Jedem Ende wohnt ein Zauber inne. 1989 wurde sie begonnen, jetzt ist sie komplett: Strahlend und schmuck wie kaum eine andere Groß-Edition und eine Zierde ihres Verlags, ist sie mit dem 24. Band ans Ziel gekommen, die Ausgabe der Gesammelten Werke Vladimir Nabokovs, die sich nunmehr im Bücherregal zurücklehnen kann mit dem verdienten wohligen Seufzer "Enfin!".

Der letzte Band dieses Monuments publiziert erstmals auf Deutsch Nabokovs Briefe an seine Frau Véra und betritt damit privatestes Terrain. 1923 schickt das Junggenie ein erstes Gedicht an Véra, nachdem er sie auf einem Berliner Maskenball kennengelernt hat; 54 Jahre später kann nur sein Tod sie scheiden. Véra Nabokov, geborene Slonim, war die Frau im Leben des russisch-amerikanischen Schriftstellers, dessen Werk mit dem Roman Lolita verbunden ist – der in diesen Briefen, wie wir sehen werden, nur auf sehr verschwiegene Weise vorkommt.

Die erste längere Korrespondenz setzt 1924 ein, als Vladimir seine Mutter in Prag besucht, die dort nach der Ermordung ihres Mannes durch russische Reaktionäre in ärmlichen Verhältnissen lebt; diese Braut-Briefe sind die poetischsten. Zwei Jahre später ist Véra wegen depressiver Verstimmung im Schwarzwald auf Kur, ihr Ehemann gibt ihr täglich Rapport. Die Briefe dieser Zeit ließen sich auf einen idealtypischen reduzieren. Vladimir schreibt ihr, welche Hose und welchen Macintosh er gerade trägt, dass er mittags Fleisch mit anschließend Kompott und abends Rührei mit Wurst serviert bekommen, dass er sich im Grunewald gesonnt und nachmittags Tennis gespielt, dass er ein Gedicht geschrieben und abends bei russischen Freunden Tee getrunken hat. In Serie sind diese Berichte leicht quälend, selbst die in jedem Brief mit dem Salzfass verstreuten Liebesbekundungen.

Die nächste Phase einer längeren Trennung ist 1937. Nabokov bemüht sich in Paris um sein literarisches Standing, er wird von Salon zu Salon geführt und beginnt eine heftige Affäre mit der russischen Hundefriseurin Irina Guadanini; eine Affäre, unter der die Ehe fast zerbricht. Véra in Berlin wird getäuscht und durch Nebelkerzen abgelenkt ("don’t you dare be jealous"!). Sie bekommt dennoch Wind von Irina und reizt Vladimir bis aufs Blut mit ihrer Weigerung, nach Paris zu kommen. Im Sommer 1937 beichtet er ihr alles, sie setzt ihm die Pistole auf die Brust, er bricht mit Irina, die es nie verwinden wird, und die Ehe tuckert bis zu seinem Lebensende 1977 glücklich fort. Véra wird ihn um vierzehn solitäre Jahre überleben.

Die Briefe aus dieser turbulenten Pariser Zeit bestehen zu siebzig Prozent aus shop talk. Von den inneren Dramen kaum ein Wort; und kaum eines über Politik. Man wüsste rein gar nichts darüber, was in Europa brodelt und kocht – oder darüber, was der Jüdin Véra 1937 ff. droht –, hätte man nur diese Briefe als Zeugnis.

In den Vereinigten Staaten, wohin ihnen die Flucht mit der letzten Fahrt der SS Champlain gelingt, drei Wochen bevor die Deutschen Paris einnehmen, trennen sie sich nur noch selten, wie auch später nach dem Lolita- Erfolg, der Vladimir finanziell unabhängig und die Nabokovs ab 1961 zu Dauerbewohnern des Palace Hotel in Montreux macht. Diese verstreuten späten Briefe sind zum Teil charmant, sehr ergiebig sind sie nicht. Mit ihnen rundet sich dieser letzte, stupend annotierte Band der von Michael Naumann ins Leben gerufenen und weltweit besten Nabokov-Werkausgabe, ein Muster der Editionskunst, über das Dieter E. Zimmer seit Jahrzehnten unermüdlich wacht – der Dank dafür verhalle nie. Dennoch hat der Kommentar ein paar Lücken. Um sie zu schließen und ein altes Rätsel zu lösen, müssen wir uns auf die Spur des Walrosses begeben.

Im Jahr 1916 erscheint in Deutschland ein Novellenband des damals noch unbekannten und heute zu Recht wieder vergessenen Autors Heinz von Lichberg, Pseudonym des 1890 geborenen, 1951 verstorbenen hessischen Adligen Heinz von Eschwege. Unter Lichbergs Erzählungen in dem Band Die verfluchte Gioconda findet sich eine mit dem Titel Atomit, die bis in verwinkelte Plot-Details in Nabokovs 1938 verfasstem Theaterstück Walzers Erfindung aufgegriffen wird. Sehr merkwürdig. Noch merkwürdiger, dass Nabokov dieses Aufgreifen fast plakativ ausstellt, statt dass er die Spuren verwischt. Er übernimmt in seinem Drama ein Bruderpaar des ungewöhnlichen Namens "Walzer" von Eschwege-Lichberg und macht daraus ein Vetternpaar namens Walzer. Das Bruderpaar Walzer winkte ihm allerdings aus einer anderen Novelle des Lichberg-Bands entgegen. Nabokov hat sich aus dem Gioconda- Band also gleich zweifach bedient. Die andere Lichberg-Novelle trägt den Titel des berühmtesten Nabokov-Romans – eine Übernahme, die seit 2004, als der Rezensent sie der Öffentlichkeit vorstellte, vor allem in der Nabokov-Gemeinde für leises Entsetzen oder lauten Furor gesorgt hat.

Eines der Rätsel war immer: Wie sollte Nabokov mit diesem Herrn von Lichberg-Eschwege in Berührung gekommen sein? Welcher Zufall mag ihm den schon damals nicht populären Novellenband in die Hand gespielt haben? In den Briefen an Véra findet sich das Missing Link.