Vor fast genau zwei Jahren, Mitte Dezember 2015, geht im Büro der Bundeskanzlerin ein Brief von Matthias Müller ein. Der neue Volkswagen-Chef kommt gleich zum Punkt. "Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, das Jahr 2015 wird für Volkswagen als eines der unrühmlichsten in unsere Unternehmensgeschichte eingehen. Der Abgasskandal und seine Weiterungen haben das Vertrauen von Kunden, Politik und Öffentlichkeit in unseren Konzern erschüttert."

Müller verspricht ein "besseres Volkswagen" mit flacheren Hierarchien. Und zwar so: "Ein neues Vorstandsressort ›Integrität und Recht‹ wird geschaffen. Wir werden zudem die internen Kontrollen verstärken, vor allem aber eine Unternehmenskultur fördern, in der offene Diskussion, Querdenkertum und Zivilcourage nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht sind." Auch das Nachhaltigkeitsmanagement solle gestärkt werden und Verantwortung eine ganz andere Rolle spielen. Volkswagen werde "offener und ehrlicher mit Zielkonflikten umgehen".

Im November 2017 versammeln sich in Halle 106 des Wolfsburger VW-Werkes mehr als 500 Führungskräfte zu einem Workshop. Den ganzen Tag über nähern sich die Manager und Meister dem Thema Integrität, reden miteinander und schreiben Fragen auf, die ihnen durch den Kopf gehen. Am Nachmittag sollen sie dann umsetzen, was Müller zwei Jahre zuvor eingefordert hat: offen mit dem Vorstand zu diskutieren. Ein Mann meldet sich zu Wort, tritt an ein aufgestelltes Mikrofon und sagt aus dem Halbdunkel heraus: "Kritik am Vorgesetzten bedeutet für viele E-de-ka: Ende der Karriere." Vereinzelte Kollegen applaudieren. Viele nicken zustimmend. Ein Satz, der viel sagt zwei Jahre nach Müllers Brief, nach Milliardenstrafen, Kündigungen, Haftstrafen und am Ende sogar Tränen.

Können Topmanager, wie Müller versprochen hat, die Kultur in einem Unternehmen wie Volkswagen verändern? Und wollen sie das in diesem Fall überhaupt? Auf der Suche nach Antworten sprach die ZEIT mit Dutzenden Führungskräften und Mitarbeitern, sie sichtete interne Unterlagen und rekonstruierte die Karrieren von mit dem Kulturwandel beauftragten Schlüsselfiguren. Herausgekommen ist ein Einblick in einen Konzern, dessen Vorstandschef wieder und wieder behaupten wird: "Wir haben verstanden." Zum Beispiel dann, wenn er wie Anfang dieser Woche das langfristige Ende von Dieselsubventionen fordert. Aber mit solchen Forderungen für die ferne Zukunft wird nebenbei auch kaschiert, dass der Alltag im Unternehmen ganz anders aussieht. Und damit sind nicht die jüngsten Abgasverfehlungen gemeint, die gerade zu einem Rückruf von Touareg-Fahrzeugen und einem Auslieferungsstopp des Bulli T6 führten.

Es geht um etwas viel Grundsätzlicheres. Müller und seine Vorstandskollegen sind bislang nicht sehr erfolgreich darin gewesen, "offene Diskussion, Querdenkertum und Zivilcourage" im Unternehmen zu fördern. In einer Führungskräfte-Befragung erntet das heutige Management zu den Stichworten Ehrlichkeit und Offenheit im August schlechtere Werte, als sie der autoritäre Müller-Vorgänger Martin Winterkorn mit seiner Mannschaft bekommen hatte. Das Außenbild macht auch nicht immer einen besseren Eindruck. Der frühere Bundesinnenminister Gerhart Baum, der gerade eine Klage enttäuschter VW-Diesel-Besitzer gegen Volkswagen organisiert, sagt dazu: "Müllers Standpunkt, nicht von Betrug zu reden, zeugt von einer Arroganz, die nicht in eine ethisch fundierte Marktwirtschaft passt."

Aber Geld verdienen lässt sich damit prächtig.

2017 wird der Volkswagen-Konzern trotz Milliardenstrafen infolge manipulierter Abgaswerte bei Dieselfahrzeugen eines der besten Jahre seit der Unternehmensgründung erleben. Der Gewinn vor Steuern betrug allein in den ersten neun Monaten über zehn Milliarden Euro. Der Aktienkurs ist schon jetzt höher als vor Ausbruch der Dieselkrise im September 2015.

Mit dieser Entwicklung rechnet wohl selbst Matthias Müller nicht, als er im Herbst 2015 zum Telefon greift, um endlich aus der Defensive zu kommen.

Er ruft Christine Hohmann-Dennhardt, damals 65 Jahre alt, an. Eine Frau, deren Image auf Volkswagen abstrahlen soll. Eine ehemalige Verfassungsrichterin, die zu jener Zeit im Topmanagement von Daimler dafür gesorgt hat, dass nach einem Schmiergeldskandal die Spielregeln wieder eingehalten werden. Eine Trägerin des Großen Bundesverdienstkreuzes mit Stern und Schulterband. Sie war die perfekte Besetzung für das neue Vorstandsressort Integrität und Recht, das Müller der Kanzlerin in seinem Brief ankündigte – das erste weibliche Vorstandsmitglied in der Geschichte Volkswagens. Hohmann-Dennhardt war in Wolfsburg so begehrt, dass Volkswagen sogar eine Art Handgeld an die Managerin zahlte. Über sechs Millionen Euro dafür, dass sie nach Wolfsburg kam. Dazu noch das jährliche Vorstandsgehalt von über fünf Millionen Euro.