Die Szene ist nur eine halbe Minute kurz, und doch lang genug, um einen Abgrund zu offenbaren. Ein Video, in Libyen bei Nacht gedreht. In der Dunkelheit steht eine Gruppe afrikanischer Männer. Auf der Schulter des einen landet die Hand eines hellhäutigen Mannes. Sein Gesicht ist nicht auszumachen, er sagt auf Arabisch: "Große, starke Jungs für die Feldarbeit." Sein Zeigefinger deutet in eine Richtung, aus der ein Angebot zu kommen scheint. "400." Es folgen weitere. "700." – "800." Am Ende wird jeder der afrikanischen Männer für 1.200 libysche Pfund, umgerechnet 337 Euro, verkauft.

Sie waren als Migranten ausgezogen, ein besseres Leben zu suchen. Jetzt sind sie Sklaven.

Das Video wurde dem amerikanischen Sender CNN zugespielt, amerikanische Journalisten reisten nach Libyen und filmten heimlich eine weitere Sklavenauktion. Erstmals gibt es damit Aufnahmen von dem Leid, über das afrikanische Migranten seit Langem berichten. Denn immer wieder werden Menschen, die sich auf den Weg nach Europa machen, von Schleppern entführt, vergewaltigt oder verkauft. Kidnapper foltern ihre Geiseln live am Telefon, um deren Angehörige zu erpressen. In einigen Ländern wie Libyen oder Mauretanien werden Schwarzafrikaner als Sklaven gehalten. Verlässliche Opferzahlen gibt es nicht.

Die Symbolik des CNN-Videos ist erdrückend. Kein anderer Kontinent hat so unter der Sklaverei gelitten wie Afrika. Im Norden und Osten raubten unter anderem arabische Sklavenhändler zwischen 1500 und 1900 bis zu 17 Millionen Menschen. Im Westen verschleppten Europäer bis zu 15 Millionen Afrikaner in die Karibik und auf den amerikanischen Kontinent. Nicht nur in Afrika sorgte das Video für größte Empörung.

Auf dem EU-Afrika-Gipfel in Abidjan, Elfenbeinküste, einigten sich afrikanische und europäische Staats- und Regierungschefs vergangene Woche auf einen Aktionsplan. Schätzungen zufolge befinden sich derzeit 400.000 bis 700.000 Migranten aus Subsahara-Afrika in Libyen. In einem ersten Schritt sollen 3.800 inhaftierte Menschen so schnell wie möglich aus dem Land evakuiert und vor allem in ihre Heimatländer zurückgebracht werden. Die EU will dafür Start- und Rückkehrhilfen gewähren. 240 Nigerianer wurden bereits ausgeflogen. Ruanda bot an, 30.000 Menschen aufzunehmen. Zudem will man die Netzwerke der Menschenhändler "mit konkreten Militär- und Polizeiaktionen" auflösen. Die Schmuggler sollen verhaftet, ihre Vermögen eingefroren werden, finanzielle Sanktionen sind geplant. Libyen kündigte eine Untersuchung der Sklavenauktionen an.

In Libyen werden Migranten von verschiedenen Gruppen gefangen gehalten. Die Regierung in Tripolis betreibt 24 Haftanstalten, um Migranten an der Weiterreise nach Europa zu hindern. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Gefängnisse von Milizen, manche von ihnen verdingen sich gleichzeitig als Menschenhändler. Als "Verkörperung menschlicher Grausamkeit in ihrer extremsten Form" beschrieb Joanne Liu, Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen, die Zustände von libyschen Haftanstalten in Tripolis.

Der Film zeigt, wie problematisch die sogenannte "Externalisierung der Migrationskontrollen" ist. Schon jetzt bezahlt Europa afrikanische Staaten wie den Niger oder Libyen dafür, Migranten aufzuhalten. Doch die Umsetzung ist viel schwieriger als der EU-Türkei-Deal: Nordafrika ist riesig. Über weite Teile erstreckt sich die Sahara. In vielen Wüstenregionen ist die Kontrolle des Staates schwach, bisweilen ist sie gar nicht vorhanden. Ist der Weg über den Niger versperrt, können Migranten auf Mali ausweichen. In manchen Regionen hat der Menschenhandel mittlerweile den Drogenschmuggel als einträglichste Finanzquelle abgelöst.

Mit den Jahren zeigt sich immer deutlicher, wie fatal die Entscheidung war, den libyschen Machthaber Muammar al-Gaddafi 2011 zu stürzen, ohne den geringsten Plan für seine Nachfolge zu haben. Bis heute hat das Land keine Zentralregierung, die Regierung in Tripolis beherrscht nur einen Teil des Landes, unzählige Milizen streiten um die Macht. Die ganze Region wurde mit Waffen aus den Beständen der libyschen Armee überschwemmt, das machte Islamisten, Warlords und Gangster stark.

Vor 2011 zog es viele afrikanische Migranten in das relativ wohlhabende Libyen, wo sie sich in der Landwirtschaft, dem Bauwesen oder der Ölindustrie verdingten. Seit Libyen im Chaos versinkt, wollen viele weiter, nach Europa. Die Zustände der von der Regierung in Tripolis betriebenen Haftanstalten sind teilweise schrecklich. Noch schlimmer ist, dass sie auf viele weitere Gefängnisse keinen Zugriff hat. So sagte der Informationsminister einer italienischen Journalistin, die das Land für Unicef bereiste, dass allein in Tripolis 13 Haftanstalten von Milizen bewirtschaftet werden. "Wir können nicht mal in die Nähe gehen, da würden wir unser Leben riskieren."

Anfang des Jahres schloss die italienische Regierung mit der libyschen Küstenwache, einigen Lokalregierungen und Stämmen ein Abkommen, um die Zahl der Migranten nach Europa zu reduzieren. Anfangs sah es so aus, als ob es funktionierte. Diesen Sommer kamen im Vergleich zum Vorjahr 80 Prozent weniger Migranten an als im Vorjahr. Was aber geschieht mit den Menschen, die in Libyen festgehalten werden? Mittlerweile sind um den Hafen von Sabrata, dem Knotenpunkt des Menschenhandels, blutige Kämpfe zwischen verschiedenen Milizen ausgebrochen. Die Zahl der Migranten nach Italien ist seither wieder gestiegen.

Es gibt Gerüchte, wonach die Italiener mit einigen Milizen kooperieren, etwa mit dem mächtigen Dabbaschi-Clan, der drei Gefängnisse für Migranten kontrolliert. Die italienische Regierung bestreitet die direkte Zusammenarbeit. Die Kontrolle der Migrationsströme zu externalisieren bedeutet auch: sie jenen Ländern zu übergeben, in denen Migranten Verbrechern schutzlos ausgeliefert sind. Was das heißen kann, zeigt das CNN-Video.

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