Ich gestehe: Ich mag Weihnachten. Und die ganze Vorweihnachtszeit. Sobald der erste Glühwein vom letzten Jahr – es bleibt immer welcher übrig – auf dem Herd steht, verteile ich in der Wohnung die viel zu kitschigen Weihnachtsdecken meiner Mutter (Schleifchen und Schneemenschen), stelle den viel zu teuren Kleinkram (ein kleiner roter Stofftannenbaum! Mit Glocken!!) ins Fenster und wickle das goldene Lametta sogar um die Türgriffe. Weihnachten, das ist für mich: die immer gleiche CD von Frank Schöbel, (Weihnachten in Familie, eines der meistverkauften DDR-Alben), ganz ironisch natürlich. Schmalzkuchen uff’m Machdeburjer Weihnachtsmarkt. Drei Haselnüsse für Aschenbrödel. Plätzchen backen, Plätzchen essen, zu viele Plätzchen essen. Last Christmas überall. Schrottwichteln. Weihnachtsfeiern. Glühwein, immer wieder Glühwein. Und ja, verdammt, Lametta.

Ich weiß, dass es ohne Jesus Christus auch keine Weihnachts-CD von Frank Schöbel gäbe. Aber es spielt keine Rolle. Meine Mama verkleidet sich an Weihnachten nicht als Christkind, sondern als Weihnachtsfrau. Vor meinem Lieblingsglühweinstand hängt kein Engel, sondern Rudolf, das Rentier. Und im Supermarkt singt kein Kirchenchor, sondern George Michael. Weihnachten heute funktioniert auch ohne Gott. Für mich und viele andere. Jesus ist nur der längst vergessene Anlass.

Was Weihnachten für Franziskus bedeutet: dass Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist. Und somit fast alles.

Der erste Advent fällt auf das letzte Novemberwochenende. Eine Freundin besucht mich in Münster, gemeinsam gehen wir in die Sonntagsmesse. Die Bänke sind, bilde ich mir ein, etwas voller als sonst. In jeder Reihe sind auf Schulterhöhe mehrere Kerzen befestigt. Ich mache mir Sorgen, dass etwas anfangen könnte zu brennen, oder jemand. Franziskus versichert mir später, es sei noch nie etwas passiert. Über dem Mittelgang hängt ein großer Adventskranz, bei der ersten Strophe des Eingangsliedes wird die erste Kerze angezündet, "holen wir das Licht in die Welt", sagt Franziskus. Er trägt ein violettfarbenes Gewand. Violett steht als liturgische Farbe für die Zeit des Übergangs und der Verwandlung. Sie wird in Bußzeiten getragen, vor Ostern und jetzt vor Weihnachten. Denn eigentlich ist gerade Fastenzeit, in der man sich durch Verzicht auf das Hochfest vorbereitet. Was bei all den Lebkuchen wohl in Vergessenheit geraten ist.

Meine Freundin ist katholisch aufgewachsen. Erst vor Kurzem ist sie aus der Kirche ausgetreten, weil sie die Institution kritisch sieht. Aber auch, weil sie, wie sie sagt, nicht an Gott glaubt.

Jetzt stehen wir nebeneinander, evangelisch getauft, katholisch getauft, beide mittlerweile kirchenlos, in der Messe. Wenn die anderen aufstehen, tun wir das auch. Wenn sie sich hinknien, bleiben wir sitzen. Singen sie, schaue ich nur ins Liederbuch und lese den Text mit den Augen mit. Doch meine Freundin singt und hat dabei sichtlich Freude. Auch die Texte spricht sie mit – mir dabei Wer-kann-der-kann-Blicke zuwerfend –, sogar das Glaubensbekenntnis. Als ich sie später frage, wie sie es fand, sagt sie, sie habe sich an ein Gefühl der Sicherheit aus der Kindheit erinnert, aber das mache sie auch melancholisch: "Es ist da schon eine Tür zu einem wichtigen Teil meiner Kindheit, also zu einem Teil von mir, zugefallen. Das tut weh, auch heute noch, auch wenn ich dem nur selten nachhorche. Aber an Weihnachten in der Kirche merke ich es."

Ich mag das mit den Kerzen. Auch, eine Freundin neben mir zu haben und während der Hostienverteilung nicht die Einzige zu sein, die in den Bänken bleibt. In richtige Weihnachtsstimmung bringen mich diese ersten Dezembertage in Münster aber noch nicht. Kerzen und Chor allein aktivieren noch nicht meinen Christmas-Modus.

Vermutlich wäre ich allein nicht gegangen, aber meine Mitbewohnerin war sofort dabei. Also gehen wir am zweiten Advent, zwei Tage nachdem ich wieder in Berlin bin, in die evangelische Kirche nebenan. Es ist unser Weihnachtsaction-Tag. Gestern habe ich schon das Lametta verteilt, nachher backen wir Plätzchen – die Frank-Schöbel-CD liegt bereit – und gehen auf den Weihnachtsmarkt, ich bin in Stimmung. Es sind noch vier andere Freunde heute dabei, in die Kirche wollten sie aber nicht mitkommen. Sie fanden es auch ganz ironisch nicht lustig.

Warum wir gehen? Wir finden es nicht nur lustig. Sondern irgendwie schön. Irgendwie passend in der Vorweihnachtszeit. Wir sind die Einzigen aus der Runde, die getauft sind, wir saßen zusammen im Konfirmationsunterricht. Vielleicht ist es wirklich nur eine Erinnerung, die uns hinträgt. Als würde man seine alte Schule besuchen: Man freut sich, ist aufgeregt; aber das heißt nicht, dass man zurückwill.