Ja, ein Aufschneider war unser Vater, ein Streber, einer, der es unbedingt nach oben schaffen wollte, allerdings nicht für sich selbst. Kaum hatte sich unsere Mutter an die neuen, zwar bescheidenen, aber doch ordentlichen und für eine junge Frau auch aufregenden Lebensverhältnisse in der Neubausiedlung gewöhnt, nahm er sie ohne viel Federlesens mit aufs Land. Sicher, er wollte etwas Sinnvolles tun, wollte die Ärmsten behandeln. Aber vielleicht hatte er insgeheim auch keine Lust mehr auf die hochnäsigen Verwandten seiner Frau. Dass unsere Mutter bestürzt war, als er sie in das neue Zuhause führte, das an einer staubigen Dorfstraße im Nirgendwo lag, dass sie ihn vermutlich sogar verfluchte, als er sie gleich am ersten Morgen in dem schäbigen Zimmer zurückließ, um mit dem Jeep über die Berge zu fahren – vermutlich nahm er es in seiner Euphorie nicht einmal wahr. Aber als er am Abend bis zur Bewusstlosigkeit erschöpft zurückkehrte, und am nächsten Abend auch, und als dann erst die Nachbarn und die übrigen Dorfbewohner und schließlich Menschen aus der ganzen Umgebung vor die Tür traten, um die jungen Städter mit Geschenken zu überhäufen, weil unser Vater selten genug Geld annahm, mit Hühnern, mit Reis, mit Mehl, mit Zucker und Obst, da gewann unsere Mutter diesen Aufschneider doch von Herzen lieb. Und als sie selbst Zeuge wurde, wie er einem Nachbarsjungen, der sich an einer Nuss verschluckt hatte, ohne viel Federlesens, aber schweißgebadet vor Angst die Kehle aufschnitt, umringt von dessen kreischenden Eltern, den schreckerfüllten Geschwistern, den leichenblassen Nachbarn, als unsere Mutter im Chor mit allen Dorfbewohnern jubelte, weil die Nuss aus dem Hals sprang und die Wunde so klein war, dass unser Vater das Blut stillen konnte, sodass das Kind, ein einfaches Bauernkind mit löchriger Hose, ohne Schuhe, bald schon wieder lächeln und am nächsten Tag auf der Dorfstraße herumtollen konnte – da wusste unsere Mutter, dass es etwas Besonderes auf sich hatte mit diesem Mann und sie ihm, sooft sie sich über ihn auch ärgerte, so laut sie mit ihm schimpfte, am Ende immer verzeihen würde, denn er hat selten etwas getan für sich selbst und sehr viel für diese Welt.

Natürlich, auf Dauer war ihm das Dorf nicht genug, Isfahan war nicht genug, auch Teheran genügte als Aussicht nicht, und so zog er ins Land der Franken, farangestân, wie Europa im Iran hieß, nur um festzustellen, dass sein Abschluss bei den gestrengen Deutschen nichts galt – nicht dass er sich wegen eines neuerlichen Studiums von seinen Plänen abhalten ließ. Unserer Mutter, die er vermisste, erzählte er dennoch, dass alles in Deutschland wunderbar sei, große Wohnung und viel Geld, damit sie allen Besitz verkaufte und sich gegen den Willen ihrer Eltern mit den Kindern ins Flugzeug setzte. Und so begann unsere Geschichte in Deutschland, mit einem jungen Iraner, der sein Studium durch Nachtwachen finanzierte und von dem geringen Verdienst noch die Eltern in der Heimat versorgte, der Deutsch mit dem Wörterbuch lernte, angefangen mit dem Wort Aal, und, im voll besetzten Hörsaal nach dem Zustand der Leiche befragt, mangels Sprachkenntnissen nur stammeln konnte: "Guten Tag", mit einer hübschen Iranerin aus wohlhabendem Haus, die sich wieder betrogen wähnte wie zuvor auf dem Dorf, mit bald schon drei kleinen Kindern auf achtzehn Quadratmetern eines Hochhauses in Erlangen. So begann die Geschichte, die heute in dieser Trauerhalle versammelt ist, die Geschichte einer Arztkarriere, einer Liebe, die über alle Stürme hinweg hielt, von vier Söhnen, die alle Doktoren wurden, wenn auch der jüngste lediglich ein Dr. phil., und nicht nur die Söhne, wie man auf unserer Traueranzeige sah, die sich wie das Teilnehmerverzeichnis eines akademischen Kongresses las. Es ist auch die Geschichte von großen Geschäftsabschlüssen, weil unsrem Vater der Arztberuf nicht genug war, von kostbaren Teppichen, von Handel mit fernen Kontinenten, von einem Hilfswerk, das Schulen und Wohnheime in Isfahan baute, das Nachsch ol-balâghe ins Deutsche übersetzte, das für Schiiten zweitwichtigste Buch nach dem Koran, das Erdbebenopfer versorgte, Flüchtlingen half und heute vom ältesten Sohn und von der Schwiegertochter weitergeführt wird. Es ist unsere Geschichte, die wir dem Mann neben mir und der Frau vor mir verdanken, unseren Eltern, die 1957 nach Deutschland gekommen sind, sechzig Jahre ist das nun her. "Nicht zu fassen", murmelte unsere Mutter an einem dieser Tage, als wir noch in Barcelona oder bereits in Köln aus dem Krankenzimmer traten, "nicht zu fassen, bâwarkardani nist", und klang beinah empört: "Euer Vater hat alles im Leben erreicht, was er sich vorgenommen hat, einfach alles."

