Um Probleme zu lösen, braucht es Menschen, die das Wesen einer Sache erkennen. Die nicht geblendet sind von Moden. Leute wie: Jens. Jens sitzt zwischen seinem verschmierten Windows-Laptop, seiner Drehbank und seiner Fräse, atmet das Eisen ein, das in der Luft liegt, und begutachtet mein Problem. Wo ich einen "deutschen Designklassiker" sehe, sieht Jens, was eine Milchpfandflasche wirklich ist: ein Wasserhahn. Und während wir hier im Berliner Fab Lab, dieser offenen Werkstatt, an seiner Bank stehen, fragt er folgerichtig: "Warum machste det nich einfach wie beim Hahn, tust een Dichtungsring rin und klemmst een Sieb zwischen?"

Tja, warum eigentlich nicht?

Ich bin dabei, mit 500 Euro Startkapital meines Investors, der Redaktion, ein revolutionäres Produkt auf den Markt zu bringen. Mit einem Filterdeckel, der Pfandmilchflaschen in Cold-Brew-Tea-Karaffen verwandelt, werde ich mit hoher Wahrscheinlichkeit den Teemarkt aufmischen.

Mein Plan ist, wie im Digitalzeitalter zu produzieren: zuerst auf einer Plattform wie Upwork, wo Freelancer von überall auf der Welt jede Art von Dienstleistung anbieten, ein 3-D-Modell des Deckels zeichnen zu lassen. Die Datei an ein 3-D-Druck-Unternehmen zu geben, mir das Modell zuschicken zu lassen und es auf die Flasche zu schrauben. Anschließend Serienproduktion.

Jetzt allerdings droht es konkret zu werden: Welchen Kunststoff soll ich verwenden? Silikon klingt vertraut in der Liste der verfügbaren Materialien beim Rapid-Prototyping-Unternehmen Proto Labs. PVC und PET auch. Aber was ist PC? PP? POM? Welches ist lebensmittelverträglich? Und welchen dieser Freelancer bei Upwork soll ich anheuern? Shajeed aus Bangladesch, der schreibt: "I believe in the mantra, innovation, communication and excellence"? Oder vielleicht doch Ciprian aus Rumänien mit dem Motto "Work smart, not hard"? Seine Eierverpackung in Form einer Toblerone-Schachtel zum platzsparenden Eier-Stapeln sieht durchaus smart aus.

Zu viele Fragen, zu viel im Angebot. Tage und Wochen verstreichen. Mein Investor macht Druck: Die Redaktion will Resultate. Verzweifelt rufe ich Rob an, den Freund meiner britischen Cousine. Die beiden leben in den englischen Midlands. Rob ist Industriedesigner. Ich schicke ihm meine Filzstiftskizzen, die so grob sind, dass eine Freundin gefragt hat, ob ich eine Menstruationstasse entwickle. Doch noch während Rob bei jeder meiner Fragen "should be okay" oder "just try" murmelt, schickt er mir eine 3-D-Version meines Deckels, die er schnell auf seinem Laptop gezeichnet hat. Fertig.

Ich miete mich im Berliner Fab Lab ein. Für 15 Euro im Monat kann man hier 3-D-drucken und für etwas mehr Geld mit computergesteuerten Fräsen hantieren, soviel man will. "Maker-Spaces" nennen sich solche offenen Werkstätten. Sie verstehen sich als Teil einer Bewegung für digitales Handwerken und sind sehr angesagt. In den kommenden vier Tagen besuchen etliche Besuchergruppen das Fab Lab. Studentengruppen aus dem Fernen Osten und Schüler aus Berliner Außenbezirken. Selbst die Wirtschaftsministerin schaut vorbei. Hier ist die Zukunft zu besichtigen. Und mittendrin: ich.

Ich erkläre einen der roten Stühle an einem der breiten Tische zu meiner Erfinderwerkstatt. Neben mir werden in den nächsten Tagen sitzen: ein Knirps, der vom Fidget-Spinner bis zum Anti-Trump-Logo alles dreidimensional druckt, was das Leben eines Zehnjährigen interessanter macht. Eine brasilianische Künstlerin, die das Innenleben der Klitoris in 3-D-Druck-Schmuck verwandelt. Und ein Franzose, der in nur zwei Monaten eine Virtual-Reality-Brille entwickeln soll und mein Gefühl, genial zu sein, merklich dämpft. Die Einführung ins 3-D-Drucken durch einen Mitarbeiter bestehe ich in zwei Stunden. Ich verstehe ein bisschen was von Software. Das hilft. Und so halte ich schon am ersten Tag den ersten Prototyp meines Deckels in Händen. Das Sieb ist in den Deckel integriert. Es wurde gleich mitgedruckt.