Von Mateusz Morawiecki ist nicht bekannt, dass er ein regelmäßiger Kirchgänger wäre. Aber kaum hatte ihn der polnische Präsident als neuen Regierungschef nominiert, erschien der 49-Jährige bei dem katholischen Fernsehsender TV Twram. Dessen Einschaltquoten sind gering, doch der Kanal ist ein wichtiges Organ der religiösen Rechten. Also sprach Mateusz Morawiecki, wie man es von ihm erwartete: "Am wichtigsten ist für mich, dass der Herr mir genug Kraft gibt, um Polen zu dienen." Er werde das Land gegen den Laizismus verteidigen und träume davon, die Europäische Union zu "re-christianisieren". Die konservativen Katholiken werden seine Worte gern gehört haben.

Warschau - Polens neuer Ministerpräsident will an Kohleenergie festhalten Mateusz Morawiecki hat in seiner ersten Grundsatzrede betont, dass Polen nationale Interessen der EU nicht unterordnen werde. Unter anderem will der neue Regierungschef die Energiegewinnung aus Kohle weiter fördern. © Foto: Agencja Gazeta/Reuters

Polen hat einen neuen Ministerpräsidenten, doch auf den ersten Blick scheint alles beim Alten. Der Regierungschef beugt das Knie, die katholische Kirche spendet ihren Segen. Und der Vorsitzende der Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS), Jarosław Kaczyński, bestimmt, wer in seinem Namen regieren darf.

Nur etwas ist rätselhaft: Warum gibt es überhaupt einen Wechsel? Beata Szydło, die bisherige Ministerpräsidentin, war beliebt, die Opposition ist schwach, die PiS steht in den Umfragen mit rund 40 Prozent glänzend da. Und Morawiecki, ein früherer Bankchef, ist alles andere als ein Herzenswärmer.

Noch am Donnerstagmorgen der vergangenen Woche hatte die PiS-Fraktion im Parlament, dem Sejm, Szydło das Vertrauen ausgesprochen. Unter höhnischen Protesten der Opposition verteidigte sie ihre Regierung. Den Kritikern warf sie "eine Anhäufung von Unfug, Lügen und Verleumdungen" vor. Mit Handkuss und Blumen dankte Kaczyński der Frau, die er dazu ausersehen hatte, das Land zu führen – nur um sie ein paar Stunden später abzulösen. Mit der Entlassungsurkunde in der Hand verdrückte Szydło tags darauf ein paar Tränen. Aber statt dem Allmächtigen zu zürnen, tritt sie zurück ins Glied und macht als stellvertretende Ministerpräsidentin weiter.

Was die Opposition im Parlament nicht vermag, erledigt Kaczyński abends in seinem Büro. Die rätselhafte Rochade passt in das Bild, an das man sich in Polen gewöhnt hat: Der 68-jährige Parteichef regiert das Land aus dem Halbschatten und verschiebt die politischen Figuren, wie es ihm gefällt. Nur die Frage nach dem Warum, die bleibt.

Es ist in diesen Tagen noch etwas schwieriger als sonst, in Warschau mit Vertretern der Regierungspartei zu sprechen. Die Unruhe ist groß, Stühle werden gerückt, Termine, die lange verabredet waren, kurzfristig abgesagt. Lech Sprawka macht eine Ausnahme. Der 62-Jährige ist Abgeordneter der PiS aus dem ostpolnischen Lublin. Vor zwei Jahren, im Wahlkampf, haben wir ihn schon einmal getroffen. In Lublin hatte Sprawka damals von den Sorgen erzählt, die die Menschen in seinem Wahlkreis bewegten. Von dem wirtschaftlichen Aufschwung, der zwar in den Bilanzen stand, aber bei vielen Polen nicht angekommen war. Von den Jungen, die Lublin deshalb in Scharen verließen, trotz fünf Universitäten in der Stadt.

Diesmal sind wir in Warschau verabredet, in einem Hotel gleich hinter dem Sejm, das für die Abgeordneten reserviert ist. Vielleicht darf am Nachbartisch auch deshalb noch geraucht werden. Sprawka trägt Manschettenknöpfe zum weißen Hemd, die schwarzen Haare hat er sorgfältig gescheitelt. Der frühere Hochschullehrer ist kein rechter Eiferer, sondern ein bodenständiger Konservativer. Die wichtigsten Errungenschaften der Regierung, sagt er, seien die sozialen Maßnahmen: die Einführung eines Kindergelds, die Absenkung des Rentenalters, die kostenlosen Medikamente für die Alten. Kritiker halten der PiS vor, das Land könne die teuren Sozialleistungen nicht länger tragen. Viele Polen hingegen haben das Gefühl, sie profitierten erstmals selbst von dem anhaltenden Wachstum.