Die Schlagzeilen in diesem Jahr: "Eine Million Schulstunden fallen pro Woche aus", "Eltern warnen vor massiven Unterrichtsausfällen", "Es kann nicht sein, dass unsere Kinder verblöden". Ausfallende Schulstunden bestimmen die bildungspolitische Debatte im Jahr 2017. Gerade Eltern und Lehrer treibt die Sorge um, der ständige Leerlauf gefährde die Lernentwicklung ihrer Schützlinge. Jetzt, wo sich das Jahr dem Ende neigt, ist festzustellen, dass all die Hysterie um den Unterrichtsausfall nicht berechtigt ist.

Die Hilferufe der Betroffenen klingen alarmierend. In einer Schule in Brandenburg führte die mangelhafte Unterrichtsversorgung dazu, dass auf den Halbjahreszeugnissen einiger Schulkinder Noten fehlten. Die Lehrer wussten schlichtweg nicht, wen oder was sie in der Kürze der verbliebenen Unterrichtszeit zensieren sollten. Doch über das tatsächliche Ausmaß des Problems sagen Einzelfälle wenig aus. Laut einer Umfrage von ZEIT und ZEIT ONLINE betrifft der Stundenausfall in Wahrheit nur 5,2 Prozent des Unterrichts.

Ein überschaubarer Anteil, wenn man sich vor Augen führt, wie wenig Freiraum es im durchgetakteten Schulalltag heute noch gibt. Die Zahl der Unterrichtsstunden pro Woche steigt stetig. Ob Realschule oder Gymnasium – Schüler höherer Klassen müssen ein Wochenpensum von bis zu 35 Stunden ableisten, Hausaufgaben und Nachhilfe nicht zu vergessen. Der Eindruck, Schüler hätten grundsätzlich zu wenig zu tun, ist also falsch. Entsprechend gelegen kommt ihnen die entstehende Freistunde, wenn auch bloß, um gemeinsam zum Kiosk um die Ecke zu laufen oder im Klassenraum Musik zu hören.

Die Lernentwicklung der gehetzten Schüler leidet unter 45 Minuten Freizeit nicht, im Gegenteil. Die Aussicht auf eine ausfallende Biologiestunde am Morgen hilft dabei, sich für den Physikunterricht am Nachmittag zu motivieren.

Nicht nur das hohe Arbeitsvolumen macht vielen Schülern zu schaffen, sondern auch der Leistungsdruck. Die Erwartung, präsentierfähige Klausuren und Zeugnisse mit nach Hause zu bringen, erhöht den Stress für Kinder und Jugendliche.

Die Schule sei ja aber auch die Vorbereitung für den hart umkämpften Arbeitsmarkt, besondere Rücksichtnahme gebe es dort auch nicht. So sehen es manche besorgten Eltern. Doch in der Arbeitswelt zählen längst nicht nur Erfolge in Form von Leistungsnachweisen. Unternehmen erwarten von ihren Mitarbeitern auch eine Reihe von Soft Skills.

Die Fähigkeit des sozialen Miteinanders trainiert allerdings nur, wer nicht dauernd für Vokabeltests pauken oder Referate vorbereiten muss. Sozialkompetenz gewinnen Kinder und Jugendliche außerhalb einer ernsten Unterrichtsatmosphäre am besten, zum Beispiel wenn sie aushandeln, welcher Film in Abwesenheit des Lehrers auf dem Smartboard geguckt wird. Das Rauchen auf dem Pausenhof könnte man vielleicht ebenfalls als teambildende Maßnahme werten. Anstatt Formeln oder Jahreszahlen lernen die Schüler in der Freistunde etwas im inoffiziellen Schulfach Persönlichkeitsentwicklung. Und zwar nicht nur für die Bewerbungsmappe, sondern fürs Leben.

Mit ausfallendem Unterricht haben es die höheren Jahrgangsstufen ohnehin öfter zu tun als die Abc-Schützen. Die Selbstständigkeit der Heranwachsenden prägt sich so von Klasse zu Klasse stärker aus. Den jungen Erwachsenen kann ruhig zugetraut werden, selbst darüber zu entscheiden, wie sie die hinzugewonnene Stunde verbringen wollen. Ein paar zusätzliche Lektionen in Sachen Eigenverantwortlichkeit helfen vor allem denjenigen, die nach der Schule studieren möchten.

Wir müssen uns keine Illusionen machen. Jeder ehemalige Schüler weiß, dass nicht alle Schulstunden mit einem Erkenntnisgewinn verbunden waren. Im Umkehrschluss ist auch nicht jede gestrichene Lerneinheit automatisch verlorene Zeit. Als kleine Lücke in einem vollgestopften Stundenplan kann der ausfallende Unterricht große Wirkung entfalten. Völlig egal, ob die Schüler die Freistunde zum gemeinsamen Lernen oder Faulenzen nutzen. Sie tun immer das Richtige.