Kann eine Katastrophe sich vor aller Augen abspielen und dennoch unbemerkt bleiben: nicht weil sie zu klein, sondern weil sie zu groß ist, um erkannt zu werden?

Seit einer Woche läuft die Unterschriftensammlung für einen der wichtigsten Volksentscheide in der Hamburger Geschichte. Wo dürfen in Zukunft noch Wohnungen gebaut werden: nur in Baulücken und auf Dächern schon bestehender Gebäude? Oder auch außerhalb der Wohngebiete, wo heute noch Kleingärtner und Bauern ihre Beete und Felder bestellen? Der Senat und die Mehrheit der Bürgerschaft wollen in Einzelfällen Grünland für den Wohnungsbau opfern. Die Umweltschützer vom Naturschutzbund Deutschland, dem Nabu, sammeln Unterschriften, um das zu verhindern. "Hamburgs Grün erhalten" lautet ihr Motto.

Es geht um das Bauprogramm des rot-grünen Senats. Jedes Jahr sollen 10.000 neue Wohnungen entstehen, um den Anstieg der Wohnungspreise in Grenzen zu halten. So dürfe es nicht weitergehen, verkündet nun der Nabu, Senat und die Mehrheit in der Bürgerschaft nähmen Jahr für Jahr die Vernichtung riesiger Grünflächen in Kauf. Die Naturschützer behaupten, erkannt zu haben, was sonst niemand sieht: Hamburg werde zur "Betonwüste", wie Nabu-Chef Alexander Porschke sagt. Eine Katastrophe.

Wohnungsnot oder Naturzerstörung, das klingt nach einer schweren Entscheidung. In Wirklichkeit gibt es diesen Widerspruch aber nicht. Die ZEIT hat die Behauptungen des Nabu überprüft. Ergebnis: Sie sind falsch – nicht nur ein bisschen übertrieben, sondern komplett unwahr.

Die Frage ist nicht, ob Umweltschutz oder Wohnungsbau wichtiger ist. Die Frage ist, wie eine als seriös bekannte Umweltschutzorganisation dazu kommt, wider besseres Wissen eine derart haltlose Kampagne zu inszenieren.

Im Zentrum der Nabu-Kampagne steht eine Zahl: 200 Hektar. Hamburg, die wachsende Stadt, frisst sich angeblich so schnell in ihr Umland, dass jedes Jahr 200 Hektar Siedlungs- und Verkehrsfläche hinzukämen.

Siedlungs- und Verkehrsfläche, das ist ein technischer Begriff aus dem Wortschatz des Statistischen Landesamts. Er bezeichnet nicht nur bebaute Grundstücke und Straßen, sondern auch Parks, Gärten, Kleingarten- und Sportanlagen, kurz: das gesamte besiedelte Hamburg der Lebenden und der Toten, denn Friedhöfe zählen auch dazu.

Außerhalb der Siedlungs- und Verkehrsflächen beginnen die Reviere der Land- und Forstwirte. Wer die Stadt über die Siedlungsflächen hinaus erweitert, dringt also mit Baggern, Kränen und Betonmischern ins Allerheiligste der Umweltschützer vor, in die Wälder und auf Äcker, Weiden und Felder. Seit 20 Jahren bekennen sich alle Hamburger Landesregierungen dazu, das allenfalls ausnahmsweise zu tun und die ökologischen Schäden, wenn es sich machen lässt, innerhalb der Landesgrenzen auszugleichen.