Am Beginn der Woche, in der die Weichen für die künftige Regierung gestellt werden sollen, mahnt die Kanzlerin zügige Verhandlungen an. "Die Welt" warte darauf, dass Deutschland wieder agieren könne. Doch realistischer als Merkels Erwartung ist etwas anderes: ein langes, zähes Ringen, an dessen Ende nicht die Neuauflage der großen Koalition, sondern – wie schon zuvor bei Jamaika – das Scheitern steht.

Druck jedenfalls funktioniert nicht mehr. Insbesondere der tägliche Appell an die staatspolitische Verantwortung, mit dem die Sozialdemokraten jetzt wieder in eine Koalition gezwungen werden sollen, hat an der Basis eher den gegenteiligen Effekt. Nicht weil die SPD auf diesem Ohr taub wäre, sondern umgekehrt: weil sie ihrer Pflicht schon so oft nachgekommen ist – koste es, was es wolle. Ihre Verantwortungsbereitschaft der letzten Jahre – angefangen mit der rot-grünen Reformpolitik der Agenda 2010 bis zu den beiden großen Koalitionen seither – hat die SPD ganz dicht an die 20-Prozent-Marke gebracht. Innerhalb von zwei Jahrzehnten pragmatischen Regierens hat sie die Hälfte ihrer Wähler verloren. Das verzweifelte Gefühl der Genossen am Abend der Bundestagswahl, die Opposition sei der einzige Weg, diesen Abwärtstrend zu stoppen, hat sich bis heute nicht verflüchtigt.

Beim Blick auf die schwindsüchtige Verwandtschaft – in den Niederlanden, in Frankreich, in Griechenland – sieht die SPD, was ihr bevorstehen könnte. Aber auch, dass sie noch nicht am Tiefpunkt angelangt ist: "Wir wollen, dass in zehn Jahren noch etwas übrig ist von unserer Partei", hat der Juso-Chef auf dem jüngsten Parteitag den Delegierten zugerufen und dafür tosenden Applaus geerntet. Viele in der SPD sehen ihre Partei in der Existenzkrise und sind überzeugt, dass eine neue große Koalition den Weg in den Untergang bedeuten würde. Man kann das für übertrieben halten, aber die Ansicht ist in der ältesten Partei Deutschlands weit verbreitet.

Die patriotische Fanfare "Erst das Land, dann die Partei" hat in den Ohren vieler Genossen inzwischen einen hämischen Klang. Die Kanzlerin mag nach dem Jamaika-Aus ihr Urteil, die Sozialdemokratie sei "auf absehbare Zeit nicht regierungsfähig", korrigiert haben, die SPD eher nicht. Das haben die Debatten auf dem Parteitag eindrucksvoll demonstriert. Nur die Führung schwankt. In einer beispiellosen Wende hat sie ihre prinzipielle Absage an eine weitere Regierungsbeteiligung unter Angela Merkel kassiert. Das Misstrauen, das sie damit in der Partei gesät hat, ist mit Händen zu greifen. Man könnte behaupten, die Führung der SPD, die sich unter der Fahne "ergebnisoffener Gespräche" auf eine neue Koalition zubewegt, stehe jetzt bei vielen Genossen unter dem Verdacht parteischädigenden Verhaltens.

Die Basis wittert, dass sie mit List und allerhand Versprechen von der neuerlichen Groko überzeugt werden soll. Deshalb gibt es noch viel Gelegenheit, die Sache platzen zu lassen. Zwar hat der Parteitag der Gesprächseröffnung mit der Union erst einmal zugestimmt, doch das Resultat dieser Sondierungen muss wieder von einem Parteitag gebilligt werden, bevor die eigentlichen Koalitionsverhandlungen beginnen können. Über deren Ergebnis würden dann die Mitglieder entscheiden.

Im Ringen zwischen der Groko-geneigten Parteispitze und ihren Gegnern hat sich derweil ein grotesker Überbietungswettbewerb entwickelt. Nicht nur die Skeptiker möchten schwer erfüllbare Wünsche – wie die Umstellung des Gesundheitssystems auf eine Bürgerversicherung – am liebsten zu unverhandelbaren Bedingungen erklären. Auch diejenigen, die sich plötzlich doch wieder eine Zukunft an der Seite Merkels vorstellen können, versuchen ihrer Partei die Zumutung durch einen gewissen Ideen-Überschwang schmackhaft zu machen. Die Vereinigten Staaten von Europa, die Martin Schulz als Zielsetzung für 2025 versprochen hat, gehören sicher in diese Reihe.

Dabei scheint die Parteispitze aus dem Auge zu verlieren, dass sie ja nicht mit ihrer Basis, sondern am Ende mit der Union koalieren müsste. Jeder Versuch, die eigenen Leute mit tollen Perspektiven doch noch zu überzeugen, schmälert die Aussichten, mit der Union am Ende wirklich zu einem Abschluss zu kommen.

Denn obwohl Merkel und ihre Partei den Annäherungs- und Abstoßungsbewegungen ihres letzten potenziellen Koalitionspartners bislang weitgehend geduldig zuschauen, gärt es auch in der Union. Das niederschmetternde Wahlergebnis und der Einzug der AfD in den Bundestag haben das Selbstbewusstsein der Partei wie die unangefochtene Autorität der Kanzlerin erschüttert. Beides hat die Bedingungen für eine Koalition mit der SPD deutlich erschwert. Eine Zusammenarbeit, in der sich die SPD ihre Aversion gegen Merkel und die Union auch noch durch maximale Zugeständnisse kompensieren lassen möchte, ist für CDU und CSU nach dem Absturz vom 24. September undenkbar geworden.

Noch reicht Merkels Führungskraft aus, um die Gremien der Partei auf eine große Koalition einzustimmen. Eine Revolte ihrer innerparteilichen Kritiker ist nicht in Sicht. Doch während die Kanzlerin nahezu täglich den Wert stabiler Verhältnisse hervorhebt und eine Minderheitsregierung ausschließt, bringen ihre Widersacher genau diese Variante ins Spiel. "Wenn es mit der SPD nicht geht, machen wir es eben alleine", verkündet Jens Spahn.