Ein Herzinfarkt und zwei dramatische Herzoperationen

Ich bin der jüngste Sohn unseres Vater, mit einigem Abstand zu den anderen dreien, fast acht Jahren zu Omid, zwölf zu Khalil. Nicht nur der kürzeren Lebenszeit wegen habe ich unter den Söhnen wohl am wenigsten von ihm gesehen, am wenigsten mit ihm erlebt. Als ich klein war, war unser Vater bereits Oberarzt, später Geschäftsmann, und arbeitete von früh bis spät. Wenn ich heute überlege, was mir mein Vater damals vor allem mitgegeben hat, dann war es, ja, die religiöse Erziehung. Das war nicht leicht, denn ich war natürlich genauso eigensinnig wie er, und wenn er etwas für wichtig hielt, dann blickte ich schon mal aus Prinzip gleichgültig an ihm vorbei. Mit den Ritualen, dem Beten, dem Koranlesen, hatte er keinen beziehungsweise erst Jahrzehnte später Erfolg. Aber er hat mich, und zwar schon als Kind, die religiöse Haltung gelehrt: Barmherzigkeit gegenüber anderen und Gottvertrauen für sich selbst. Es ist gut, was geschieht, Gott sei gepriesen in egal welchem Augenblick.

Jeder, der ihn in den letzten Monaten besuchte, konnte beobachten, dass er selbst in der äußersten Bedürftigkeit und Not, ja bis in die allerletzte Nacht seines Lebens hinein die Handflächen zum Himmel wendete und sagte, murmelte, flüsterte: Chodâyâ schokr. "Gott sei Dank." Und wenn er zu schwach zum Sprechen war, dann formte er die Lippen immer noch zu einem einzigen, lautlosen Wort: Schokr. Dank. Zuckte mit den Achseln und lächelte uns müde an.

Mâdar-e aziz, liebe Familie, verehrte Trauergemeinde, dieses schokr ist kein beliebiges Wort. Es ist Arabisch, also die Sprache des Islams. Die Ungläubigen werden im Koran koffâr genannt. Wisst ihr, was das wörtlich bedeutet? Es bedeutet: "Die Undankbaren". Glaube im Islam ist im Kern: Dankbarkeit. Schokr. Die Ungläubigen sind die, die vor den Zeichen Gottes stehen, den âyât, vor Sonne und Mond, vor den Menschen, töpfergleich aus Lehmen, vor den Offenbarungen der Propheten seit Abraham, dem Glück der Liebe, übrigens auch der Lust und erst recht den Schönheiten der Natur, aber taub, blind und stumm sind, genau gesagt taub, blind und stumm tun, denn es liegt ja am Menschen selbst, ob er hinsieht, hinhört und sich zu seinem Schöpfer bekennt: Fa-bi-ayyi alâ’i rabbikumâ tukazzibân – "Welche Gnad’ eures Herrn wollt ihr verkennen?"

In den letzten Monaten – darf ich das sagen, auch wenn es anmaßend ist? – kam ausgerechnet ich ihm am nächsten, der jüngste, der fernste der Söhne, der als einziger auch einen ganz anderen Lebensweg gegangen ist als von unserem Vater gewünscht und vorgesehen. Das lag schlicht auch daran, dass beide Krankenhäuser, in denen unser Vater lag, zufällig oder nicht zufällig in meiner unmittelbaren Nachbarschaft waren. Ich sagte bereits, meine Brüder haben mehr von unserem Vater gesehen, die prägenderen Erlebnisse mit ihm gehabt, und damit meine ich nicht nur Kindheitserlebnisse, sondern auch spätere Situationen bis hin zu Krankheit und Not. Jeder von ihnen hat unsren Vater behandelt und ihm mindestens einmal, mein Bruder Hamid sogar mehrfach das Leben gerettet. Das ist schließlich auch etwas, worum sich bereits zu Lebzeiten Legenden rankten und worüber die Ärzte von Mal zu Mal ungläubiger den Kopf schüttelten: wie oft unser Vater dem Tod von der Schippe gesprungen ist. Herzinfarkt, zwei dramatische Herzoperationen, über Wochen künstliche Beatmung, später chronische Lungeninsuffizienz, nach dem Prostatakrebs auch noch ein Blasenkarzinom, und jedes Mal kehrte unser Vater zurück, aus jeder Intensivstation wurde er wie durch ein Wunder lebend herausgefahren, aus jedem Koma ist er erwacht, gebrechlicher zwar, ja, das Atemvolumen geringer, die Knochen müder, aber noch einmal dankbarer, als er es ohnehin war. Schokr.

