Selbst der CDU-Wirtschaftsrat hat sich kürzlich für eine Minderheitsregierung offen gezeigt. Darin bekundet sich weniger das neu entdeckte Interesse der Union an demokratischen Experimenten als vielmehr die wachsende Skepsis gegenüber einer bruchlosen Fortsetzung der Politik der vergangenen Jahre. Bei der Anbahnung der Koalitionsverhandlungen zeigen sich in der Union bereits die beginnenden Konflikte über die künftige Ausrichtung der Partei. Insbesondere die Kräfte, die sich nach einer Kurskorrektur nach rechts sehnen, sind an einer Koalition zu SPD-Bedingungen nicht interessiert. Und sollte Angela Merkel bei der Regierungsbildung ein zweites Mal spektakulär scheitern, wäre das für ihre Konkurrenten ein willkommener Nebeneffekt.

Das verbindet überraschenderweise die Konservativen in der Union mit den Groko-Gegnern in der SPD: Beim Torpedieren einer neuerlichen Zusammenarbeit sind sie sich wechselseitig behilflich. Und Merkels Autorität ist schon nicht mehr groß genug, der SPD – etwa bei Steuern, Sozialsystemen, Migration und Europa – zu geben, was sie verlangt, um die Skeptiker unter den Genossen zufriedenzustellen.

Während gerade die SPD-Führung Merkels Autoritätsverfall genüsslich an die Wand malt, als ließe sich dadurch die eigene prekäre Lage besser verkraften, scheint sie zu vergessen, dass gerade die Schwäche der Bundeskanzlerin die Chancen auf die Durchsetzung sozialdemokratischer Forderungen nicht erhöht, sondern eher weiter minimiert.

Natürlich ließen sich auch jetzt wieder vernünftige Kompromisse zwischen CDU, CSU und SPD finden, mit denen das Land halbwegs geräuscharm regiert werden könnte. Nur entscheiden die denkbaren Kooperationslinien diesmal nicht über das Zustandekommen der Regierung. Vielmehr hat gerade der Konsenszwang der gemeinsamen Regierungsjahre eine Dynamik erzeugt, in der nun die Aversionen und Gegensätze zwischen den einstigen Partnern dominieren.

In der SPD kommt – anders als in der Union – erschwerend hinzu, dass sie seit je an der Regierungsrolle leidet. Als wollte Martin Schulz die Sehnsucht seiner Partei bedienen, am liebsten Regierung und Opposition zugleich sein zu dürfen, hat er sich ein Modell ausgedacht, in dem sich die Kooperation in der Regierung auf einzelne ausgewählte Projekte beschränken soll, während die Sozialdemokraten ihren Koalitionspartner, die Union, auf anderen Feldern nach Herzenslust bekämpfen und wenn möglich überstimmen könnten.

Vielleicht hat es die bundesdeutsche Demokratie mit dem pragmatischen Konsens wirklich etwas zu weit getrieben. Es ist sicher auch etwas dran an dem Unbehagen der SPD, sie könnte an der Macht erodieren. Das spräche für die Opposition. Aber nun den Verantwortungsappellen nachzugeben, um sich diesen in einer Art Teilzeit-Koalition dann doch wieder zu entziehen, klingt ziemlich absurd. Letztlich beleuchten solche Szenarien nicht nur das Dilemma der SPD, sondern auch das ihres Vorsitzenden. Er sucht nach einer Quadratur des Kreises. Die wird es mit der Union nicht geben.

Allerdings ist die SPD in diesen Tagen nicht der einzige paradoxe Spieler. In der Doppelgesichtigkeit der Genossen lässt sich auch die widersprüchliche Haltung des Wahlvolks erkennen. Es sind schließlich die deutschen Wähler, die nicht nur Berechenbarkeit und Stabilität der politischen Verhältnisse einfordern, sondern zugleich die fehlende Streitbarkeit im konsensualen Politikbetrieb kritisieren. Sie schätzen die durch Kompromissbereitschaft erzeugte Stabilität des Systems und sehnen sich zugleich nach der überraschenden Kreativität einer vitalen, konfliktfähigen Demokratie.

Dass demnächst die parlamentarischen Verhältnisse in Deutschland zum Tanzen gebracht werden, wie Befürworter einer Minderheitsregierung zuweilen schwärmen, darf bezweifelt werden. Aber die Rückkehr zur alten Stabilität wird es auch nicht mehr geben. Viel spricht dafür, dass nach Jamaika auch die Fortsetzung der großen Koalition scheitert. Käme sie am Ende doch, wären all die Widersprüche, die ihr Zustandekommen schon jetzt zu einem irrsinnig komplizierten Projekt machen, nicht einfach verschwunden.

Union und SPD würden zusammen regieren und sich gegenseitig bekämpfen – fast so wie in Martin Schulz’ neuestem Regierungsmodell. Kaum vorstellbar, dass eine dem Realismus verpflichtete Kanzlerin darauf noch ernstlich hoffen mag.