Googelt man nach "allein gebliebener Zwilling", so findet man allerlei Bücher und Therapieangebote. Da liest man sinngemäß: Fühlen Sie sich einsam oder unvollständig? Haben Sie unerklärliche Schuldgefühle? Das könnte daran liegen, dass Sie im Mutterleib eigentlich ein Zwilling waren, aber der andere Fötus die Schwangerschaft nicht überlebt hat, und dass der Trennungsschmerz Sie bis ins Erwachsenenalter verfolgt. Häufig wird die Zahl von zehn Prozent aller Schwangerschaften genannt, bei denen ein Zwilling auf der Strecke bleiben soll.

Früher ist der Tod eines Zwillings im Mutterleib seltener erkannt worden als heute, weil dessen Gewebe meist vom Körper der Mutter resorbiert wird. Nur manchmal fand man früher bei der Geburt einen sogenannten Fetus papyraceus. Der Begriff kommt daher, dass die Überreste des Fötus dann zu einem flachen, papierartigen Gebilde gepresst wurden.

Heute werden solche Fälle häufiger bekannt und sind für werdende Eltern eine bittere Erfahrung. Aber die Zahl ist aus der Luft gegriffen. Eine Reihe von Fachveröffentlichungen zum Thema nennen ganz verschiedene Werte, der höchste besagt, dass bei 30 Prozent aller Mehrlingsschwangerschaften ein Fötus verloren geht. In Deutschland kommen bei etwa zwei Prozent aller Geburten mehrere Kinder zur Welt. Selbst wenn man vom erwähnten Höchstwert ausgeht, hätten weniger als ein Prozent aller Babys im Mutterleib ein Geschwisterkind verloren.

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