An Weihnachten 1950 war es in deutschen Wohnzimmern muckelig warm. Es gab Nierentische mit Häkeldeckchen darauf, in der Adventszeit Schokolade der Marke Ritter und an Heiligabend Braten mit Soße. Und es gab Männer und Frauen, die sich miteinander unterhielten. "Inge!!!", bellte es etwa aus einem gemütlichen Sessel hinter der Zeitung hervor. "Wo sind meine Pantoffeln?" Und: "Wann ist Essen fertig?" Die Frauen hatten freundliche, helle Stimmen und einen festen Geduldsfaden: "Ich bringe sie dir, Helmuth, Essen steht schon auf dem Tisch."

Haben wir solche Dialoge vermisst? Anscheinend schon. Denn zu Weihnachten 2017 krakeelt es wieder aus der Sofaecke: "Wie lange braucht das Fleisch noch?", "Mir ist kalt, mach die Heizung an, es zieht!" – bis eine sanfte Frauenstimme antwortet und alle Wünsche erfüllt.

Tatsächlich sind es vor allem Männer, die in diesen Tagen begeistert davon erzählen, wie toll Alexa, die Stimme des Home-Assistenten Amazon Echo, zu Hause pariert. Auch das entsprechende Google-Produkt mit ebenso heller, freundlicher Frauenstimme spure einwandfrei, hier und da müsse man noch ein paar Funktionen aktivieren, ein paar Lampen in der Wohnung synchronisieren, sonst aber sei das Glück perfekt.

Ehrlich? Muss man nun wirklich wieder das böse Stereotyp herauskramen, nach dem der Mann eine rein funktionale, aller Einfühlsamkeit enthobene Kommunikation als Erfüllung seiner Träume ansieht? Sind die fünfziger Jahre zurück?

Die Aufträge, die laut Werbung zu Hause häufig an Alexa gerichtet werden, klingen zunächst tatsächlich danach. Frau/Alexa muss die Männer bei allem ermahnen, was zwischenmenschliche Beziehungen angeht. Etwa so: "Alexa, erinner mich an den Geburtstag von Papa."

Und obwohl es tatsächlich befremdlich wirkt, dass nach dem Navi im Auto, den Elektro-Türmchen am heimischen Herd und Siri im Smartphone schon wieder ein weiblich benanntes Gerät mit Frauenstimme auf dem Markt Erfolg hat, ist die Faulheit derer, die es benutzen, am Ende doch keine rein männliche Eigenart. Steht das Ding einmal in der Wohnung, kommandieren Frauen es genauso herum. "Mach das Licht im Wohnzimmer an", "Spiel die zweite Staffel House of Cards". Statt eines Fünfziger-Jahre-Mannes sitzen jetzt zwei auf dem Sofa, eine verdoppelte Renaissance des Rollenbildes, das nun kein menschliches, sondern nur noch ein elektronisches Gegenüber kennt. Praktischerweise hat dieses keine Gefühle und leidet nicht unter dem permanenten Befehlston. Ein Fortschritt also?

Wäre da nicht noch eine andere, geschlechtsunspezifische Dimension des Ganzen. Das Sprechen in groben Imperativen, eine Kommunikation, die aus ständigen Wunschäußerungen und laufender Fragerei besteht – hört man einem Kleinkind zu, dann klingt das ähnlich. "Lies mir Pettersson vor!", "Ist abends oder morgens?", "Wie lange noch bis zu meinem Geburtstag?".

Auch die Ungeduld des nuschelnden Kindes, wenn die bemühte Mutter es einmal nicht sofort versteht, ähnelt stark der gereizten Reaktion von Alexa-Besitzern, wenn ihr Gerät nichts kapiert. "Tut mir leid, Schätzchen, sag es noch mal", flötet die Mutter auf dem Spielplatz. "Entschuldigung, ich habe dich nicht richtig verstanden", wiederholt Alexa unterwürfig.

Doch während Kinder lernen, empathiefähig und geduldig zu sein, dreht der Home-Assistent das Prinzip um: Der Besitzer spricht eindimensionaler, das Gerät smarter. Dass diese Regression in den eigenen vier Wänden bleibt und sich nicht auf andere Lebensbereiche ausdehnen wird, kann man hoffen. Bei einem, der Alexa in sein Leben ließ, nahm es allerdings kein gutes Ende.

"Warum ist Politik kompliziert, wenn es auch einfach geht?", hatte FDP-Chef Christian Lindner in Wahlkampfvideos souverän und siegessicher seine elektronische Assistenz gefragt. Nach der Wahl blieb ein anderes Bild von ihm zurück: das eines Mannes, der vor der Macht flieht.

Und bei dem plötzlich nicht auszuschließen war, dass er sich nach den gescheiterten Koalitionsverhandlungen einfach zurück in den Sessel warf, die Krawatte in die Ecke schleuderte und sich, wie es ein satirischer Tweet nach der gescheiterten Koalition imaginierte, ein letztes Mal über das Gerät beugte. "Alexa", so mag er geseufzt haben, "regiere Deutschland!"