen aus Deutschland ist die portugiesische Wirtschaft seitdem gewachsen.

DIE ZEIT: Herr Minister, wie lange kann Europa damit leben, dass es in Deutschland keine richtige Regierung gibt?

Augusto Santos Silva: Es sollte jetzt schnell gehen. Auf dem EU-Gipfel nächste Woche sollen die Weichen für die Vollendung der Währungsunion gestellt werden, und vor wenigen Wochen haben wir uns verpflichtet, in der Verteidigungspolitik enger zusammenzuarbeiten. Es ist im europäischen Interesse, dass sich die deutschen Parteien bald einig werden.

ZEIT: Was hielten Sie von einer Neuauflage der großen Koalition?

Santos Silva: Es gehört zum guten Ton in Europa, sich nicht in die inneren Angelegenheiten anderer Länder einzumischen. Aber wir haben mit der letzten großen Koalition alles in allem gute Erfahrungen gemacht. Wenn es wieder zu einem Bündnis von SPD und Union kommt, wäre das sicher keine schlechte Nachricht.

ZEIT: Sie sind Sozialdemokrat, was raten Sie Ihren sozialdemokratischen Freunden in Deutschland – Regierung oder Opposition?

Santos Silva: Ich bin nicht nur Sozialdemokrat, sondern der SPD eng verbunden. Die Sozialistische Partei Portugals wurde in den siebziger Jahren in Deutschland gegründet, in Bad Münstereifel. Portugal war damals eine Diktatur, und die SPD hat uns unterstützt. Mir erschien es nicht unlogisch, dass man sich nach der Wahlniederlage dafür entschieden hat, in die Opposition zu gehen, um die Partei programmatisch neu aufzustellen. Es erscheint mir aber auch nicht unlogisch, dass man nach dem Scheitern der Sondierungsgespräche die Position ändert, um Deutschland zu einer stabilen Regierung zu verhelfen.

ZEIT: Sind Sie erleichtert, dass die FDP der nächsten Regierung nicht angehören wird?

Santos Silva: Lassen Sie es mich so sagen: Es ist bekannt, dass die FDP vor allem in währungspolitischen Fragen Positionen eingenommen hat, für die es in vielen anderen europäischen Staaten wenig Verständnis gibt.

Wachstumsstar Portugal

Bruttoinlandsprodukt im Vergleich zum Vorjahr, Angaben in Prozent

Quelle: IMF © ZEIT-Grafik

ZEIT: Welche Europapolitik wünschen Sie sich denn von der nächsten Bundesregierung?

Santos Silva: Am wichtigsten ist, dass wir vorankommen, denn Stillstand ist keine Option. Europa mag wirtschaftlich gesehen inzwischen wieder gut dastehen. Aber die nächste Krise kommt bestimmt. Und dann brauchen wir Instrumente, um reagieren zu können. Wir können uns beispielsweise eine europaweite Arbeitslosenversicherung vorstellen.

ZEIT: Das wäre allerdings ein Schritt in Richtung jener Transferunion, die in Deutschland so unpopulär ist.

Santos Silva: Das käme darauf an, wie man sie ausgestaltet. Und der Begriff Transferunion ist ohnehin nicht sehr präzise. Wenn portugiesische Familien mehr Geld aus Brüssel erhalten, dann kaufen sie davon wahrscheinlich mehr Autos, Fernseher oder Mobiltelefone. Diese Waren werden aber nicht in Portugal hergestellt, sondern zum Beispiel in Deutschland. Ich wundere mich, dass das in Deutschland nicht gesehen wird.