Als der Revolutionär Eugen Leviné, einer der Anführer der Münchner Räterepublik, im Juni 1919 vor Gericht stand, sagte er in seiner Verteidigungsrede: "Wir Kommunisten sind alle Tote auf Urlaub." Er ahnte mit dieser berühmt gewordenen Wendung, dass er Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts Schicksal teilen würde, und wurde kurz darauf tatsächlich hingerichtet. Das sozialistische Experiment in München war eine kurze Traumepisode der Geschichte, bevölkert von Künstlern und Schriftstellern, die sich der Politik hingaben, dabei recht unterschiedliche sozialistische Ideen verfolgten – und die fast alle umkamen. Ihre Revolution tobte nur wenige Monate: Im November 1918 floh Ludwig III. aus der Stadt, im Mai 1919 eroberte die "weiße" Armee München und richtete ein Blutbad an.

Diese sechs chaotischen, hoffnungsvollen, gespenstischen Monate sind ziemlich vergessen, jedenfalls sind sie von den nachfolgenden Jahren der Weimarer Republik und der NS-Zeit derart überblendet, dass es natürlich eine hervorragende Idee ist, sie noch einmal jubiläumsüberpünktlich aufleben zu lassen. Träumer nennt der Literaturkritiker des Spiegels Volker Weidermann sein Buch über die Zeit, als die Dichter die Macht übernahmen, und es klingt in diesem Titel recht präzise die Doppeldeutigkeit von Weltfremdheit und künstlerischem Möglichkeitssinn an, die die Protagonisten auszeichnete. Kühnes und Verrücktes hatte man auf dem Programm, so gut wie nichts von den fiebrigen Proklamationen der Räterepublik, etwa unter dem 26-jährigen Dichter und Staatsoberhaupt Ernst Toller, konnte allerdings umgesetzt werden. Weidermann gelingt es, den lustigen Aberwitz, die haarsträubende Unprofessionalität, den eitlen Aktionismus der Revolutionäre zu entfalten, ohne sie der Lächerlichkeit preiszugeben.

Da wird in der "Verordnung über Beschlagnahme und Rationierung der Wohnräume" festgelegt, wie viele Zimmer pro Kopf angemietet werden dürfen und wer ein Atelier haben darf. Die verhasste Presse und der Bergbau sollen sozialisiert werden. Aus den Schließfächern in Banken darf erst mal nichts entnommen werden. Dem Volksbeauftragten für Äußeres, dem Journalisten Franz Lipp, steigt die Macht zu Kopf: Er schickt ein Telegramm an den Papst, in dem er sich beklagt, dass die Vorgängerregierung den Toilettenschlüssel seines Ministeriums entwendet hat – er landet bald darauf in einer psychiatrischen Anstalt. Der von Walt Whitmans Mystik beseelte Schriftsteller Gustav Landauer, Beauftragter für Volksaufklärung, eingestellt, um an der "Umbildung der Seelen" der Bevölkerung zu arbeiten, strengt radikale Bildungsreformen an: die Abschaffung der Hausaufgaben wie des Rohrstocks, freie Bewegung der Schüler während des Unterrichts, die Möglichkeit einer "Lebensgemeinschaft vom 13.–15. Jahre (Schüler – Lehrer – Meister)" und derlei mehr. Der Volksbeauftragte für Finanzen, Silvio Gesell, wiederum will die Zinsen und das Privateigentum an Boden abschaffen, aber es reicht die Zeit nicht, diese doch etwas ambitionierten Vorhaben in die Tat umzusetzen.

In all diesen Monaten des Improvisierens, der geschichtlichen Offenheit, der grotesken Begeisterung mag es tatsächlich den Moment einer hippiehaft-fröhlichen Anarchie gegeben haben, wie sie Weidermann mit großer Symphatie in der Mitte seines Buches skizziert: "Es kommen in diesen Wochen Traumtänzer, Wintersandalenträger, Prediger, Grashörer, Befreite und Befreier, Langhaarträger, Hynotisierer und Hypnotisierte, Schwebende. Wer in diesen Tagen in diese leuchtende Stadt kommt, wird selbst erleuchtet." Davor und danach aber – wie in allen Idyllen – herrscht die Gewalt. Der Journalist und Schriftsteller Kurt Eisner ruft nach der Vertreibung des Königs zunächst den "Freistaat" aus, wird zum Ministerpräsidenten gewählt und nach nur drei Monaten, kurz vor seinem Rücktritt, von einem völkisch gesinnten Studenten erschossen. Die kurz darauf errichtete Räterepublik, dieses von Weidermann nur etwas spöttisch zum südlichen Arkadien verklärte Konstrukt, radikalisierte sich durch den zunehmenden Einfluss sowjetkommunistischer, gewaltbereiter Kräfte und war den Freikorpsverbänden und Reichswehrtruppen schließlich hoffnungslos unterlegen.

So weit der historische Rahmen, der bei Weidermann eher en passant abgehandelt wird. Er geht ja auch induktiv, nicht deduktiv vor. Die allgemeine Stimmung der Stadt fängt er aus der Perspektive seiner "Träumer" und anderer Zeitgenossen auf: Auch Oskar Maria Graf, Rilke, Thomas Mann, Adolf Hitler sind vor Ort, ihre Episoden wechseln einander ab, und das ist kunstvoll gemacht, nämlich unangestrengt, leicht, szenisch – und wie nebenher tut sich der eine oder andere Abgrund auf, etwa bei Thomas Mann, der sich nicht recht entscheiden mag, ob er sich auf die Seite der Anarchisten oder die der Reaktion schlagen soll. Man lernt in diesem Buch auch, was es heißt, Opportunist zu sein.

Vielleicht ist es ein bisschen schade, dass Weidermann ausschließlich auf der darstellenden Ebene bleibt – und jeden Anflug einer Analyse des Geschilderten scheut. Um nur ein naheliegendes Beispiel anzufügen: Wenn der Künstler zum Politiker wird, droht ja zuverlässig Unheil – ob er nun Landschaftsmaler ist oder Expressionist. Der Künstler erschafft eine Welt aus seiner Imaginationskraft, er macht sich als Regent untertan, was er zuvor selbst in einer Grandiositätsfantasie entwarf. Es ist jedenfalls kein Zufall, dass Mussolini, Stalin, Hitler, Mao Tse-tung, Kim Il Sung, Gaddafi, Saddam Hussein lebhaft zur Schriftstellerei neigten, wie vor einigen Jahren im lesenswerten Band Despoten dichten (herausgegeben von Albrecht Koschorke und Konstantin Kaminskij, Konstanz 2011) entfaltet wurde.

Denn: Was heißt es schon zu träumen in der Politik? Und ist der langweilige, der aktenfressende Berufspolitiker nicht letztlich ein großes Glück? Derartige Überlegungen werden in den Träumern ausgeklammert, aber am Ende ist es kleinlich zu beklagen, was einem alles fehlen könnte in diesem so inspirierenden Buch über die Toten auf Urlaub.

Volker Weidermann: Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen: KiWi, Köln 2017; 288 S., 22,– €, als E-Book 18,99 €