Lesen Sie hier das türkische Original. Der Text ist für die deutsche Version redaktionell leicht bearbeitet worden.

Der Tag, an dem US-Präsident Trump Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannte, ist für die Geschichte der Türkei von eigener Bedeutung:

Es war der 100. Jahrestag der Übergabe Jerusalems an die Briten durch die Osmanen, nachdem diese dort 30.000 Mann verloren hatten. Dieser historische Zusammenfall von symbolischer Bedeutung führte in der Türkei zu besonders großen Protesten. Zudem hat der Beschluss wichtige Folgen für die türkische Innen- und Außenpolitik. In seltener Übereinstimmung vereinte die Palästina-Frage sämtliche Parteien in der Türkei im Protest. Auch wenn sie zum Bruch mit Trump führen sollte, zu dem er um gute Beziehungen bemüht war, erlaubt sie Erdoğan in Zeiten, da ihn, genau wie Netanjahu, Korruptionsermittlungen bedrängen, die Agenda zu ändern und sich als "Führer der muslimischen Welt" zu gerieren. Allerdings gibt es einige dunkle Flecken, die das erschweren dürften:

Bei seinem Israel-Besuch 2005 reagierte Erdoğan nicht auf die Begrüßung "Willkommen in Jerusalem, der Hauptstadt Israels" des damaligen Premiers Ariel Scharon. Und im Normalisierungsabkommen von 2016, nachdem man sich mit Israel am Rand eines Kriegs befunden hatte, stand bereits als Hauptstadt Jerusalem statt Tel Aviv. Nun, da er protestiert, wird diese Vereinbarung hervorgeholt.

Doch Erdoğan wendete die Krise zur Chance und rief die Staatschefs der Organisation für Islamische Zusammenarbeit unverzüglich zu einer außerordentlichen Sitzung nach Istanbul, turnusmäßig leitet sie derzeit die Türkei. Nicht einmal Trumps Jerusalem-Entscheidung scheint die tiefen Meinungsverschiedenheiten in der islamischen Welt kitten zu können. Darauf dürfte Trump gebaut haben, als er den Beschluss guten Gewissens unterzeichnete. Der schwache Protest der meisten Regierungen der islamischen Welt darf allerdings nicht als Schweigen dieser Welt verstanden werden. Dieses Stillhalten wird dafür sorgen, dass auf islamischem Territorium die Initiative von den Regierungen auf die Organisationen übergehen und statt Diplomatie die Straße sprechen wird. Diesen Protest zu zügeln wird dann nicht so leicht sein, wie sich das Schweigen der Ölscheichs zu erkaufen. Gewinner werden nicht jene sein, die sich um Frieden in Nahost bemühen, sondern die Radikalen.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe