Wer hat zuerst den UN-Beschluss von 1947 zerfetzt, wonach Jerusalem weder arabisch noch jüdisch sei, sondern ein "corpus separatum"? Nicht Amerikas Präsident Donald Trump, sondern Jordaniens König Abdallah I. wischte diesen Grundsatz schon 1948 im Krieg gegen Israel weg, als er den Westteil Jerusalems zu erobern versuchte. Die Arabische Legion wurde im mörderischen Abwehrkampf zurückgeschlagen. Seitdem ist der Westteil Israels Hauptstadt mitsamt Parlament und Regierungssitz.

Diese "Fiktion" hat nun Trump als Faktum anerkannt. Ähnlich Moskau, das für den Fall einer Friedenslösung Israel den West- und den Palästinensern den Ostteil zuspricht. Wer sich aber die Mühe macht, die ganze Trump-Rede zu lesen, wird darin den Passus finden, wonach der "finale Status" der Stadt, "inklusive der konkreten Grenzen israelischer Souveränität", noch auszuhandeln sei, und zwar von "den beiden Seiten".

Der Twitter-König wahrt also die Kontinuität der US-Politik. Ob die Botschaft tatsächlich von Tel Aviv nach Jerusalem wandert (was der Kongress schon 1995 in Gesetzesform gegossen hat), bleibt offen; jedenfalls spricht das State Department von "mehreren Jahren". Wieso aber musste Trump gerade jetzt die Region aufmischen? Ist das nicht der "Tod des Friedensprozesses"? Wird sich nicht die ganze islamische Welt erheben?

Der Friedensprozess schied 2008 dahin, als Palästinenserpräsident Mahmud Abbas nach den Offerten von Camp David und Taba das großzügigste Angebot der Israelis verwarf. Der letzte Wiederbelebungsversuch der USA scheiterte 2013/14. Offensichtlich schätzen beide Seiten den Status quo mehr als die Risiken eines Deals, der sie ihrer liebsten Träume beraubt. Und die "arabische Straße", die abermals gegen Israel und Amerika tobt?

Diese vertrauten Bilder verstellen die neue Wirklichkeit: das stille Bündnis Israel/Kairo/Riad/Amman/Abu Dhabi gegen den Iran, derweil Israel das Überleben von Abbas garantiert. Auf der strategischen Bühne, die nun von Ankara bis Afghanistan reicht, ist "Palästina", scheinbar der "Kern" des Nahostkonflikts, zur Sideshow geworden.

Diese tektonische Verwerfung mag Trump animiert haben, das Jerusalem-Steinchen ins Wasser zu werfen. Jedenfalls berichtet die New York Times aus Riad (3. Dezember), dass die Saudis Brutaleres für die Palästinenser im Sinn hätten: begrenzte Souveränität, keine Hauptstadt in Ostjerusalem, kein Rückkehrrecht. Dagegen wirken Trump und Netanjahu wie Weihnachtsmänner.

Den Israelis ist es letztlich egal, wo die US-Botschaft nach 70 Jahren steht (wenn sie denn tatsächlich umzieht). Den Palästinensern aber darf es nicht egal sein, dass Amerika Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkennt. Noch nachdenklicher müsste es sie machen, dass die arabischen Hauptmächte mit Israel ins Geschäft kommen, um Teheran zu konterkarieren. Es regiert die kaltäugige Realpolitik, die sich nicht um Glauben und arabische Loyalität kümmert.

Besäße Netanjahu die Weisheit seiner Vorgänger Rabin und Scharon, würde er den Moment nutzen, um den Palästinensern ein Angebot zu machen, das die tödliche Verklammerung der beiden Völker löst. Weisheit aber ist rar in dieser Gegend – auf beiden Seiten. Die Palästinenser hätten schon 1947 ihren eigenen Staat haben können.