Im vorigen Jahr war die Geschichte der modernen Kunst an ihr goldenes Ende gekommen. Eine Geschichte, die mit einem Sanitärartikel begonnen hatte, mit dem Pinkelbecken von Marcel Duchamp, das er 1917 in einer kleinen New Yorker Galerie als Kunstwerk ausstellte. Nun schloss sich der Kreis, als ebenfalls in New York, diesmal im berühmten Guggenheim, eine weitere Schüssel für die menschliche Notdurft auftauchte, eine aus purem Gold, doch voll funktionstüchtig und mit Kabine. Maurizio Cattelan lud alle Besucher ein, sich auf das Werk zu entleeren, damit der alte Traum der Moderne wahr werde: Natur und Kunst neu zu vereinen.

Nun allerdings geht die Geschichte weiter, wieder gibt es ein neues Künstlerklo. Wieder ist es eines, das den Ort des Unrats adeln will und, im wortwörtlichen Sinne, anschlussfähig ist. Aus 24 Taschen von Louis Vuitton hat die amerikanischen Künstlerin Illma Gore einen ganz besonderen, einen über die niedrigsten Bedürfnisse triumphierenden Thron gefertigt, wobei diese Bedürfnisse in Wahrheit natürlich nicht zu besiegen sind. Auf dem Klo sind alle gleich, manche aber wären gerne gleicher.

Erstaunlich jedenfalls, dass die Kunst nun so entschlossen das symbolische Terrain verlassen und praktisch werden möchte. Erstaunlich auch, wie unverhohlen sie sich teuer und edel gibt, war sie doch ein Jahrhundert lang davon besessen, unbedingt den Dreck, das Hässliche und Üble in die Museen zu holen. Der Griff ins Klo, sozusagen, galt vielen Künstlern als vornehmste Aufgabe. Noch ist die Geschichte dieses Drangs nicht geschrieben, es gibt auch keine Spezialsammlung für Scheißkunst oder vornehmer: keine museale Bedürfnisanstalt. Doch sollte es sie dringend geben, schon um besser zu verstehen, welche Ideale die Moderne bestimmten und warum sie jetzt zu ihrem Ende kommen.

Als Duchamp mit seinem Urinal den Reigen begann, war er natürlich nicht der erste Künstler, der sich für jenes Geschäft des Menschen interessierte, das immer ein Verlustgeschäft ist und erst dadurch wichtig und wertvoll. Schon bei Rembrandt, Tiepolo oder Breughel finden sich einzelne Gestalten, die mehr oder weniger verschämt ihr Wasser abschlagen. Auch von Adolph Menzel gibt es einen Mann auf dem Abort, eine feine Zeichnung von 1872, die man getrost avantgardistisch nennen darf.

Wie viele andere Künstler der Moderne machte sich Menzel daran, das menschliche Wesen systematisch zu erforschen. Nicht nur den Sonntagsseiten, nicht dem bloßen Schein galt die Neugier, sondern dem Eigentlichen und Tiefen. Oder anders gesagt: den Eingeweiden der Existenz. Und so ist es wenig überraschend, dass die Künstler früher oder später an jenem Ort der vorletzten Dinge landen würden, an dem das Innerste zutage tritt.

Mit Duchamp bekam diese Art von Existenzbefragung eine schimmernde, eine provozierend glatte Form. Als er mit seinem Urinal reüssieren wollte, folgten viele Künstler gerade dem Expressionismus und wollten einer neuen Natürlichkeit zum Ausdruck verhelfen. Auch in der Klokunst (Achtung, doppeldeutig) drückt sich die Natur aus. Doch eben nicht ungezügelt und wild, sondern in geschlossener, perfekter Form und auf eine ungemein fortschrittliche Weise. Anders als heute, da das Urinoir ein Alltagsding ist, ließ es sich 1917 noch als Vorbote einer besseren Zeit verstehen: Endlich war geregelt und maschinisiert, was sonst an Häuserwänden und Bäumen herunterfloss und die Städte verseuchte. Das Pinkelbecken war ein Zivilisationssprung. Duchamp wusste das zu würdigen.

Gewiss, es ging ihm auch um Provokation, um ein entgrenztes Kunstverständnis. Alle Welt sollte begreifen, dass es auf das Wollen des Künstlers ankomme und nicht aufs Können. Diese Überzeugung hätte er aber auch mit einem Waschbecken oder einer Wanne demonstrieren können. Warum ein Urinoir?

In der ausufernden Literatur über Duchamp wurde diese Frage selten erörtert, dabei liegt die Antwort nahe. Schließlich hat das Urinieren mit dem Wollen wie mit dem Können wenig zu tun. Vielmehr folgt es dem Prinzip des Müssens und (wieder doppeldeutig) markiert den denkbar größten Gegenpol zur Freiheit der Kunst. Erst der Künstler ist es, der jeden naturnotwendigen Zwang überwindet und die ewigen Regeln, auch die der Schönheit, hinter sich lassen darf. Im Fountain findet diese Selbstermächtigung ihre museale Form.