Ein dieser Tage bei Türken sehr gefragtes Mitbringsel aus Europa ist Zahnpasta. Gängige Marken, die man im deutschen Supermarkt für weniger als einen Euro pro Tube bekommt, kosten in der Türkei das Vierfache. Die Türken leiden unter hoher Inflation. Im November lagen die Verbraucherpreise um 13 Prozent höher als im Vorjahresmonat. Das lag auch daran, dass die türkische Lira stark an Wert verlor, für Importprodukte also mehr gezahlt werden musste.

Umso verwunderter nahmen viele Türken die jüngsten triumphalen Meldungen aus Ankara auf. Um 11,1 Prozent soll die Wirtschaft im dritten Quartal gegenüber demselben Quartal des Vorjahres gewachsen sein. "Keine Wirtschaft innerhalb der G20 wächst schneller als unsere", twitterte Wirtschaftsminister Nihat Zeybekçi stolz. Damit übertrifft das Land alle Vorhersagen. Selbst Staatspräsident Erdoğan hatte seinen Landsleuten "nur" sieben Prozent Wachstum für 2017 versprochen. Angesichts solcher Zahlen solle die Opposition nun schweigen, mahnte er.

Gemach, sagt der Istanbuler Wirtschaftsexperte Mustafa Sönmez. Die Zahl sei einem sogenannten Basiseffekt geschuldet: Im Vergleichszeitraum, dem dritten Quartal 2016, war die Wirtschaft um 0,8 Prozent geschrumpft. Andere weisen darauf hin, dass die Zahlen von der türkischen Statistikbehörde Turkstat stammen, die seit 2011 dem "Ministerium für Entwicklung" unterstellt ist. Europas oberste Statistikbehörde Eurostat mahnte schon 2015 größere politische Unabhängigkeit an. Vergangenes Jahr, so Gareth Jenkins vom schwedischen Institut für Sicherheits- und Entwicklungspolitik, habe Turkstat plötzlich die Methoden geändert, nach denen die Daten erhoben würden. "Auf einmal stand die türkische Wirtschaft viel besser da, als Analysten und Experten gedacht hatten."

Volkswirte der Commerzbank vermuten, dass die Wachstumszahlen "politisch beeinflusst" seien. Beweisen lässt sich das nicht. Unbestritten haben die Touristenzahlen nach dem Einbruch 2016 wieder zugelegt (plus 30 Prozent). Russen belegen nun die Sonnenliegen der ausbleibenden Deutschen. Was aber viele stutzig macht: Die Arbeitslosigkeit im Land ist auf – offiziell – 11 Prozent gestiegen. Jeder fünfte Türke unter 25 Jahren ist demnach ohne Beschäftigung. Braucht die boomende Wirtschaft keine Arbeitskräfte?

Unklar ist auch, woher das Geld für den Aufschwung kommt. Die Direktinvestitionen aus dem Ausland haben seit dem Putschversuch im vergangenen Jahr stetig abgenommen. Brachten Ausländer 2012 noch knapp 14 Milliarden Dollar ins Land, werden es 2017 vermutlich weniger als 10 Milliarden sein. Das meiste Geld stecken Ausländer in den boomenden Bausektor. Anfang Dezember meldete die Tageszeitung Cumhuriyet jedoch, dass landesweit jede sechste Baufirma vor der Pleite stehe. Allein rund um die Bağdat-Straße, eine Einkaufsstraße in Istanbul, könnten etwa 100 Bauprojekte wegen Zahlungsschwierigkeiten nicht zu Ende gebracht werden.

Damit der Aufschwung nicht in Gefahr gerät, spendiert die Regierung Kredite und Steuererleichterungen. Etwa mit einer 60 Milliarden Euro schweren Kreditgarantie für kleine und mittlere Firmen. Die Opposition vermutet, dass sich Ankara für solche Geschenke auch beim jüngst geschaffenen Staatsfonds bedient, in den Anteile an Großunternehmen wie Turkish Airlines im Wert von 40 Milliarden Euro übertragen worden sind. Damit sollen eigentlich Megabauprojekte wie der dritte internationale Flughafen von Istanbul abgesichert werden. Dem Parlament ist eine Einsicht in die Bücher verwehrt. Mitte Oktober meldete die Nachrichtenagentur Bloomberg, Vertreter des Fonds hätten bei einer chinesischen Bank um einen Fünf-Milliarden-Dollar-Kredit nachgesucht.

Zu den Ungereimtheiten des Booms gehört auch die steigende Auslandsverschuldung der Türkei. Sie beträgt 58 Prozent der Wirtschaftskraft; rund 20 Prozentpunkte mehr als noch 2011. Etwa die Hälfte der Schulden entfällt auf Privatwirtschaft und private Haushalte. 110 Milliarden Dollar Auslandsverbindlichkeiten müsse sein Land 2018 bedienen, warnt der Hürriyet-Kolumnist Erdal Sağlam. Hielten die Niedrigzinspolitik und der Kursverfall der Lira an, würden die Schulden eher zu- als abnehmen. Präsident Erdoğan will davon nichts wissen. Er hat die Zentralbank vor Zinserhöhungen gewarnt.

Die Schulden steigen auch durch die negative Handelsbilanz des Landes: Die Türkei importiert mehr Waren als sie exportiert. Allein der Handelsbilanzüberschuss der EU mit der Türkei im Monat September betrug rund 2,1 Milliarden Euro – ein Anstieg um das Neunfache seit Januar. Insgesamt summiert sich das Handelsbilanzminus der Türkei in 2017 schon auf 42 Milliarden Euro. Oder 5,5 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Die zur Schau gestellte Feierlaune in Ankara könnte demnächst auch ein New Yorker Bezirksgericht trüben. Dort müssen sich nämlich derzeit der türkisch-iranische Goldhändler Reza Zarrab und Mehmet Hakan Atilla, Vizedirektor der staatlichen türkischen Halkbank, verantworten. Sie sollen mit Wissen Erdoğans dem Iran jahrelang geholfen haben, die amerikanischen Sanktionen zu umgehen. Die türkische Regierung nennt das Verfahren ein "Komplott". Am Ende könnten nicht nur Haftstrafen stehen, sondern auch milliardenschwere Geldbußen gegen türkische Banken.