Nun ist es also wieder der Vorsitzende, der es nicht kann. So wie es schon der Vorgänger des Vorsitzenden war, der es auch nicht konnte. Oder hat vielleicht der Kanzlerkandidat, der zufällig auch der Vorsitzende ist, versagt? So wie die Kanzlerkandidaten davor, die auch schon nichts auf die Reihe gebracht haben. Irgendwann, so bleibt zu hoffen, werden die SPD und ihre Beobachter doch noch erkennen, dass sich die eigentlichen Probleme der Partei nicht am Spitzenpersonal festmachen.

Sie liegen viel tiefer.

Von diesem Donnerstag an wird man auf dem SPD-Parteitag drei Tage lang beobachten können, wie die Sozialdemokraten mit sich und der Lage ringen. Sollen sie einer Regierung beitreten oder nicht? Oder tolerieren sie eine Minderheitsregierung? Das eine wie das andere kann mit dem Untergang der deutschen Sozialdemokratie als Volkspartei enden. Oder mit einem Wiederaufstieg. Ja, doch.

Die soziale Lage in Deutschland hat sich erheblich verschärft

Hinter dem Schwanken der Genossen zwischen Oppositionssehnsucht und Regierungsdrang wird eine deutsche Wirklichkeit sichtbar, die lange Zeit von der Don’t worry, be happy-Seligkeit der hohen Steuerüberschüsse und niedrigen Arbeitslosenzahlen verdeckt war. Der Höchststand an Leiharbeit, der Anstieg der Kinderarmut und die Einkommensverluste der unteren 40 Prozent der Bevölkerung in den vergangenen zehn Jahren haben die soziale Lage vieler und damit die gesellschaftlichen Spannungen im Land erheblich verschärft. Im Wahlerfolg der AfD fand das seinen Niederschlag. Fast die gesamte politische Elite hat das nicht gesehen oder nicht sehen wollen. Den Schaden beheben soll nun, wie immer, die SPD.

Sozialdemokraten sehen sich selbst unverändert als eine Kraft, die sich primär um sozial Schwache und einfache Arbeitnehmer kümmert, für deren Interessen eintritt und ihren Aufstieg ermöglicht. In dem großen gesellschaftlichen Konflikt dieser Zeit zwischen Globalisierungsgewinnern und -verlierern müssen sie nun einen Spagat hinbekommen. Ihrer Tradition und ihrem Selbstverständnis nach gehört die SPD an die Seite der wenig Gebildeten, die für die hoch qualifizierten Jobs des digitalen Kapitalismus nicht infrage kommen. Sie gehört an die Seite der Nichtmobilen, die an die Scholle gebunden bleiben, auf der sie aufgewachsen sind. Zugleich klammern sich diese Bedrängten an den Nationalstaat als Schutzraum und sehen in Flüchtlingen zuerst Konkurrenten. Diese Menschen nicht aufzugeben, sie der AfD mit ihren einfachen Antworten abspenstig zu machen und dabei eine weltoffene Partei zu bleiben, die Europa als Verheißung und nicht als Bedrohung versteht, das ist eigentlich eine Aufgabe für politische Titanen. Die SPD muss sie jetzt als geschrumpfter Riese anpacken. Dass ihre Mandatsträger nahezu geschlossen zur mobilen Elite, also zu den Gewinnern der Globalisierung, gehören, macht die Aufgabe nicht einfacher.

Deutlich wird das im Reden über Europa. Wenn SPD-Chef Martin Schulz sagt, Sicherheit und Wohlstand der Deutschen seien im nationalen Rahmen nicht mehr zu gewährleisten, spricht er an jenem Teil der Wählerschaft vorbei, der genau das von der Staatspartei SPD erwartet. Und wenn er mahnt, Europa brauche für seine Problemregionen nach vielen schönen Worten endlich auch eine "Solidarität der Tat", zucken viele zusammen und verstehen nur: "Mehr deutsches Geld für die Griechen." Der Wunsch nach transnationaler Entgrenzung kracht auf die Angst vor Identitätsverlust und Abstieg. Doch keine andere Partei ist so prädestiniert dafür, eine Brücke zwischen den Globalisierten und den Gefrusteten zu schlagen, wie die SPD.

Auf dem Parteitag müssen die Sozialdemokraten nun eine Taktik festlegen – Groko ja oder nein –, bevor die Strategie steht. In welche Richtung es mit ihrer Erneuerung gehen soll, weiß sie noch nicht. Nur in der Mitte, so das Credo eines Großteils der Partei, könne man Wahlen gewinnen. Dumm nur, dass die SPD genau dort, in der Mitte, zuletzt dreimal krachend verloren hat – und das auch noch mit den mittigsten Kandidaten, die aufzutreiben waren: Steinmeier, Steinbrück, Schulz. Wenn die SPD, wie Andrea Nahles einfordert, wieder klare Kante zeigen will, dann funktioniert das nicht mit dem verhuschten Versuch des "Me too" in der Mitte. Dann muss sie dorthin, wo sie dringend gebraucht wird – nach links.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio