Berlusconi kommt zurück. Ja, genau, Sie haben richtig gelesen, Berlusconi kommt zurück. Wem jetzt die Frage auf der Zunge brennt: "Wie denn das?!", dem versuche ich eine knappe Antwort zu geben: Berlusconi kommt zurück, weil er ein konsequenter Politiker ist. Konsequent in seiner Aufschneiderei, konsequent in seiner Schrankenlosigkeit, konsequent in seinen Betrügereien, konsequent in seiner One-Man-Show des politischen Anführers, der eine Million Arbeitsplätze versprochen und geschworen hat, den Krebs zu besiegen. Konsequent darin, seinen Wählern die gemachten Versprechen als Wahlprogramm, die Reformen als Belohnung und sein strahlendes Dauer-Tamtam als Sozialpolitik zu verkaufen.

Roberto Saviano ist ein italienischer Journalist und Schriftsteller. Zuletzt erschien vom ihm das gemeinsam mit Giovanni di Lorenzo verfasste Buch "Erklär mir Italien!" © Sean Gallup/Getty Images

Die Verkörperung all dessen war Berlusconi, der Italien mehr als zehn Jahre lang regiert hat, zuletzt bis 2011. Die Liste seiner Straftaten ist ellenlang. Es geht nicht nur um seine nunmehr rechtskräftige Verurteilung wegen Steuerbetrugs. Der ihm vorgeworfene Straftatbestand der Korruption, weil er – laut Anklage – versucht hat, Senatoren zu kaufen, und damit die Regierung Prodi zu Fall brachte, ist erst vor wenigen Monaten verjährt. Die Ermittlungen, Verurteilungen und Anklagen tun der aufrichtigen Zustimmung, die viele Italiener noch immer für ihn hegen, keinen Abbruch. Doch Obacht: Seine Wähler sind keine Monster, und er ist kein Clown.

Alle, die nach ihm kamen, haben Italien ebenso wenig auf die Beine geholfen

Für einen Deutschen ist es kaum vorstellbar, dass ein Unternehmer mit dreckiger Weste Vertrauen und sogar Sympathien gewinnen kann, es erscheint unmöglich, dass ein Politiker, dessen kriminelle Machenschaften hinreichend bewiesen wurden, so viel Zuversicht vermitteln kann, dass man ihm sogar die Regierung des Landes anvertraut. Doch wer so denkt, hat offenbar keine Ahnung, wie es um die menschlichen und sozialen Dynamiken bestellt ist, und zwar nicht nur in Italien, sondern auch – und diese Feststellung ist keine apokalyptische Übertreibung – in Südamerika, Afrika und in großen Teilen Asiens.

Fragte man einen italienischen Unternehmer, weshalb er Schmiergelder gezahlt hat, würde er antworten: "So läuft das nun mal, wenn man in einem verkommenen System mit seinen Ideen und Talenten punkten will." Fragte man einen Politiker, weshalb er seine Gegner besticht, würde er antworten: "Wenn ich es nicht tue, tut’s ein anderer." Fragte man einen Bürger, weshalb er einen Beamten schmiert, nur um einen Pass zu bekommen, würde er sagen: "Wenn ich nicht zahle, muss ich ein Jahr darauf warten." Die Alternative für die Menschen lautet also: Entweder man macht mit, oder man guckt in die Röhre.

Um Italien zu verstehen, muss man sich klarmachen, dass es zwischen Gesetzen und Regeln einen Unterschied gibt. Das Gesetz existiert zwar, doch häufig nur als wirklichkeitsferne Theorie, die das Leben unnötig zu verkomplizieren scheint; mit Regeln geht man die Probleme des Alltags an, und häufig muss man dazu das Gesetz umgehen und kleine Tricks und Kungeleien anwenden, um zu seinem Recht zu kommen. In manchen Gegenden Italiens ist Kungelei überlebenswichtig, sonst kriegt man keinen Job oder ist gezwungen auszuwandern. Schuld daran ist die weitverbreitete Auffassung, Gesetzestreue würde Italiens Wirtschaft lähmen, seine Talente kleinhalten und jede Chance auf Veränderung im Keim ersticken.

Kein Wunder also, dass in einem Staat, in dem Gesetze als Betrug und Gängelei empfunden werden, jemand zum Helden werden kann, der gegen sie verstößt. Womit wir bei Berlusconi wären. Jahrelang hat er die Botschaft verkündet: Klar gibt es das Gesetz, aber wenn es uns allen ein bisschen besser gehen soll, müssen wir es "zurechtbiegen". Für die Menschen hieß das, dass nur Idioten Steuern zahlen und ihre Kinder ohne Vitamin B keinen Job finden.

Hinzu kam eine überaus clevere Kommunikationsstrategie: Berlusconi stellte sich als Heilsbringer dar, den seine politischen Widersacher und die Justiz vor sich herjagen und der deshalb gezwungen ist, die Gesetze zu verdrehen, um sich vor Verfolgung zu schützen. Jeder, der kleinen oder großen Ärger mit der Justiz hatte (und sei es nur wegen eines nicht gezahlten Strafzettels), fing daraufhin an, sich mit Berlusconi zu solidarisieren. Für viele war und ist er ein Nationalheld im Kampf gegen die Tyrannei des italienischen Systems. Tatsächlich krankt das Land an seiner öffentlichen Verwaltung und der Bürokratie, an Langsamkeit und einer korrupten Justiz. Mit seiner Propaganda macht Berlusconi glauben, er sei das Allheilmittel dagegen, obwohl er in Wirklichkeit Teil und Auslöser des Problems ist.

Die demokratische Revolution ist ausgeblieben

Nach der Wirtschaftskrise von 2008 und 2009 und dem Bunga-Bunga-Skandal schien das Land von Berlusconi enttäuscht zu sein. Selbst seine Wählerschaft blickte sich nach etwas Neuem um: Mario Monti, der Chef der 2011 eingesetzten Übergangsregierung, hatte wiederholt versprochen, in Zukunft nicht kandidieren zu wollen, um dem Land damit zu versichern, dass die Entscheidungen seiner Regierung nicht nach einem zukünftigen politischen Konsens schielten, sondern einzig der Rettung der vom wirtschaftlichen Kollaps bedrohten Demokratie dienten. Doch dem war nicht so: Monti kandidierte bei der Parlamentswahlen 2013 und enttäuschte die Wähler.

Matteo Renzi hatte geschworen, er würde nur regieren, wenn er selbst gewählt würde. Doch entgegen seinen Beteuerungen hat er sich durch politisches Paktieren zum Ministerpräsidenten machen lassen. Die Fünf-Sterne-Bewegung hatte eine demokratische Revolution versprochen, um das in ihren Augen kranke, korrupte Parteiensystem zu überwinden, mit dem Ergebnis, dass man Kandidaten (Luigi Di Maio) einfach durchgesetzt und es den Menschen als Wählerwillen verkauft hat.

Alle, die nach Berlusconi gekommen sind, haben eine Erneuerung Italiens versprochen, ohne dass etwas passiert wäre – was natürlich nicht nur ihnen oder ihrer Unfähigkeit anzulasten ist. Und während die Politik gegen Berlusconi wetterte und den Cavaliere als Ursprung allen Übels hinstellte, ist einem Großteil des Landes aufgegangen, dass alle, die nach ihm kamen, Italien ebenso wenig auf die Beine geholfen haben.

Jetzt werden meine Leser sagen: Aber hat Berlusconi Italien glücklich gemacht? Nein, kein bisschen, doch er ist ein Politiker, der behauptete, jeder könnte sich verwirklichen, wenn er zum Unternehmer seiner selbst würde. Er versprach persönliche Freiheit jenseits des Gesetzes und spielte mit dem Vexierbild Sympathie und Empathie. Während andere Politiker sagen: "Wähl mich, und ich werde die Dinge ändern", klingt das bei Berlusconi wie "Wähl mich, und ich werde dein Leben ändern". Ein bisschen so, als würde man ein Lotterielos kaufen.

Italien ist ein Land alter Leute. Berlusconi ist der Einzige, der sich an die Alten wendet

In Deutschland werde ich immer gefragt: "Wie konnten sich die Italiener von so einer Witzfigur einwickeln lassen?" Außenstehenden lässt sich nur schwer vermitteln, welche Rolle ein Ministerpräsident wie Berlusconi im täglichen Leben spielte. Er wurde fast zu einer Art Identifikationsfigur. Normalerweise wollen die Menschen nicht von jemandem regiert werden, der besser ist als sie, also hat Berlusconi seinen Wählern gesagt: Du bist in Ordnung, so wie du bist! Das war das genaue Gegenteil von der Botschaft, die beispielsweise Barack Obama für seine Wähler hatte: Du musst dich ändern! Sich zu verändern ist äußerst mühselig, doch jemanden zu finden, der Verständnis für deine Macken und deine mehr oder minder windigen Methoden hat, sich durchs Leben zu wursteln, ist äußerst beruhigend. Das Volk lässt sich vom politischen Magier bezaubern (gestern war es Silvio Berlusconi, dann kamen Matteo Renzi und Beppe Grillo), und der politische Magier macht mit ihm, was er will.

Bei den jüngsten Kommunalwahlen ist Berlusconi der einzige Politiker gewesen, der sich an die Alten gewandt hat: Er ist auf die Bühne zurückgekehrt, hat von Heimtieren und Renten gesprochen und ausdrücklich klargemacht, dass er mit den Jungen nicht reden will. Alle glauben immer, wer mit den Jungen redet, blickt nach vorn, wer mit den Alten redet, ist von gestern, doch das ist ein Irrtum. Berlusconi hat das begriffen, er hat begriffen, dass es falsch ist, eine gealterte Gesellschaft mit einer greisen, toten Gesellschaft gleichzusetzen. Von wegen. Damit hat er sich einen entscheidenden Aspekt der italienischen Wirklichkeit zunutze gemacht, nämlich den, dass Italien ein Land alter Leute ist: Die Stimmen dieser Rentner sind wertvoll, sie für sich zu gewinnen bedeutet, die Wahlen zu gewinnen und das Land zu regieren.

Die Deutschen sollten nicht glauben, sie seien gegen solche Dynamiken immun. In politischer Hinsicht ist Italien seit je eine Art Testlauf für die westliche Welt gewesen: Zuerst ist der Faschismus in Italien aufgekommen, dann der Nationalsozialismus in Deutschland; erst gab es die Roten Brigaden in Italien, dann den Terrorismus in Europa; zuerst haben Tangentopoli und der Sturz der Parteien Italien erfasst, dann Europa; erst hatten wir Berlusconi in Italien, und heute haben wir Trump in den USA. Meinen deutschen Lesern sage ich: Wer heute nach Italien blickt, sieht die Zukunft Europas.

Aus dem Italienischen von Verena von Koskull