Je größer die Leidenschaft, desto schlauer muss die List sein, um sie zu stillen. Das weiß Alice Harnoncourt nur zu gut, wenn sie sich zurückerinnert an ihre abenteuerlichen Jagden nach alten Instrumenten aus der Barockzeit, um den Klang von damals wirklichkeitsgetreu wiederzuerwecken. "Wir erfanden die trickreichsten Strategien, um jene Instrumente zu finden und zu ergattern, die heute kaum jemand mehr kennt", sagt sie. Zinken, Regale, Tenorbratschen, Diskantviolen. "Oder sagt Ihnen das noch etwas?"

Weißes Haar umrahmt das Gesicht der Witwe von Nikolaus Harnoncourt. Reserviertes Lachen mischt sich immer wieder in ihre Stimme an diesem Abend im Wiener Musikverein. Ihr Buch, das sie hier präsentiert, hält sie fest auf ihrem Schoß. Wir sind eine Entdeckergemeinschaft heißt es. Es sind Auszüge aus den Tagebüchern ihres im vergangenen Jahr verstorbenen Mannes, die Alice Harnoncourt im Nachlass fand und achtsam auswählte, um die Entstehungsgeschichte seines Originalklangensembles nachzuzeichnen, des Concentus Musicus.

Der Originalklang, die Idee eines Spinners. So sahen es zumindest viele seiner Kollegen anfangs, als der starrköpfige Nikolaus Harnoncourt seine Vorstellungen von einem Klangideal nahezu manisch verfolgte und durchgesetzt wissen wollte. "Mein Mann hatte einen wissenschaftlichen Zugang zu Musik, damit ist er angeeckt", sagt Alice Harnoncourt. "Damals hat man Musik so aus dem Bauch raus gemacht, nur dem Gefühl nach. Das lehnte er strikt ab. Für ihn hatte Klang etwas mit Haltung zu tun." Harnoncourt verstand Musik als Sprache: Wenn man wie im Barock sprechen wollte, musste man die Sprache erlernen, musste wissen, wie Musik zu dieser Zeit gemacht wurde. Dieser ausgeprägte Forscherdrang erschloss sich dem Gros der Musiker nicht, für sie blieb der Originalklang lange Zeit ein "obskures Reservat, umweht vom Ruch des Dilettantismus und ohne jede Relevanz für das Konzertleben".

Der Gläserne Saal des Musikvereins ist voll, so voll, als würde der Concentus heute selbst auftreten. Aus dem ehemals zwölfköpfigen Ensemble, das sich einst der alten Musik des 16. und 17. Jahrhunderts verschrieben hatte, ist eines der renommiertesten Orchester geworden. Mehrfach ausgezeichnet, füllt es seit 1957 die Säle der Kulturveranstalter, wie jene des Schwarzenbergpalais, des Konzerthauses, der Salzburger Festspiele. Allein 241 Veranstaltungen fanden unter der Leitung Nikolaus Harnoncourts im Wiener Musikverein statt.

Das Interesse an alter Musik wächst, beobachtet die Musikwissenschaft. Und dennoch überrascht es Alice Harnoncourt, "dass sich eigentlich kaum jemand mehr an die Entstehungsgeschichte des Concentus erinnert". An das Warum ihrer Begeisterung – und die maroden "Obstkistln" auf denen sie die ersten Stücke einstudierten.

Das war 1953. Die Geigerin Alice Harnoncourt und der Cellist Nikolaus Harnoncourt hatten gerade ihre neue Wohnung in der Wiener Josefstädterstraße bezogen. Viel besaßen sie damals nicht, vor allem keine Stühle. Alte Obstkisten mussten fürs Erste als Sitzgelegenheiten ausreichen. Publikumswirksame Inszenierungen oder Applaus waren ohnedies nicht das Ziel der Musiker. Im Gegenteil, die gemeinsamen Musizierstunden waren zunächst nur als Privatvergnügen angelegt.

"Meine ersten Erfahrungen mit alten Instrumenten hatte ich, als ich mit ein paar Studienkollegen der Wiener Musikakademie die Kunst der Fuge von Bach spielte. Zuerst musizierten wir ganz unschuldig in einer modernen Streichquartettbesetzung. Bis wir, mit dem allzu verschmelzenden Klang unzufrieden, nach anderen Lösungen zu suchen begannen", schreibt Nikolaus Harnoncourt in seinen Aufzeichnungen. Denn Bach klang in der Barockzeit artikulierter, nuancierter. Die Instrumente waren obertonreicher, die Tonpalette war daher vielfältiger. Man hörte ein größeres Klangspektrum als bei den modernen Instrumenten, die vor allem eines sein sollten: laut, um große Konzertsäle zu füllen.

Der Bratschist Kurt Theiner, der Cellist Hermann Höbarth, Edi Hruza, Violone (ein historisches Streichinstrument der Gambenfamilie), Alice und Nikolaus Harnoncourt – die "Urconcenti" der ersten Stunde – durchforsteten später Bibliotheken nach alten Transkripten aus Notenschriften. Die Werke der großen Komponisten des Barock und der Renaissance, wie Henry Purcell, Heinrich Ignaz Franz Biber oder Orlando di Lasso, fielen in ihre Hände. Immer tiefer versenkten sie die Köpfe in ihre Funde, schrieben sie in mühsamer Handarbeit und möglichst enger Notenschrift ab, um Papier zu sparen. Mit den "Geheimnissen aus der Schatztruhe" kehrten sie in ihre Probenzimmer zurück. Das Ensemble war damit offiziell gegründet.