Darf man das noch zeigen? Balthus’ "Träumende Thérèse" von 1938 © Fondation Pierre Gianadda/Reuters

Vorige Woche kürte das Magazin Time nicht einen Mann oder eine Frau, sondern ein Kollektiv zur "Person des Jahres", die #MeToo-Bewegung. Diese habe "eine der rasantesten Veränderungen in unserer Kultur seit den sechziger Jahren freigesetzt". Zu diesen Veränderungen gehört auch, dass ebenfalls in der vorigen Woche eine nicht minder rasante Debatte darüber ausbrach, ob neben übergriffigen Menschen künftig auch übergriffige Kunstwerke strikter verfolgt werden sollten als bisher.

Beschuldigt wird: ein Gemälde des Malers Balthus von 1938. Gegenstand der Anklage: seine Träumende Thérèse, ein pubertierendes Mädchen, dessen Rock so weit hochgerutscht ist, dass die Betrachter auf die blütenweiße Unterhose schauen. Der Vorwurf einer Online-Petition: In einem "Klima sexueller Tätlichkeiten und Vorwürfe" werde hier ein Kind zum Sex-Objekt gemacht und der Voyeurismus gestärkt. Bei Redaktionsschluss unterstützten rund 12.000 Menschen den Appell, das Kunstwerk aus dem Metropolitan Museum in New York zu entfernen.

"Man sollte Gauguin ebenfalls abhängen", heißt es in einem Kommentar unter der Petition, schließlich hatte der Maler eine 13-Jährige zur Geliebten. Eine andere Kommentarstimme stellt fest, die "sexuelle Ausbeutung eines Kindes" – gemeint ist die künstlerische Darstellung – glorifiziere den Missbrauch junger Frauen. Balthus habe gewissermaßen Weinstein erst möglich gemacht. Und müsse deshalb verschwinden.

Wer die Museen der Welt durchstreift, wird unzählige nackte Frauen und einige nackte Männer erblicken. Auch an nackten Kindern herrscht kein Mangel. Zudem ist viel Gewalt zu sehen: Wenn Tizian malt, wie sich Tarquinius auf Lucretia stürzt. Wenn Anthonis van Dyck festhält, wie Susanna im Bade von zwei White Old Men begrapscht wird. Oder wenn sich bei Pablo Picasso die Demoiselles d’Avignon als Prostituierte feilbieten.

Diese Bilder gehören zum großen Schatz der Kunstgeschichte, und alle werden sie gerade, dank der #MeToo-Bewegung, anders betrachtet. Manche, das scheint gewiss, werden in Ungnade fallen.

Wie sehr haben die Künstler dazu beigetragen, das Bild der Frau als Lustobjekt zu verbreiten? Wo inszenieren sie Verlangen, wo Unterwerfung? Feiert die Kunst bis heute den Blick der malenden Männer, gierig und lüstern? Durchkreuzt sie also alles Bemühen um Ausgleich und Anstand?

Um solche Fragen haben die Museen meist einen Bogen gemacht. Die Kunst war die Kunst, und dass jemand auf die Idee kommen könnte, sie auf sein Leben, seine eigene Leiblichkeit zu beziehen, schien fast schon absurd. Doch auch das gehört zu den "Veränderungen unserer Kultur", von denen das Magazin Time spricht. Die Bilder werden ernster genommen. Sie entfalten eine ungewohnte Wirkung. Und das ist erst einmal eine gute Nachricht.

Allerdings handelt es sich um eine paradoxe Entwicklung: Je mehr sich die Debatte erhitzt, desto kälter wird zugleich der Blick auf die Kunst. Man nimmt sie unheimlich wichtig. Und doch sinkt ihre Wertschätzung so weit, dass man um die Kunstfreiheit fürchten muss.

In Berlin flammte vor drei Jahren die Forderung auf, der jungenhafte Amor von Caravaggio müsse wegen seiner "unnatürlichen und aufreizenden Position" ins Depot verbannt werden. Die "ausdrücklich obszöne Szene" diene "zweifellos der Erregung des Betrachters".

Die Universität Göttingen beendete im November vorzeitig eine Ausstellung der Künstlerin Marion Vina, nachdem sich Studenten über gezeichnete Brüste und Hintern beschwert hatten.

In New York war im Frühsommer ein bitterer Streit ausgebrochen, in dem es ebenfalls um Missbrauch ging, wenn auch nicht um sexuellen. Eine weiße Künstlerin, Dana Schutz, hatte die Leiche eines brutal ermordeten schwarzen Jungen gemalt, Emmett Till, und hatte das Bild auf der Whitney-Biennale ausgestellt. Damit habe sie, so der Vorwurf, das Leid der Black Community ausgebeutet. Ein offener Brief verlangte, "das Bild zu zerstören und es weder auf den Kunstmarkt noch in ein Museum gelangen zu lassen". Viele kritisierten die Forderung (ZEIT Nr. 31/17), andere äußerten Sympathien, auch in deutschen Medien.

Den Schutzraum Museum gibt es nicht mehr

Solange die rassistische Vergangenheit Amerikas noch lebendig sei, schrieb die Kuratorin Julia Pelta Feldman in einem Beitrag für den Merkur und den Deutschlandfunk, "sollte man diesen Aufruf zur Zensur nicht als Akt der Zerstörung begreifen, sondern als Mahnmal für das betrachten, was bereits Opfer der Zerstörung wurde". Soll heißen: Die Kunst muss büßen und findet in der drohenden Vernichtung zu höherer Bestimmung.

