Im Bundeskanzleramt steht die Bundeskanzlertanne. Es sind sogar drei, eine hält im Ehrenhof Wache, zwei andere stehen drinnen. Die Staatstannen, das ist ihre erste Eigenschaft, sind natürlich föderalistische Gewächse. Dieses Jahr kommen sie aus Niedersachsen, dem Saarland und Hamburg. Das rotiert. Nächstes Jahr könnte Bayern zum Zuge kommen. Wenn die Staatstannen aus dem Bundesgebiet angekarrt werden, ist das eine Angelegenheit für Tieflader und das THW. Der Baum im Ehrenhof ist stolze 15 Meter hoch und 27 Jahre alt. 5.000 Euro würde die Tanne kosten, müsste die Kanzlerin sie bezahlen, hat der Baumzüchter erklärt. Zum Glück spendet der Waldbesitzerverband Niedersachsen dem Staatsorgan einen Christbaum. Ein wenig erinnert diese freundliche Geste an die einerseits stolzen und andererseits gebeutelten Bauern vergangener Tage, die ihrem jeweiligen Landesherrn zu Erntedank die prächtigsten Feldfrüchte darbieten mussten. Für den Fürsten nur das Beste.

Diese – unbedingt dezente – feudalistische Erinnerung tilgen die Staatstannen im Kanzleramt 2017 aber auch wieder in ihrer nüchternen, demokratischen und deshalb sehr deutschen Festlichkeit. Ihre Kugeln sind rot, aber nicht zu kräftig, ihr Licht ist hell, aber nicht gleißend, Schmuck gibt es, aber nicht zu verschwenderisch. Was nicht so deutsch ist, sind die Ursprünge der Tannen selbst. Die Lieblingschristbäume der Deutschen sind Migranten. Aus dem Kaukasus kommen sie gebürtig, die Nordmanntannen, Abies nordmanniana. Ein finnischer Biologe namens Alexander von Nordmann hat sie entdeckt. Die größte Plantage der Gewächse befindet sich heute in Dänemark. Ein echtes Kooperationsprojekt von Ost-, Nord- und Mitteleuropa ist er also, der deutsche Weihnachtsbaum. Nicht nur im Kanzleramt, auch im Schloss Bellevue und vor dem Reichstag in Berlin stehen offizielle Tannen. Sie zeigen, dass auch der Staat sich auf Weihnachten freut und sich herausputzt, wenn auch nicht so arg wie, beispielsweise, der Ku’damm, dessen Beleuchtung noch aus dem Weltall zu sehen sein muss.

Die Staatsorgane sitzen in wohlausgesuchten Häusern, deren repräsentative Architektur zeigen soll, wie sich die zweite deutsche Demokratie versteht und inszeniert. Folglich ist auch die Dekoration oder Nichtdekoration der Gebäude Teil dieser Inszenierung. Zeremoniell und Dekorum waren der Bundesrepublik stets fremd und sind es immer noch. Betrachtet man das diesjährige Foto von Angela Merkel und dem geschmückten Baum, so bemerkt man als Erstes: Eine freundliche Skepsis liegt im Blick der Kanzlerin, vielleicht sogar ein leichtes Missfallen ob dieser repräsentativ-dekorativen Aufgabe, die ihr, im Advent vor dem Baum stehend, zugefallen ist. Die Kanzlerinnenraute zwingt den Baum in die übliche Optik Merkelscher Bildkomposition. Wenn Angela Merkel mit einem Weihnachtsbaum auf einem Foto zu sehen ist, dann wird nicht Angela Merkel festlich wie der Weihnachtsbaum, sondern der Weihnachtsbaum sachlich wie Angela Merkel. Die Merkelraute steht für Kontrolle und Beherrschtheit (Symmetrie!) – die dem Baum auch anzumerken ist. Er beschränkt sich auf schlichte Kugeln, merkwürdig löchrige Sterne und elektrische Kerzen. Auf eine pompöse Spitze verzichtet er ganz. Er gibt sich bescheiden, ist aber doch sehr traditionell. Am einfachsten zu dekodieren ist seine Lichterkette. Wer kommt an Weihnachten? Es kommt Jesus Christus! Und was sagt Jesus Christus? "Ich bin das (elektrische, d. Red.) Licht der Welt." Und dieses Licht – wie auch das der Wintersonnenwende vom 21. Dezember – tragen alle Christbäume auf ihren Zweigen.

Da in der Bundesrepublik grundsätzlich safety first gilt, haben die klassischen Wachskerzen mittlerweile ausgedient, obwohl ihr Licht viel schöner ist. In diesem Land siegt aber Pragmatismus immer vor Schönheit, auch beim Baum. Vor einigen Tagen druckten die Zeitungen ein Bild, das die Kanzlerin im Konrad-Adenauer-Haus, dem CDU-Hauptquartier in Berlin, zeigt. Hinter ihr steht ein Weihnachtsbaum, dem sogar nur noch ganz kleine, LED-artige Lichtlein gegönnt wurden. Einzige Wachs-Ausnahme unter den Staatstannen: das schmale Bäumchen im Dienstzimmer des Bundespräsidenten, das in den letzten Jahren während der Weihnachtsansprache zu sehen war. Da brennt’s noch richtig.

Die Anfänge des deutschen Weihnachtsbaums liegen im vorstatistischen Zeitalter verborgen, weshalb man nichts Genaues über sie weiß. Verbürgt sind Weihnachtsbäume einiger deutscher Handwerkszünfte im 16. Jahrhundert. Im Straßburger Münster soll es 1539 einen ersten Baum gegeben haben. Im frühen 18. Jahrhundert berichtet die Prinzessin Liselotte von der Pfalz über ein Buchsbäumchen bei Hofe, das zu Weihnachten geschmückt wurde. Die heutigen Kugeln sind nach Ansicht einiger Historiker womöglich Reminiszenzen an die früher weit verbreiteten Äpfel am Weihnachtsbaum – die wiederum auf den Verehrungstag von Adam und Eva hinweisen. Der wurde nämlich eigentlich am 24. Dezember eines jeden Jahres begangen. Es geht also am Baum in Sachen christliche Bräuche einiges durcheinander.

Seit es deutsche Bundeskanzler gibt, haben sie sich mit Weihnachtsschmuck ablichten lassen. Wie selbstverständlich wurden festlich dekorierte Pflanzen Teil dessen, was die Deutschen von ihrer Regierung in der Adventszeit zu sehen bekamen. Konrad Adenauer schaute in den Fünfzigern meditativ in ein Tannengesteck auf seinem Schreibtisch, Ludwig Erhard wurde ein Baum überreicht, während er genüsslich an einer Zigarre zog. Auch die Bundespräsidenten zeigen sich bei ihren alljährlichen Ansprachen durchgängig mit Baum und Bundesadler-Standarte im Bildhintergrund.

Für den Baum war es ein langer Weg, er musste sich über die Jahrhunderte durchsetzen. Der Popularität halfen die höheren literarischen Ehren, die Johann Wolfgang von Goethe dem Baum hat angedeihen lassen. Eine erste Beschreibung stammt aus dem Jugendwerk Die Leiden des jungen Werthers, die zweite ist eine Gelegenheitsdichtung aus Weimar, wo Goethe mitgeholfen haben soll, den Weihnachtsbaum am Hofe des Herzogs zu etablieren.

Bäume leuchtend, Bäume blendend,
Überall das Süße spendend.
In dem Glanze sich bewegend,
Alt und junges Herz erregend –
Solch ein Fest ist uns bescheret.
Mancher Gaben Schmuck verehret;
Staunend schaun wir auf und nieder,
Hin und her und immer wieder.