Um 6.12 Uhr ist die Hotelangestellte Martina Schulz noch zuversichtlich. Es ist kalt und finster auf dem Bahnsteig von Langenhorn in Schleswig-Holstein, aber dass ihr Handy noch nicht gepiepst hat, ist ein gutes Zeichen: Heute könnte der dritte Tag in Folge sein, an dem sie pünktlich zur Arbeit kommt. Im letzten Jahr hat sie das nur selten geschafft. Martina Schulz zündet sich noch schnell eine Zigarette an. Dann schallt eine abgehackte Frauenstimme über den Bahnsteig.

"Information zu RE 6 nach Westerland, Abfahrt 6.18 Uhr: Heute circa zehn Minuten später, Grund dafür ist eine technische Störung am Zug."

Schulz seufzt, verdreht die Augen, das Handy hat sie schon in der Hand, WhatsApp auf, eine Sprachnachricht an eine Kollegin, Facebook auf, ein Posting in die Pendler-Gruppe:

"06:31 ab Niebüll technische Probleme. Bis jetzt 10 Minuten Verspätung"

"Der fällt sicher aus", sagt Schulz. Nach einem Jahr kann sie so etwas ganz gut einschätzen.

Ein Jahr: So lange schon fallen auf der Strecke zwischen der Insel Sylt und dem Festland regelmäßig Züge aus oder verspäten sich, oft um eine halbe Stunde oder mehr. Tausende Pendler, die auf dem Festland wohnen und auf Sylt arbeiten, brauchen seither oft doppelt oder dreimal so lang zur Arbeit. Ausweichen können sie nicht: Die einzige Verbindung zwischen Festland und Insel, der 11,3 Kilometer lange Hindenburgdamm, ist nur mit dem Zug befahrbar.

Martina Schulz, 49, ist inzwischen ungewollt zur Fachfrau für Eisenbahnangelegenheiten geworden, routiniert verwendet sie Begriffe wie "10er-Parks" (Züge mit zehn Waggons) oder "HVZ" (Hauptverkehrszeit). Schulz ist eine von fünf Administratorinnen der Facebook-Gruppe "NOB-Pendler Husum–Westerland". In dieser Gruppe informieren sich die Pendler gegenseitig über Verspätungen und Ausfälle, oft schneller als die Anzeigen und Durchsagen am Bahnsteig. Die Administratoren bekommen mittlerweile sogar Informationen direkt von der Transportleitstelle.

Seit einem Jahr leiden Pendler wie Schulz. Es leiden ihre Ehepartner und Kinder, ihre Arbeitskollegen, ihre Chefs und das Zugpersonal. Viele Pendler nehmen inzwischen morgens einen früheren Zug, verlieren dadurch eine halbe Stunde pro Tag, abends noch mal so viel. Sie können keine Termine machen, keine Freizeitaktivitäten planen, ihre Kinder nicht rechtzeitig aus der Kita abholen. "Die Unzuverlässigkeit macht die Leute auf Dauer mürbe", sagt eine Betroffene. Im Oktober haben Schulz und andere Pendler protestiert, sie stellten sich in die Zugtüren und legten den Verkehr stundenlang lahm. Und gerade wurde der Sprecher der Pendlerinitiative von den Lesern des Nordfriesland Tageblatts zum Menschen des Jahres gewählt.

Nach einem Jahr Zugchaos kann man auf Sylt kaum in ein Café oder an die Strandpromenade gehen, ohne Gesprächsfetzen aufzuschnappen, deren Thema eindeutig ist: "Vier Stunden am Bahnhof ... Frechheit ... Seit Monaten ... Schrottzüge ..."

Nach einem Jahr Zugchaos kursieren auf Sylt Geschichten von Pendlern, die wegen der seelischen Belastung krank geworden seien, und von anderen, die gekündigt und sich Jobs am Festland gesucht hätten. Kürzlich haben die Personal- und Betriebsräte von elf großen Sylter Unternehmen einen Brief an den Ministerpräsidenten geschrieben: "Alle unsere Betriebe haben mittlerweile enorme Probleme bei der Personalgewinnung", heißt es darin. In Krankenhäusern und Pflegeheimen müssten Mitarbeiter oft gegen die Arbeitszeitgesetze verstoßen, weil sie zu spät abgelöst würden.