Pater Gottfried rafft seinen schwarzen Habit. "Jetzt spielen wir Bibliotheksgeist", sagt er, klettert über eine gusseiserne Wendeltreppe abwärts und steht plötzlich vor einer Gruppe Touristen, die ihn staunend anglotzt. "Hier ist der lebende Beweis dafür, dass Stift Melk noch eine bewohnte Abtei ist", sagt die Museumsführerin, "das ist der Bibliothekar des Klosters." Der Benediktinerpater setzt ein leichtes Lächeln auf, hebt den Kopf und blickt nach oben – auf die hohen Regale und die prunkvollen Schriftwerke.

Oft huscht Gottfried Glaßner, bepackt mit Büchern, durch die unzähligen Räume, die langen Gänge, in denen jeder Schritt laut nachhallt, vertieft in Gedanken, und rennt dabei in Besuchergruppen. "Für die ist das immer ein großes Hallo, wenn ich auftauche", sagt der 67-Jährige. "Ein bisschen fühlt man sich dann selbst wie ein Ausstellungsstück."

Stift Melk ist ohne Touristen nicht denkbar, sie sind sein wirtschaftliches Rückgrat. Eine halbe Million Menschen besuchen jedes Jahr die Abtei in der Wachau. Der Barockbau gehört zum Unesco-Weltkulturerbe. Und spätestens seit Umberto Eco in seinem Bestseller Der Name der Rose einen der Hauptprotagonisten Adson von Melk nannte, ist das Stift weltberühmt.

Auch die Bibliothek ist berühmt und gehört zu den eindrucksvollsten in Europa. 100.000 Bände umfasst die Sammlung, darunter alte Ausgaben antiker Autoren sowie Bände über die Bibel oder Naturwissenschaften, mittelalterliche Handschriften und die Melker Annalen, in denen über Jahrhunderte die wichtigsten Ereignisse des Jahres aufgeschrieben wurden, von regionalen Petitessen über Entwicklungen am Wiener Kaiserhaus bis zu den Eroberungen von Dschingis Khan.

In das Kellergewölbe der Bibliothek wird kein Tourist vorgelassen. Nur durch ein kleines Fenster dringt Sonnenlicht. Glaßner schlendert durch die Gänge und bleibt vor einem Regal stehen. "Diese Bücher stehen seit dem 17. Jahrhundert so zusammen", sagt er und zieht einen kleinformatigen Band von Philipp Melanchthon aus einer langen Reihe heraus. Sanft streicht er über das Buch des Reformators aus dem 16. Jahrhundert, klappt den Deckel auf und liest, leise murmelnd, die ersten Passagen.

Wenn Glaßner in einem der Prunkräume steht, durch die sich untertags Touristengruppen schieben, atmet er tief durch. Seit bald 40 Jahren leitet er die Bibliothek, trotzdem wirkt der großgewachsene Mönch wie ein neugieriges Kind, wenn er von der Geschichte der Sammlung erzählt, von den verschiedenen Bränden im Mittelalter, die die Bibliothek vernichteten, vom Dieb, der sich in den achtziger Jahren das Vertrauen der Patres erschlichen hatte und mit wertvollen Atlanten verschwand. Oder vom Schimmel, der die größte Bedrohung für die Bücher darstellt.

Eine Lücke im Regal ist besonders bitter, links hinter dem Eingang, wo Bibelausgaben aneinandergereiht sind. Bis 1926 stand hier eine Gutenberg-Bibel, dann wurde sie aus Geldnot an die Universität Yale verkauft. "Aber die Amerikaner sollen auch was haben, die schätzen das wenigstens wirklich", sagt Glaßner und zuckt mit den Schultern.

Der Pater verbringt viel Zeit mit seinen Büchern. In jede Neuanschaffung wirft er zumindest einen Blick, und die alten Bände erkundet er wie ein Detektiv. Die größte Sensation gelang aber seiner Schwester: In den neunziger Jahren entdeckte Christine Glaßner, die Leiterin des Schrift- und Buchwesens des Instituts für Mittelalterforschung der Akademie der Wissenschaften, ein Fragment des Nibelungenliedes in der Bibliothek. Wochenlang berichteten Medien aus aller Welt über den Fund, Journalisten reisten an, und irgendwann wurde es den Patres zu viel.

Doch der Rummel ist Dauerzustand in Stift Melk. Und natürlich genießt man es auch, im Rampenlicht zu stehen. Wenn sich hohe Gäste ankündigen, sucht Gottfried Glaßner fieberhaft nach besonderen Stücken, die er stolz präsentiert.

"Lech Kaczyński war als polnischer Präsident hier, dem habe ich einen dicken Band mit Kupferstichen gezeigt, in dem dargestellt wird, wie die Polen 1683 die Türken besiegt haben", erzählt Glaßner. "Für den Großherzog von Luxemburg habe ich eine Handschrift gefunden, in der seine Familie vorkommt – der hat gestaunt", sagt Glaßner. Und für den Besuch Umberto Ecos fälschten Glaßner und seine Mitbrüder auf einem mittelalterlichen Pergament die Professurkunde eines gewissen Adson und versteckten sie in der Bibliothek so, dass Eco sie finden musste. Gab es Adson von Melk tatsächlich? Natürlich nicht. Und Umberto Eco erkannte die Fälschung auf den ersten Blick.