Der Körper war ausgelaugt

Zum Schluss war ich es, zum ersten Mal ich, der am häufigsten an seinem Krankenbett stand. Wieder foppte er die Ärzte, die allein in diesen vier Monaten dreimal die Hoffnung aufgegeben hatten, durchstand mit seinen neunzig Jahren noch die sechste Lungenentzündung hintereinander, kehrte viermal von der Intensiv- auf die normale Station zurück. Er liebte das Leben, das ihm ein Geschenk war, eine Gnade. Er wollte nicht sterben. Bereits in der ersten Nacht, als ich mit Hamid in Barcelona eintraf und die Ärzte pessimistisch den Kopf schüttelten, beobachtete ich, wie er sich unter der Maske auf jeden Atemzug konzentrierte, so mühsam das Atmen auch war, so wenig Sauerstoff es der Lunge brachte. Der Atem setzte dennoch nie aus, nicht in dieser Nacht, nicht in den vielen Nächten danach. Er wollte leben. Er foppte die Ärzte, seine Kollegen, er besiegte sie durch seine Zähigkeit und seinen unbändigen Willen, aber er wusste bei jedem Atemzug genau, dass er niemals Gott besiegen konnte. Am Ende ist der Mensch, ist selbst unser großer, starker Vater ohnmächtig und hat nichts in der Hand.

Und doch hatte er noch einen letzten Wunsch, den er mit gesundem Selbstbewusstsein vor seinem Herrn vertrat. Er sagte: Gott, mach mich gerade so weit gesund, dass ich noch einmal auf die Beine komme, nach Hause zurückkehren und allein über die Straße zum Rhein gehen kann, nur zum Ufer, nicht mehr am Ufer entlang, das wäre schon zu viel, das brauche ich gar nicht, nur wenigstens einmal noch die paar Meter zum Ufer auf eigenen Füßen, und sei es mit einem dämlichen Rollator, damit ich nicht vergesse, wie schön die Welt ist. Oder, Gott, lass mich sterben, nimm mich zurück zu dir. Aber bitte, Gott, lass mich nicht auf halbem Weg stehen. Ich möchte nicht meiner Frau zur Last fallen, mehr als schon bisher, und ich möchte auch nicht ins Heim. Das hat sich unser Vater gewünscht und hat es mir und anderen gesagt. Er war kein kriecherischer Diener Gottes, sondern war sich bis zum letzten Atemzug auch seiner eigenen Würde als chalifeh, als Stellvertreter Gottes auf Erden bewusst. Nicht nur Gott hat im Islam Rechte, auch der Mensch hat sie.

Als sich heute vor drei Wochen abzuzeichnen begann, dass, egal wie stark sein Wille war, er niemals mehr auf eigenen Füßen stehen würde, dass der Körper ausgelaugt war, Lunge, Herz, Niere von Sekreten zersetzt, die Widerstandskraft aufgebraucht, auch die Seele erschöpft, die so standhafte Seele, bis auf den Grund erschöpft, da planten wir alles Mögliche für ihn, Übergangsheim, Umbau der Wohnung, Caritas, Pflege mehrfach am Tag. Er aber, unser Vater, hatte mit seinem Schöpfer einen ganz anderen Plan. Als sich Gottes Wille zum letzten Mal an ihm erfüllte, da war der Tod längst auch sein eigener Wille geworden. Beider Wille geschah. In der Nacht zum Sonntag wendete er wieder die Hände zum Himmel, und dann winkte er uns, das ist mein letztes Bild von ihm: wie er müde, freundlich zum Abschied winkt.

Als ich am frühen Morgen ins Zimmer zurückkehrte, war sein Körper noch warm; die Hände lagen friedlich auf dem Bauch, die Lider breiteten sich gleich einer Decke gütig über den Augen aus. Sein Gesicht, das noch Farbe hatte, war fast faltenlos und auf wundersame Weise um Jahrzehnte verjüngt. Und er, unser Stammvater, war das Lamm geworden, das unschuldige, das im Land der Franken Gottes Sohn ist, Gottes Lamm, dem der Tod die ewige Auferstehung bringt. Schokr.