Nun gibt es den puritanischen Furor, seit es Kunst gibt. Schon immer mussten Künstler damit rechnen, dass ihre Motive auf Ablehnung stoßen. Doch in der jüngeren Geschichte kam die Kritik selten von jenen, die für Gleichheit und Aufklärung eintreten. Das Wegsperren unliebsamer Kunst war eine Sache evangelikaler Christen oder dumpf-rechter Politiker. Jetzt ist es auch das Milieu der Kulturlinken, in dem Zensur von unten erwogen oder verlangt wird. Man will im Künstler nicht länger den bewunderten Ausnahmemenschen erkennen.

Caravaggio sah man es nach, dass er ein unsittliches Leben führte, dass er betrog und sogar einen Menschen erschlug. Auch der Bildhauer Cellini erdolchte einen Konkurrenten. Und der Architekt Bernini ließ seine Geliebte, die ihn betrog, böse zurichten, ohne dass es seinem Ruhm geschadet hätte. Im Gegenteil, manche begriffen die Gewalt als Zeichen genialer Schöpferkraft. Das Genie schien auserkoren, sämtliche Regeln zu brechen.

Heute ist es die Welt, die wie entregelt wirkt, vor allem seitdem Wort- und Bildmassen unkontrolliert durchs Internet schwappen. Im Gegenzug wird die Kunst der Kontrolle unterworfen, denn im Museum meint man das Unbeherrschbare noch beherrschen zu können, auch wenn damit aus dem Frei- ein Strafraum zu werden droht.

Unmöglich, dass ein Künstler der Gegenwart auf die Idee käme, eine Figur wie den Perseus in den öffentlichen Raum zu stellen: einen Mann, der einer Frau, Medusa, den Kopf abschlägt und ihn der Menge darbietet.

Ein Anblick der Gewalt, auf fürchterlich schöne Weise grausam – und damit nichts für eine Gegenwart, in der sich viele Museumsbesucher jede Art von Affront verbitten. Goutiert wird, was ins eigene Welt- und Wohlfühlbild passt. Vergessen scheint, dass Verstörung lange zur Berufsbeschreibung moderner Künstler gehörte. Im Museum sollten sie befragen, was im realen Leben nicht statthaft war. Diese Unterscheidung aber, zwischen Fiktion und Wirklichkeit, geht verloren. Es sinkt die Bereitschaft vieler, der Kunst eine eigene, oft bodenlose Wahrheit zuzutrauen.

Woran das liegt? Vor allem daran, dass sich das Verhältnis zum Bild schleichend, doch tiefgreifend wandelt. Seitdem Fotos nichts mehr kosten, wird nicht länger nur das Besondere fotografisch festgehalten, sondern mit großem Drang auch das Banale. Das Bild wird zum Medium gewöhnlicher Kommunikation. Und auch die Kunst wird zu einer solchen Gewöhnlichkeit, abgelichtet im Vorübergehen, als Selfie-Hintergrund – und im Nu in alle Welt versandt.

Der schützende Rahmen des Museums ist keiner mehr. Die Kunst ist mobil geworden. Sie wird handyfiziert – und damit zum integralen Bestandteil jener Gesellschaft gemacht, in der viele dazu neigen, grundsätzlich alles auf sich selbst zu beziehen. Das Museum als Ort der Selbstbefremdung verliert so an Bedeutung. Es regiert der identifikatorische Blick, wie er bei Instagram, Facebook und Co. eingeübt wird. Damit jedoch soll und muss die Kunst den dort geltenden Regeln des Vorzeigbaren gehorchen. Und sie wird einer Kultur unterworfen, in der das Bild und das Abgebildete oft gleichgesetzt werden. Was bislang als historisches Relikt, als Darstellung überwundener Verhältnisse galt und als solches gelitten war, hat den Empfindlichkeiten der Jetztzeit zu genügen.

Im Prinzip folgt diese Entwicklung jenen Mustern, die schon den Skandal um die Mohammed-Karikaturen prägten. War die satirische Übertreibung im Rahmen westlicher Freiheiten eingeübt und im Prinzip unproblematisch, verlassen die Bilder jetzt diesen Rahmen oft schneller, als sie gedruckt sind – und werden dort verbreitet, wo man sie anders empfindet, häufig als zutiefst verletzend.

Ähnlich durchkreuzen sich die Bildkulturen, die der Kunst und die des Handys, nun auch in den Museen. Je mehr ihr Schatz digital von allen geteilt wird, desto größer werden die Beschränkungen. Der universale Anspruch, ein Kunsthaus für alle zu sein, erweist sich als reichlich illusionär.

Noch wehrt sich das Metropolitan Museum in New York gegen die Zensur von unten. Noch widersteht sie der neuen Freude an Einebnung und Abstrafung. Die Petition jedoch zieht weiter ihre Kreise, und obwohl nun manche sagen, das Balthus-Bild müsse ja nicht verschwinden, man könne es durch einen Erklärtext und ein paar Warnhinweise unschädlich machen, ist der falsche Alarm ausgelöst. Erregt werden ihm viele folgen.