Versuchung ist ein altmodisches Wort. Versuchung ist ein Bibelwort, aber eines der schönsten und tiefsten, weil es den Widerspruch enthält zwischen dem Ersehnten und dem Erlaubten, zwischen dem, was Menschen wollen und sollen. Vor dieser Versuchung wird seit 2000 Jahren gewarnt, und gerade darin liegt natürlich ihr Reiz. Deshalb gibt Gott selber in der Bibel, in der Offenbarung des Johannes, dem frommen Christen das Versprechen, die Gefahr abzuwenden: "Weil du mein Wort ... bewahrt hast, will auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die kommen wird über den ganzen Weltkreis."

Versuchung war also einst eine große, ja apokalyptische Sache. Heute kommt das Wort vor allem im Vaterunser vor, jeden Sonntag auswendig hergebetet in der Kirche, die zur Floskel abgeschliffene Bitte an Gott: "Und führe uns nicht in Versuchung!" Wer denkt sich noch etwas dabei?

Seit voriger Woche ist das anders. Plötzlich streiten lauter gelehrte Leute in sämtlichen deutschen Zeitungen über Versuchung, so als wäre sie wirklich zu fürchten. Und mal wieder hat der Papst den Aufruhr verursacht. Franziskus sagte während einer italienischen Fernsehsendung in einem Nebenbei-Interview, die Bibelstelle sei im Deutschen schlecht, wenn nicht falsch übersetzt. "Führe uns nicht in Versuchung!" – da wäre ja Gott der Versucher, in Wahrheit sei dies aber Satan. Man bete daher besser: Und lass uns nicht in Versuchung geraten! Das sei ein richtiges Vaterunser mit einem gütigen Vater, also einem barmherzigen Gott, wie er sein muss.

Die Deutschen, die seit Luther Weltmeister im Bibelübersetzen sind, haben den Papst sogleich kritisiert. Das Argument der Fachtheologen: Der griechische Urtext laute wortwörtlich übersetzt "und nicht führe uns hinein in Versuchung". Der Publizist Franz Alt wiederum, Autor des Bestsellers Was Jesus wirklich gesagt hat, nahm den Papst in Schutz. Sein Argument: Jesus sprach nicht Griechisch, sondern Aramäisch. Seine Worte, obwohl nur mündlich überliefert, könne man rückübersetzen in die aramäische Versform: "Lass retten uns aus unserer Versuchung". Das sei einem liebenden Gottvater gemäß. Franz Alt ist übrigens Katholik. Die katholischen Bischöfe, so hört man, sind in der Sache jedoch uneins, und das hat in der Una Sancta Skandalpotenzial. Aber was geht es den Rest der Deutschen an?

Der kleine Streit ist geeignet, den deutschen Weihnachtsfrieden zu stören, weil es letztlich um das Gottesbild der Christen geht: Glauben sie, dass Gott ins Weltgeschehen eingreift? Das ist die uralte Theodizee-Frage, wer sie heute allerdings klar mit Ja beantwortet, der glaubt an einen interventionistischen Willkürgott wie aus dem Alten Testament. Wer das nicht will und fragt, was Jesus nun genau gesagt hat, der muss sich mangels aramäischen Originaltextes mit der Antwort begnügen: Das weiß kein Mensch.

Gott sei Dank haben sich Christen in Deutschland längst darauf geeinigt, dass es auf fundamentalistische Wahrheitssuche nicht ankommt. Die Bibel ist nicht wörtlich zu nehmen, sondern auszulegen – und dieses Auslegen, die Wahrheit, bleibt kontrovers. Dass Christen mit der Kontroverse leben gelernt haben: Hosianna! Es ist die Grundlage der Religionsfreiheit und des einzig erstrebenswerten Weihnachtsfriedens.

Zugegeben, so ein Übersetzerstreit, ob Maria tatsächlich "Jungfrau" oder nur eine "junge Frau" war, macht auch Spaß. Aber ehrlich: Die Kirchen haben andere Sorgen, zumal fast die Hälfte der jungen Kirchenmitglieder in Deutschland findet, die Frage, ob Gott existiert, sei irrelevant.

Das bringt einen von den Feinheiten des Vaterunsers dann doch wieder zu den lebensrelevanten Vorweihnachtsfragen. Was ist die christliche Botschaft heute? Und wozu gibt es Gott, wenn schon Kirchenmitglieder nicht mehr recht an ihn glauben? Ein deutscher Kardinal, Walter Kasper, sagt: "In allen Vaterunser-Bitten geht es um ein Zusammenspiel von göttlicher und menschlicher Freiheit. Selbstverständlich sind Gott und Mensch nicht gleichberechtigte Partner. Gott aber will unsere Freiheit und begrenzt seine Allmacht durch unsere Freiheit." Mit anderen Worten: Christen sollen so handeln, als ob alles von ihnen selbst abhängt, und sie sollen gleichzeitig alles von Gott erwarten. Noch anders: Sie sollen nicht fundamentalistisch um den wahren Gott streiten, sondern wenn sie schon an ihn glauben, dann aus freien Stücken. Alles andere wäre eine gefährliche Versuchung.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio