Frage:  Herr Professor Joas, Sie forschen als Soziologe unter anderem über das Heilige. Was treibt Sie an?

Hans Joas: Wir leben in einer Welt, in der vielen alle Religion und damit auch der christliche Glaube als etwas Rückständiges erscheint. Das finde ich ungerecht gegenüber sehr vielen Gläubigen. Ich will zeigen, dass das Vorurteile sind. Man kann gleichzeitig ein kluger Zeitgenosse sein und ein gläubiger Christ.

Frage: Wie würden Sie einem Atheisten denn das Heilige erklären?

Joas: Ich würde ihm sagen, dass jeder Mensch das Heilige kennt. Auch, wenn er gar nicht religiös ist. Es leitet sich aus intensiven menschlichen Erfahrungen ab.

Frage: Welche Erfahrungen meinen Sie?

Joas: Solche, in denen wir das Gefühl haben, dass uns etwas aus dem Alltag, aus den bisherigen Grenzen unserer Person herausreißt. Etwas, das uns bis in unseren Kern berührt. In meinen Arbeiten nenne ich das Erfahrungen der Selbsttranszendenz.

Frage: Können Sie ein Beispiel geben?

Joas: Angenommen, Sie sind heftig verliebt und gehen mit dem geliebten Menschen zum ersten Mal essen. Nachdem Sie zusammengekommen sind, stellen Sie fest: Sie haben die Restaurantrechnung noch. Plötzlich entwickelt dieser höchst triviale Gegenstand eine Aura. Er wird für Sie zum Andenken einer herausragenden Situation. Sie können gar nicht anders, als das so zu empfinden. Das ist nicht Ergebnis Ihres Nachdenkens. Wissenschaftlich ausgedrückt: Wenn einem Gegenstand oder einer Person oder einem Vorstellungsgehalt eine starke außeralltägliche Kraft ohne Reflexion zugeschrieben wird, reden wir von Heiligkeit.

Frage: Warum ist das so?

Joas: Es gehört zu unserer Existenz, Gegenstände aufzuladen mit Emotionen. Denken Sie an Ihre eigene Wohnung: Sie brauchen einen Herd, ein Bett und einen Tisch. Diese Dinge sind für Sie vielleicht vorwiegend funktional, obwohl ich da nicht so sicher bin. Aber bestimmt hängt bei Ihnen auch ein Foto an der Wand, sicher verwahren Sie ein Urlaubssouvenir auf oder etwas anderes, das Sie niemals wegwerfen würden.

Frage: Das stimmt. Was ist denn in diesem Sinn Ihr heiligster Gegenstand?

Joas: Es ist ein kleiner Indianer, der in meinem Berliner Arbeitszimmer auf der Fensterbank steht. Ich könnte ihn niemals wegwerfen. Er trägt einen Speer und setzt zum Wurf an. Der Speer ist etwas verbogen aufgrund der langen Dauer meines Lebens.

Frage: Ist er Ihnen deshalb so wichtig?

Joas: Nein, sein Aussehen ist im Grunde unerheblich. Wichtig ist, dass ich ihn als Kind sehr geliebt habe.

Frage: Warum?

Joas: Ich habe ihn in einer für mich sehr wichtigen Situation geschenkt bekommen. Er verkörpert einen Teil meiner Kindheit.

Frage: Was war das für ein Moment?

Joas: Das möchte ich hier nicht preisgeben. Es ist eine sehr persönliche Geschichte.

Frage: Das Heilige ist so intim, dass wir nicht darüber reden wollen?

Joas: In manchen Fällen ist das so.

Frage: Wir hängen unser Herz daran.

Joas: Tolstoi hat einmal gesagt: "Zu Hause helfen einem die Möbel." Das Zitat finde ich unheimlich gut. Wenn ich einen Konflikt hatte mit jemandem, spüre ich die Sehnsucht, nach Hause zu gehen. Die vertraute Umwelt hilft mir, stabilisiert mich. Am deutlichsten kann man das bei Kleinkindern sehen.

Frage: Die lieben ihre Kuscheltiere ...

Joas: ... und werden panisch, wenn man sie ihnen wegnimmt. Lachen Sie nicht, aber ich habe schon von Erwachsenen gehört, die ihren Teddy aus dem Schrank holen, wenn sie Zahnweh haben. Sobald wir von Schmerzen und Leid bedroht sind, klammern wir uns an Gegenstände wie die kleinen Kinder. Egal, ob wir vier sind oder vierzig.

Frage: Das Verliebtsein reißt uns über uns hinaus. Was noch?

Joas: Das kann die Geburt eines Kindes sein oder das Gefühl, mit etwas oder jemandem zu verschmelzen – etwa bei einem Naturerlebnis oder einer begeisternden Massenveranstaltung. So etwas vergessen wir nie. An die wichtigsten Momente unseres Lebens haben wir auch nach Jahren noch intensive, szenische Erinnerungen – während wir schon nicht mehr wissen, wie wir vor fünf Minuten durch das Treppenhaus gegangen sind.

Frage: Sind Erfahrungen der Selbsttranszendenz immer von positiven Gefühlen begleitet?

Joas: Auch negative Erlebnisse wie Angst, Missbrauch oder Gewalt können uns aus den Grenzen unserer Person herausreißen.

Frage: Was ist mit den Gegenständen, die an diese negativen Erfahrungen gekoppelt sind? Können diese – der Logik zufolge – auch heilig sein?

Joas: Nein, für mich ist das Gegenteil der positiven Erfahrung von Selbsttranszendenz die Traumatisierung. Dennoch ist Ihre Frage berechtigt.

Frage: Wieso?

Joas: Auch bei einem Trauma kann ein Gegenstand durch enorme emotionale Kräfte aufgeladen werden. Betroffene können durch den bloßen Kontakt mit ihm wieder gefühlsmäßig in die schreckliche Situation zurückversetzt werden. Und hier kommen wir zu einem interessanten Punkt: Ursprünglich war das Heilige moralisch doppeldeutig. Es unterschied nicht zwischen dem Guten und dem Bösen.