In der letzten Ausgabe des Spiegels schildert die Autorin Manja Präkels, 1974 im brandenburgischen Zehdenick geboren, entsetzliche Erlebnisse aus ihrer Jugend mit rechtem Terror in ihrer Heimatstadt. Präkels’ Text ist zu weiten Teilen eine Zusammenfassung ihres autobiografischen, im Juli im Verbrecher-Verlag erschienenen Romans. Ihren Artikel nutzt die Autorin auch zu einer Abrechnung mit meinem ebenfalls in Zehdenick spielenden Roman Deutschboden, 2010 veröffentlicht und später fürs Kino verfilmt. Der Vorwurf an mich lautet, ich hätte die rechte Vergangenheit meiner Protagonisten verharmlost. Mit meinem Buch hätte ich zur "Wiedergutwerdung" ehemaliger Nazis beigetragen.

Dem Spiegel ist die Geschichte einen dreiseitigen Artikel wert. Welche Neuigkeit dabei verkündet wird, muss dem Leser unklar bleiben: Von Verharmlosung kann in Deutschboden keine Rede sein. Mein Roman macht Fremdenfeindlichkeit und Rechtsradikalismus in Brandenburg offensiv zum Thema, sie ziehen sich als roter Faden durch das gesamte Buch. Ein ganzes Kapitel von Deutschboden beschäftigt sich explizit mit der rechten Vergangenheit meiner Protagonisten.

Mal mehr, mal weniger offensichtlich verunklart Präkels in ihrem Artikel die Zeitebenen und erweckt so den Eindruck, ihre Geschichte und meine Recherchen fielen in denselben Zeitraum. Die Wahrheit ist eine andere: Frau Präkels’ Roman schildert Erfahrungen aus den achtziger, den frühen und mittleren neunziger Jahren, der Roman Deutschboden aber spielt viel später – in den Monaten Mai, Juni und Juli des Jahres 2009.

In ihrem Artikel erwähnt Manja Präkels auch den gewaltsamen Tod eines Freundes im Jahr 1992, mutmaßlich durch rechte Schläger – ein Vorgang, der auf erneut unklare, aber anspielungsreiche Weise mit den Protagonisten von Deutschboden in Verbindung gebracht wird. Nun war die Gewalttat nicht Thema meines Buches. 1992 waren die zwei zentralen Figuren meines Romans – das Brüderpaar Paul und Carl Seehausen – zehn und acht Jahre alt. Inwiefern andere Personen meines Romans an Gewalttaten in jener Nacht beteiligt gewesen sein könnten, entzieht sich meiner Kenntnis.

In Deutschboden begibt sich der Reporter auf die Suche nach den Randständigen der Gesellschaft, den Trinkern, Hartz-IV-Empfängern und moralisch Gefährdeten. Sie kommen ausführlich zu Wort. Der Reporter nimmt zwar eine subjektive Erzählperspektive ein, aber es geht ihm um eine möglichst drastische Offenlegung der sozialen Wirklichkeit in der brandenburgischen Provinz.

Wie ist es zu erklären, dass Manja Präkels dieselben Personen als Nazi-Skins erlebte, die ich mittlerweile als mitfühlende Menschen und als Demokraten kenne? Zwischen Präkels’ Weggang aus Zehdenick im Jahr 1998 und meinem Buch liegen mehr als zehn Jahre, zum Zeitpunkt meiner Reportage vom Wiedersehen mit den Protagonisten, die im Oktober in der ZEIT erschien und die Präkels ebenfalls angreift, sind fast zwei Jahrzehnte vergangen.

Die Schriftstellerin Manja Präkels hat in ihrer Jugend in der Kleinstadt Zehdenick zweifellos schreckliche Dinge erlebt. Ihr Versuch allerdings, Deutschboden im Nachhinein zu einem Teil ihrer Geschichte zu machen, ist nicht plausibel.